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Schlaflosigkeit bei Vollmond. Dieses Phänomen ist wissenschaftlich noch nicht vollständig geklärt. Es gibt allerdings Hinweise darauf, dass bei Vollmond der Melatonin-Spiegel im Körper sinkt.
© Joker / picture alliance
 
Neurologie 14. Dezember 2015

„Leiden unter dem Social Jetlag“

Nächtliches Surfen im Internet, Sorgen um den Job, Schichtarbeit und Terror-Ängste führen hierzulande zu einem Anstieg der Schlafstörungen, sagt Schlafcoach Dr. Brigittte Holzinger.

Die gähnende Bevölkerung bereitet der Schlafforscherin Dr. Brigitte Holzinger zunehmend Sorgen. Nicht zuletzt seien permanent surfende Jugendliche betroffen, sagt sie und vermutet, dass das Schlafdefizit der Österreicher seit der bislang letzten epidemiologischen Großuntersuchung im Jahr 2007 deutlich zugenommen hat.

Sieben bis acht Stunden verbringen die Österreicher laut eigenen Angaben im Schnitt mit Schlafen Untergrenze (über einen Zeitraum von 2 Wochen gerechnet) sind 4,5 Stunden. Die Zahlen stammen aus einer epidemiologischen Studie, die vor der jüngsten Finanzkrise durchgeführt wurde. Wie sich Job- und Terrorangst seither ausgewirkt haben, erläutert Brigitte Holzinger vom Institut für Bewusstseins- und Traumforschung.

Wie viele Stunden schläft ein Österreicher im Schnitt?

Holzinger: Es kommt einerseits auf das Alter und andererseits auf das Vorhandensein von Schlafproblemen an. Wenn man wie wir 2007 in einer epidemiologischen Umfrage die Frage stellt: „Wie lange schlafen Sie?“, dann sagen die meisten befragten Österreicher „sieben oder acht Stunden“. Wobei man bei den Frauen tendenziell die acht Stunden findet und die Männer mehrheitlich die sieben Stunden angeben. Damit liegen wir im internationalen Schnitt. Allerdings wurde diese Umfrage vor der Krise gemacht, die für viele Menschen eine Lebensumstellung bedeutet, das heißt, wir haben einen exponentiellen Anstieg von Personen, die Schichtarbeit leisten müssen, wir haben einen exponentiellen Anstieg von Schlafproblemen, die indirekt von Ängsten hervorgerufen werden, vor Jobverlust, auch vor Terroranschläge. Stress und Ängste führen zum sogenannten „hyperarousal“, das Schlafstörungen fördert.

Welche Rolle spielt die permanente Verfügbarkeit durch moderne Kommunikationstechnologien?

Holzinger: Bei Erwachsenen führt die ständige Erreichbarkeit nicht notwendigerweise zu Schlafstörungen, obwohl es den Stresslevel erhöht. Jugendliche, die gerne in der Nacht herumsurfen, sind dem blauen Licht ausgesetzt, dass diese Geräte ausstrahlen und wir wissen aus der Chronobiologie, das Licht mit einem hohen Blautanteil wach hält. Viele Jugendliche leiden unter dem sogenannten Social Jetlag. Bedeutet: Sie gehen immer später schlafen, der Schulbeginn bleibt aber gleich. 8 Uhr war ohnehin immer schon zu früh und durch die Mediennutzung ist es noch einmal zu früh, sodass Jugendliche, die in der Nacht surfen, benachteiligt sind.

41 Prozent der Deutschen haben Angst vor Schlafstörungen (Max Grundig-Klinik Brühl, Anm.).

Holzinger: Die epidemologischen Daten sind gut vergleichbar, in Österreich war die Situation immer ein bissl besser. Die Krise von 2008 hat sicher auch mit den Österreichern etwas gemacht in puncto Schlaf.

Welche Auswirkungen sehen Sie?

Holzinger: Es gibt körperliche, physiologische Folgen, die die körperliche Gesundheit betreffen, dann gibt es psychische Folgen, es gibt Langzeitfolgen und Folgen, wenn man drei Nächte nicht geschlafen hat. Die Langzeitfolgen betreffen hauptsächlich das kardiovaskuläre System, Bluthochdruck zum Beispiel. Bei der Schlafapnoe ist bekannt, dass sie direkt das Herz-Kreislauf-System schädigt. Dann geht es vorrangig um Diabetes, weil die Insulinverarbeitung im Schlaf stattfindet und wenn man nicht schläft wird das gestört. Der dritte große Themenkreis sind Verdauungsprobleme, Schichtarbeitern haben damit zu kämpfen, was die Entwicklung von malignen Erkrankungen in dieser Bevölkerungsgruppe begünstigt.

Es ist bekannt, dass die Depressionsrate steigt und die Lebenslust sinkt, es gibt Konzentrations- und Stimmungsprobleme, wenn man über lange Zeiträume zu wenig schläft, und man kriegt Suchttendenzen schwerer unter Kontrolle. Kurzfristig kann Übermüdung Halluzinationen erzeugen, Konzentrationsprobleme.

Wenn ich einfach nicht einschlafen kann, ab wann muss ich mir ernsthaft Sorgen machen?

Holzinger: Am besten macht man sich keine Sorgen, weil das zusätzlich zu Schlafproblemen führt. Wenn man über einen Zeitraum von drei Monaten mindestens dreimal pro Woche nicht oder ganz schlecht schläft, sollte man einen Experten aufsuchen.

Das Gespräch führte Martin Burger.

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