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Eine Operationsszene mit Stethoskop! Prof. Klaus Brinkmann beim Retten seines Filmsohns Udo. © dpa
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Sascha Hehn als Dr. Udo Brinkmann und Barbara Wussow als Lernschwester Elke.

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Chefarzt Brinkmann (Klausjürgen Wussow) heiratet Schwester Christa (Gaby Dohm). / dpa

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Schneekugel „Made in Hongkong“ aus einem Souvenirladen im Glottertal, Drehort der Serie. / dpa/lsw

 
Leben 19. Oktober 2015

Der Schwarzwaldklinik-Report: "barbarischer Blödsinn"

Vor 30 Jahren wurden in der Fernseh-Schwarzwaldklinik erstmals gewagte Diagnosen gestellt.

Klischees zum Ärgern und Ärzte zum Anhimmeln. Die „Schwarzwaldklinik“ bot für Millionen TV-Zuschauer weltweit harmlose Unterhaltung. Die Anliegen der Patienten spielten hingegen eine untergeordnete Rolle.

Der feiste Landarzt Dr. Marker knallt den Hörer auf die Gabel. Der fesche Spitalsarzt Brinkmann am anderen Ende der Leitung blickt konsterniert. Hat ihn da gerade jemand persönlich angegriffen? Seher in Deutschland, Österreich und der Schweiz und wo immer die „Schwarzwaldklinik“ in den 1980ern sonst noch zu sehen war, halten den Atem an. Wenige Sendesekunden zuvor hat Marker eine Diagnose des verehrten Brinkmann als „barbarischen Blödsinn“ bezeichnet. Ja, darf der das überhaupt, fragen sich viele Fans vor den TV-Geräten.

Als würde er die Empörung spüren, fegt Dr. Brinkmann die Anwürfe von wegen verkanntem Blinddarmdurchbruch vom Tisch: „Du, Marker, pass mal auf. Die Bauchdecke war weich und elastisch, der McBurney war negativ und eine Schwellung der Mandeln haben wir auch nicht feststellen können.“(Aus Folge 12: Die falsche Diagnose). Alles klar? Da soll noch einer sagen, Ärzteserien seien schlecht recherchiert.

Am 22. Oktober 1985 startete die „Schwarzwaldklinik“. Anders als bei der zur gleichen Zeit ausgestrahlten Öl-Oper „Dallas“, dessen markante Figuren – der intrigante J.R., der brave Bobby, der rustikale Ray, die gütige Miss Ellie, der tote Jock, die dralle Lucy – bis heute in Erinnerung geblieben sind, ist der Cast der „Schwarzwaldklinik“, obwohl schauspielerisch top-besetzt, eher blass, es bleibt ein Gefühl, eine Stimmung über, eine heile Welt halt.

Die Serie polarisiert, viele halten sie für kitschig, andere für doppelbödig. Serien-Fan Irene: „Ich hab sie mir wegen der Männer angeschaut.“ Etwas schlüpfrig findet sie, dass „Schwester Christa“, bevor sie den Chefarzt Klaus ehelichte, eine Affäre mit dessen Sohn Udo (Sascha Hehn) hatte. Die Wienerin Karin war beim Sendestart ein Teenager. Sie erinnert sich an Sascha Hehn aber nicht an Details, „ich war ja noch so jung“.

Und was sagen die Ärzte selbst zur medizinischen Aufklärung durch das öffentlich-rechtliche deutsche Fernsehen? Zitat aus dem Tagungsbericht eines Treffens über Ethik in der Medizin in Lübeck 2001 (DOI 10.1007/s004810100130): Von Seiten der Kliniker wurde immer wieder beanstandet, dass von den Fernsehmachern auf der Jagd nach Einschaltquote ein unrealistisches und z. T. auch ein falsches Bild „der Medizin“ dargestellt werde. Allerdings wachse andererseits die Nachfrage nach einer Entmythisierung des „Halbgottes in Weiß“, ebenfalls vorrangig in kontemporären Arztserien.

Die Produzenten der „kontemporären“ Arztserie sind reumütig: In diesem Kontext räumten auch die Vertreter der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten ein, den avisierten Stoff natürlich in einer möglichst interessanten Form darzustellen. Dabei seien sie aber auch auf die Seriosität der Mediziner angewiesen, die naturgemäß die primären Informationsquellen für ein Fachmagazin sind. So falle es den Filmemachern schwer, zu entscheiden, ob es sich bei einem Thema beispielsweise um eine tief greifende Neuerung handele oder um ein (noch) nicht realisierbares Zukunftsgespinst, für das ein breites Publikum gesucht werde.

Im Unterschied zu neueren Arztserien spielen Patienten in der „Schwarzwaldklinik“ eine untergeordnete Rolle, konstatieren Sabine Igersky und Norbert Schmacke im Band „Gesundheitskommunikation“ (© Springer Verlag 2000, 338 S., Softcover € 51,39).

Die folgende „Schwarzwaldklinik“-Szene unterstreicht das:

Patient: Na, was sagen die Mediziner? Kann ich meine Bretter bald wieder anschnallen?

Arzt: Ja, als Skilangläufer. Das mit dem Wasserskifahren war nicht so deine Stärke.

Patient: Sie haben mich ja auch so provoziert, damals.

Freundin: Ja, das kann ich bestätigen. Er hat Sie gesehen, ganz schneidig, und dann wollte er mir beweisen, dass er es auch kann.

(Der Patient wird von seiner Freundin weggefahren. Sein Stationsarzt und der Chefarzt tauschen sich jetzt über die ungewisse Prognose des Patienten aus.)

Igersky und Schmacke schreiben: Während der Patient die Frage nach seiner Zukunft ernst meint, geht sein Stationsarzt flapsig über sein Anliegen hinweg. Der scheinbar lockere Umgangston verbirgt, dass eine Kommunikation, welche das Anliegen des Patienten (seine Zukunftsperspektive) berücksichtigt, nicht stattfindet.

Keine Rede vom mündigen Patienten, dem der Arzt auf Augenhöhe begegnet. Die Rollen sind noch klar verteilt. „Die Botschaft zumindest dieser Folge der ersten Generation deutscher Arztserien an die Zuschauer könnte lauten: Wenn Patienten überhaupt zu Wort kommen, sind sie nicht mehr als Stichwortgeber.“

Tabubrüche

-Fazit von Christoph Silber aus der Kultur-Redaktion des Kurier: „Auch wenn die Schwarzwaldklinik eine Schmonzette war, wurden in der Serie Themen angesprochen, die damals einem Tabu-Bruch glichen: Kunstfehler, Sterbehilfe, Vergewaltigung oder Kindesmisshandlung.“ Die Folge zu letzterem Thema, „Steinschlag“, durfte in Deutschland erst mit einem Jahr Verspätung auf Sendung und wurde auch bei späteren Wiederholungen ausgespart.

Was wurde aus ...?

So viel Freude die Schwarzwaldklinik Zusehern machte, brachte sie nicht jedem Akteur Glück. Allen voran Klausjürgen Wussow, der auch im wirklichen Leben einmal Arzt werden wollte. Das Ensemble-Mitglied des Burgtheaters (bis 1986) wurde vom damaligen Intendanten Claus Peymann aussortiert und „für die Bühne verloren“ erklärt. Klaus Jürgen Wussow blieb Chefarzt – in der „Klinik unter Palmen“. „Schwester Christa“ Gaby Dohm starb vor Kurzem den Serientod. Als Mutter Oberin in der Fernsehserie „Um Himmels Willen“. Übrigens: Was für ein Serientitel!

Martin Burger, Ärzte Woche 43/2015

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