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Praxis 19. Oktober 2015

Unbelehrbare Patienten

Patientin warb mit Schmeicheleien bei Ärztin um Verständnis: „Ich habe so einen Stress.“

Ärztliche Erfahrung beschränkt sich nicht auf medizinisches Fachwissen. Sie entsteht auch aus alltäglichen, heiter, ärgerlich oder nachdenklich stimmenden Erlebnissen. Manche Patienten wollen sich einfach nicht helfen lassen.

Die Patientin kam von weit her, weil ihr irgendwo in den Medien mein Namen aufgefallen war, schreibt Dr. Frauke Höllering in den Münchener Medizinischen Wochenschriften (17/2015). Bei der Terminvereinbarung wurden die Vorzimmer-Damen stutzig, weil sie so begeistert von der Ärztin schwärmte. Nicht, dass sie diese nicht für eine gute Ärztin hielten, aber solche Lobeshymnen (und das im Voraus, ohne dass die beiden einander schon kennengelernt hätten) waren ihnen zu Recht suspekt. Höllering auch, denn sie weiß, dass niemand solch hochgesteckten Erwartungen entsprechen kann.

Nun war die Patienten aber da, und es wurde so schwierig, wie das Ordinationsteam befürchtet hatte. Die Dame schleppte ein riesiges Bündel psychosomatischer Last mit sich und hatte für alles und jedes Erklärungen parat, an denen sie auch nicht rütteln wollte. Alle anderen Ärzte hatten sie angeblich bitter enttäuscht. Nein, sie wisse zwar, dass sie ihren ungesunden Lebensstil ändern müsse, aber das könne sie nicht, sagte sie. Schließlich habe sie viel zu viel Stress dafür.

Eine gründliche Untersuchung hätte sie vor Jahren mal gemacht; der „irre hohe „ Cholesterinspiegel damals hätte an ihrer Nascherei gelegen, die sie aber nicht ändern wolle, schließlich brauche sie all das Süße. Medikamente nähme sie generell nicht, denn man wisse ja, dass diese nicht gesund seien.

Wortlos aus der Tür

Die Ärztin erklärte ihr, dass sie zwar manchmal ganz nett sei, aber nicht daran dächte, ihre Zeit jemandem zu widmen, der nicht zur Mitarbeit bereit wäre. Ihre Kraft wäre ihr zu schade dafür, um sich über schlechte Stoffwechselwerte zu ärgern, die sie nur dokumentieren, aber nicht korrigieren dürfe, weil weder gesunde Ernährung noch Medikamente akzeptiert würden. Dann bat sie die Patientin, sich einen anderen Hausarzt zu suchen. Sie war noch sprachlos, als sie aus der Tür ging.

Warum war die Ärztin so kompromisslos? Weil sie nicht die erste war, mit der mir das passiert ist! Für ihre eigene gute Stimmung habe sie sich versprochen, nichts Hoffnungsloses mehr zu beginnen, das ihr die Kraft raubt. Die brauche sie für Patienten, die sich wenigstens ein Minimum an Mühe geben.

springermedizin.de, Ärzte Woche 43/2015

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