zur Navigation zum Inhalt

 
Autor Bert Ehgartner: „Antibiotika gehören zu den wenigen wirklichen Heilmitteln und werden daher vorsichtshalber angewandt."
© Michael Janousek

 
Infektiologie 4. November 2015

VIDEO: Das ist kein Schmutz

Bert Ehgartner hat ein Buch geschrieben: „Die Hygiene Falle.“ Kontroversen sind vorprogrammiert.

Sind wir zu pingelig, zu besorgt um unsere Hygiene? Darf ein Kind einen Ohrenschlürfer oder einen Regenwurm verspeisen, einen Klumpen Erde oder Sand am Spielplatz in den Mund nehmen? Autor Ehgartner sagt: Ja, es soll, ja, es muss das sogar tun, damit sich unsere „alten Freunde“, die Mikroben, wieder in uns einnisten. Darf man so etwas laut sagen, ohne die historischen Verdienste der Hygiene zu schmälern. Darf man, ja, sollte man sogar. 

Einen Welttag des Händewaschens gibt es. Wir haben ihn am 15. Oktober begangen. Doch man könnte mit Fug und Recht auch einen Welttag der nicht gegebenen Schmutzimpfung, des zerstörten Mikrobioms, der bedeutenden Symbiose Mensch-Mikrobe oder einen Tag der nicht-verschriebenen Antibiotika feiern. Tun wir aber nicht.

Dafür gibt es Ratschläge, sinnvolle Ratschläge wohlgemerkt: Florian Thalhammer, Leiter der klinischen Abteilung für Infektionen und Tropenmedizin der MedUni Wien, rät dazu, die Hände mindestens 20 Sekunden lang mit Seife gründlich zu waschen. Gerade in der kalten Jahreszeit biete effektive Handhygiene die beste Vorbeugung zum Beispiel gegen Influenzaviren.

Das ist die eine Seite, die andere ist eine Antibiotika-Verschreibungswut, die in den heimischen Arztpraxen enorme Ausmaße angenommen hat. Die Zahlen hat der Medizinjournalist Bert Ehgartner für sein neues Buch „Die Hygiene Falle“ recherchiert.

Spitzenreiter sind die USA, wo jährlich außerhalb von Krankenhäusern 262 Millionen Antibiotika-Kuren verschrieben werden, das sind 842 pro 1.000 Personen. Am häufigsten sind Kinder betroffen. Aus den Verschreibungsdaten geht hervor, dass ein amerikanisches Kind in den ersten zwei Lebensjahren im Durchschnitt dreimal Antibiotika bekommt.

Und weiter: In Europa ist die Situation in manchen Ländern durchaus damit vergleichbar. Am verschreibungsfreudigsten sind Ärztinnen und Ärzte in Griechenland, Zypern und Italien, wo jährlich fast 50 Prozent der Bevölkerung therapiert werden. Den Gegenpol bilden die Niederlande, die Schweiz und Schweden, wo weniger als 20 Prozent Antibiotika erhalten.

In Österreich wird laut Ehgartner „wahnsinnig viel dokumentiert und erhoben. Ich glaube die Daten sind alle da, aber dass man auf sie zugreifen, sie verknüpfen kann, war bisher nicht üblich. Jetzt sollen mit Daten des Hauptverbands Ergebnisse der Gesundenuntersuchung ausgewertet werden. Das wäre eine Premiere.“ „Die Hygiene Falle“ ist der programmierte Aufreger.

Begründung: Ehgartner ist als Impfkritiker für viele ein rotes Tuch. „Die klassische Antibiotika-Karriere beginnt mit einer Mittelohr-Entzündung. Auf der Universität wird nach wie vor unterrichtet, dass es ein Kunstfehler ist , wenn man nichts gibt. Seit der Zeit von Alexander Fleming (Virologe und Entdecker des Penicillins, Anm.) hat sich nicht viel geändert: Man darf die Kur nicht mittendrin abbrechen, man muss Antibiotika so lange geben bis alles hin ist, damit kein Bakterium überlebt, das resistent werden könnte, das ist der allgemeine Hygiene- und Seuche-Gedanke: Ausrotten bis zum letzten Bakterium. Dass der Kollateralschaden am Mikrobiom stark ist und dass Antibiotika überhaupt Nebenwirkungen haben“, das habe man bisher mit dem Hinweis „ein bisserl Durchfall“ abgetan.

Die Gründe für den Durchfall, das „Massensterben im Darm“, würden negiert. Dass die Nebenwirkungen massiver seien als die Resistenzproblematik, sei ein neuer Gedanke, sagt Ehgartner. Zitat aus dem Ehgartner-Buch: Immerhin eines von 14 Kindern reagierte auf die Mittel mit Brechdurchfall, allergischen Hautausschlägen und anderen Nebenwirkungen.

Die Cochrane Collaboration, eine Vereinigung, deren Ziel es ist, für medizinische Entscheidungen auf Basis der bestmöglichen Evidenz Empfehlungen zu geben, empfiehlt: „Antibiotika sollten schweren Verläufen vorbehalten werden.“ Dazu zählen: eine beidseitige Mittelohrentzündung bei Babys oder schwer verlaufende Entzündungen mit Ausfluss. Auf Anfeindungen als Hygiene-Gegner, nach dem Motto: „Viel Feind, viel Ehr“, kann Ehgartner verzichten. Er wünscht sich eine Neuorientierung: „Das erste was du bei Diskussionen über Antibiotika hörst, ist das Resistenz-Mantra.“ Stattdessen will er die Rolle des Mikrobioms in den Vordergrund rücken, sowie die Zusammenhänge mit dem Auftreten von Allergien und von entzündlichen Darmerkrankungen.

„Die Hygiene Falle“ ist aber ein Buch, in dem es nicht nur um unnötige Antiobiotika-Gaben geht, sondern auch um „intelligente Impfungen“. Ehgartner im O-Ton können sie via „Scio Viewer App“ direkt auf dieser Seite abrufen. Wie es funktioniert, lesen Sie auf Seite 1.

„Die Hygiene Falle“ (Ennsthaler Verlag, 260 S., 19,90 Euro) wird am 13. November bei Frick am Graben präsentiert (19 Uhr).

Martin Burger, Ärzte Woche 45/2015

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben