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© Fred Toulet/Opera de Paris/Leemage/dpa
Maria Bengtsson (Pamina) und Russell Braun (Papageno) in der Opera de Paris. Von einem Papageno-Effekt spricht man, wenn bestimmte Suiziddarstellungen suizidpräventiv wirken.
© Martin Schutt/dpa

Theaterblut fließt: Auf der Bühne proben Carola Guber als Charlotte und Richard Carlucci als Werther eine Szene der Oper von Massenet. Die gefürchtete Vorbildwirkung der Handlung lässt sich nicht immer eindeutig nachweisen.

 
Psychiatrie und Psychotherapie 27. Dezember 2015

Zwischen Werther und Papageno

Expertenbericht:Positive und negative Effekte von Suizidberichten halten sich oft die Waage.

Suizide und Suizidversuche treten zeitlich und örtlich gehäuft auf, woraus geschlossen wurde, dass Suizidalität auch durch Nachahmung erklärt werden kann. Damit kommen auch mediale Suizidvorlagen als Ursache infrage, was als „Werther-Effekt“ bezeichnet wird. Unlängst konnten Belege für einen umgekehrten Effekt („Papageno-Effekt“) erbracht werden, wonach bestimmte Suiziddarstellungen auch suizidpräventiv wirken. Daneben gibt es aber auch etliche Untersuchungen über Suizid-Meldungen in Tageszeitung und Fernsehen ohne eindeutigen Befund.

Diese neuere perspektivische Erweiterung auf das Forschungsfeld spricht einerseits dafür, dass Medienwirkungen auf die individuelle Suizidalität bisher nicht vollkommen verstanden worden sind, und lenkt andererseits den Blick der Forschung auf extreme Medienwirkungen, wodurch nicht eindeutige Befunde aus dem Fokus verschwinden. Um dem entgegenzusteuern, wurden im Rahmen der vorliegenden Literaturübersicht Studien ohne eindeutige Befunde zur medieninduzierten Suizidnachahmung identifiziert (n=25) und anhand vier definierter Kriterien kategorisiert. Im Ergebnis zeigt sich, dass die identifizierten Studien vor allem in ihrer theoretischen Fundierung und im Untersuchungsdesign homogen sind, während die in den Studien untersuchten Medien und die zentralen Untersuchungsgrößen recht heterogen sind.

Die Diskussion über Medienwirkungen auf die individuelle Suizidalität in der Bevölkerung ist von der Vorstellung einer dichotomen Medienwirkung geprägt: Suizidberichte führen demnach entweder zu zusätzlichen Suiziden (Werther-Effekt) oder sie verhindern diese (Papageno-Effekt). In Literaturreviews wird dagegen auch auf Studien hingewiesen, die nicht eindeutige Befunde zutage gefördert haben. Diese Arbeiten wurden bisher allerdings nicht systematisch identifiziert und gesondert besprochen, sondern wurden in der Regel zusammen mit Studien referiert, die einen Werther- oder Papageno-Effekt eindeutig nachweisen.

So werden etwa in einer aktuellen Übersichtsarbeit zum Werther-Effekt explizit neun englischsprachige Studien genannt, die einen Nachahmungseffekt als Folge von Suizidberichten nicht eindeutig belegen, ohne diese allerdings tiefergehend zu besprechen. Der vorliegende Aufsatz nimmt diese Forschungslücke zum Anlass für die Analyse von Studien, die von den jeweiligen Autoren selbst als „nicht eindeutig“ bezeichnet werden. Wir greifen auf eine alternative Technik der Metaanalyse zurück, die propositionale Metaanalyse. Dabei werden Studien systematisch identifiziert und anschließend anhand ausgewählter Kriterien (Propositionen) inventarisiert. Die Propositionen können sich etwa auf die Methodik, Untersuchungsanlage oder die kontrollierten Drittvariablen der Untersuchungen beziehen. Eine quantifizierende Kodierung von Effektstärken oder anderen Untersuchungsparametern findet dagegen nicht statt. Die vorliegende Arbeit setzt sich zum Ziel, die Literatur zum Werther-Effekt mit besonderem Fokus auf Studien mit nicht eindeutigen Befunden mithilfe der propositionalen Metaanalyse systematisch aufzuarbeiten, um diesen Literaturbestand für die Forschung und Praxis sichtbar zu machen und damit die Konturen des Forschungsfeldes weiter zu schärfen.

Einige Anmerkungen zur Untersuchungsmethode: Zur Identifikation von Studien ohne eindeutige Befunde wurde eine Recherche in den Literaturdatenbanken Communication & Mass Media Complete, Academic Search Complete, Medline, Soc Index with Full Text, PsycInfo, PsychArticles, PsycBooks, und Psyndex: Literature and Audiovisual Media with Psyndex Tests durchgeführt. Der Recherchezeitraum reicht vom Erscheinungsjahr der ersten Studie zu Nachahmungssuiziden (1967) bis September 2012.

Die theoretische Fundierung der Studien ohne eindeutige Befunde ist insgesamt sehr homogen. Die Studien berufen sich fast ausnahmslos (in 24 von 25 Fällen) auf die simple Suggestionsthese, obwohl diese das Phänomen streng genommen eher deskriptiv beschreibt als es theoretisch zu erklären. Es bleibt ungeklärt, welche Prozesse durch mediale Inhalte in den betroffenen Rezipienten stattfinden und letztlich zur Suizidnachahmung führen. Vielversprechend erscheinen demgegenüber die wenigen Arbeiten, deren theoretische Annahmen breiter formuliert sind (6 von 25 Studien). Diese Studien stützen sich in erster Linie auf die sozialkognitive Theorie, wobei die Nachahmungswahrscheinlichkeit infolge der Beobachtung eines Suizidmodells durch eine Reihe intervenierender Variablen moderiert werden kann (Grad der Offensichtlichkeit der Handlung; Ähnlichkeit zum Modell; Belohnung für Aufmerksamkeit; Ausführungskompetenz; positive Konsequenzen des Verhaltens). Solche ergänzenden theoretischen Aspekte finden sich noch seltener (5 von 25 Studien).

Hinsichtlich der Hypothesenformulierung lässt sich festhalten, dass nur eine einzige Arbeit, einen Papageno-Effekt explizit einschließt. Dadurch schränken sich die Studien ex ante selbst ein und verstellen sich den Blick für nicht eindeutige empirische Beobachtungen, die theoretisch nicht eingeordnet werden können und sich so einer Überprüfung entziehen.

Der theoretische Mehrwert, grundsätzlich von beiden Effektrichtungen auszugehen, liegt in der angemesseneren Beschreibung der Realität. Ausschlaggebend für die Effektrichtung sind sowohl moderierende Eigenschaften der Medienbotschaft als auch die Eigenschaften des Individuums. Beide Komponenten können sich prinzipiell auch in ihrer Wirkung aufheben, was sich in nicht eindeutigen Effekten ausdrücken würde oder auch erst indirekt wirksam werden.

Nahezu alle anderen untersuchten Studien (22 von 25) basieren auf Aggregatdaten, die zur Zusammenhangsanalyse verwendet wurden. Abgesehen von wenigen Experimentalstudien (3 von 25 Studien) wurden nur selten weitere Datenerhebungsverfahren (ergänzend) eingesetzt. Die geringe Anzahl an Experimenten lässt sich sicherlich auch auf ethische Bedenken in diesem Forschungsfeld zurückführen.

Nur wenige Arbeiten setzen sich mit der Intensität und dem Ausmaß des Medieneinflusses auseinander.

Selbst wenn Aggregateffekte ausbleiben, können flankierende Patientenbefragungen zeigen, dass im Einzelfall sogar sehr deutliche Medienwirkungen (etwa auf die individuelle Suizidabsicht) beobachtbar sind.

Flankierend zur Analyse von Aggregatdaten (n=22) führten nur fünf Studien eine Inhaltsanalyse oder zumindest eine Grobkategorisierung der untersuchten Suiziddarstellungen durch. So unterscheidet etwa Wasserman Medienberichte danach, ob diese Prominentensuizide beinhalten oder Suizide von nicht prominenten Personen. Aggregatdatenanalysen alleine verstellen ebenso den Blick auf medieninduzierte Suizidalität wie unzureichende theoretische Modellierungen des Phänomens. Hinsichtlich des Untersuchungsdesigns muss sichergestellt werden, dass die zentrale Einflussgröße, die Suizidberichte bzw. -darstellungen in den Medien, in Studien berücksichtigt oder künftig sogar genauer untersucht werden als bisher. Ein genauer Blick auf die Qualität der Suizidberichterstattung lohnt sich und wirft gleichzeitig die brisante Frage auf, inwiefern sich schädliche und protektive Effekte verschiedener Berichte in den Studien ohne eindeutige Befunde überlagern und so einen globalen Effekt verdecken.

Untersuchte Massenmedien

Die in Studien ohne eindeutige Befunde untersuchten Medien sind recht heterogen. Überwiegend sind es Untersuchungen zu Suizidberichten von Tageszeitungen (10 von 25 Studien), es finden sich allerdings beinahe ebenso viele Studien zum Fernsehen in der Stichprobe (8 von 25 Studien). Seltener sind dagegen Studien zur Wirkung von Filmen oder anderen Medien. Interessanterweise untersuchen nur drei Arbeiten Medienwirkungen anhand mehrerer Medien. Durch die Fokussierung der Studien auf ein Medium wird die Realität der Mediennutzung allerdings nur unzureichend abgebildet, sodass folglich nicht uneingeschränkt auf Medienwirkungen im Aggregat geschlossen werden dürfte. Ausdifferenziertere Betrachtungen des genutzten Medienrepertoires wären wünschenswert.

Heterogen verhält es sich mit den zentralen Einflussgrößen der Untersuchungen, etwa ob der Einfluss fiktionaler (9 von 25 Studien) oder nonfiktionaler Medieninhalte (13 von 25 Studien) auf Suizide in der Gesellschaft oder auf das weiter gefasste Konstrukt der Suizidalität (in 7 von 25 Studien) untersucht wird. Fast alle Arbeiten halten sich dabei an den wissenschaftlichen Standard der angemessenen Kontrolle relevanter Drittvariablen (20 von 25 Studien). Die statistische Modellierung erscheint also insgesamt ähnlich wie die Fokussierung auf verschiedene Medien heterogen zu sein und bietet damit grundsätzlich ausreichend Raum für verschiedene Medienwirkungen.

Kontinuum zwischen Extremen

Durch die Fokussierung auch auf ausschließlich nicht eindeutige Befunde zum Werther-Effekt gewinnt der Forschungsbereich Medien und Suizide an Präzision: Jede Sensibilisierung für nicht eindeutige Befunde in einem Forschungsfeld trägt zu dessen genauerer Kartierung bei. Die Tatsache, dass zwischen den Befunden zum Werther- oder Papageno-Effekt nicht eindeutige Arbeiten existieren, ist testtheoretisch zu erwarten, wird dennoch nicht von der wissenschaftlichen Publikationspraxis reflektiert. Letztlich verdeutlichen die nicht eindeutigen Befunde die existierenden Grauschattierungen zwischen den beiden Extremen. Der Zusammenhang zwischen Medien und Suizidalität sollte vor dem Hintergrund der zahlreichen nicht eindeutigen Studien besser als Kontinuum verstanden werden, dessen Endpunkte auf der einen Seite der schädliche Werther-Effekt und auf der anderen Seite der protektive Papageno-Effekt bilden.

Aus wissenschaftlicher Sicht ist es am wahrscheinlichsten, dass der Einsatz ungeeigneter Untersuchungsdesigns dafür verantwortlich ist, dass die wissenschaftliche Durchdringung medieninduzierter Suizide nicht schneller vorankommt. Zwar erfuhr der Forschungszweig unlängst durch die Hinweise auf einen Papageno-Effekt frischen Wind, dieser sollte nach Möglichkeit aber auch dazu genutzt werden, dass sich die Forschung in eine vielversprechende Richtung bewegt, anstatt bisherige Beobachtungen in umgekehrter Richtung zu prüfen. Im Scheinwerferlicht der Betrachtung nicht eindeutiger Studien wird deutlich, dass es bereits früh Studien gab, die für eine differenziertere Sichtweise auf den Einfluss suizidaler Mediendarstellungen plädierten, wenn ein entsprechender Theorierahmen zur Verfügung gestanden hätte.

Der vorliegende Beitrag möchte dazu animieren, Befunde, die zwischen einem Werther-Effekt und einem Papageno-Effekt liegen, zu publizieren und sie theoretisch zwischen den beiden Effektextremen zu verorten – die entsprechenden Verweise auf die anderen dort angesiedelten Beiträge sind im Rahmen dieser Arbeit zusammengetragen worden. Letztlich können positive und negative Effekte zur gleichen Zeit bei verschiedenen Personen auftreten, sodass sich in der aggregierten Betrachtung gar kein Effekt zeigt – auch diese Möglichkeit sollte in empirischen Arbeiten grundsätzlich geprüft werden.

In der Kommunikationswissenschaft entspricht dies dem Gedanken an kumulative Medienwirkungen in einer Medienrealität, in der Suizidberichte gleichzeitig von verschiedenen Medien veröffentlicht werden und denen Personen mit verschiedenen Prädispositionen ausgesetzt sind.

Wie bei der theoretischen Auseinandersetzung mit dem Werther- und Papageno-Effekt ist es auch in der Praxis nicht einfach, medieninduzierter Suizidalität adäquat zu begegnen. Die Wissenschaft neigt dazu, Medienwirkungen auf die individuelle Suizidalität zu dichotomisieren und dementsprechend als entweder schädlich oder hilfreich zu kategorisieren. Die Existenz zahlreicher empirischer Arbeiten, die dieser Heuristik widersprechen und die hier gesondert besprochen worden sind, liegt quer zu dieser heute üblichen Praxis und möchte theoretisch neue Impulse geben. Durch die vorliegende Untersuchung wurde etwa die Frage neu aufgeworfen, wodurch sich bei solchen mittleren Ergebnissen die nicht eindeutige Gestimmtheit in Richtung einer suizidalen Handlung verschiebt. Für die therapeutische Praxis erscheint es vor dem Hintergrund der vorliegenden Untersuchung Erfolg versprechend, im Patientengespräch individuell bedeutsame bzw. bewegende Medieninhalte zu thematisieren und dabei sicherzustellen, dass diese Medieninhalte von den Rezipienten so verarbeitet worden sind, dass diese dem Therapieverlauf nicht im Weg stehen. Medien spielen im Zusammenhang mit individuellen suizidalen Krisen eine wichtige Rolle, das muss als empirisch abgesicherter Befund akzeptiert werden.

Der vorliegende Beitrag zeigt darüber hinaus, dass das Spektrum an Medieneinflüssen, das zwischen einem sogenannten „Werther“- und einem „Papageno“-Effekt liegt, zudem größer sein dürfte als bisher angenommen.

Der korrespondierende Autor, Dr. Sebastian Scherr, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Die ungekürzte Originalpublikation „Zwischen dem Werther- und Papageno-Effekt“ ist erschienen in „Der Nervenarzt“ 86/2015, DOI 10.1007/s00115-015-4260-6, © Springer-Verlag.

Sebastian Scherr und Anna Steinleitner, Ärzte Woche 49/2015

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