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© Werner T. / panthermedia.net
 
Intensiv- und Notfallmedizin 28. September 2015

Notfall im Flugzeug: Ist ein Arzt an Bord?

Medizinische Notfälle an Bord eines Flugzeuges kommen regelmäßig vor. Mit ein paar grundlegenden Tipps und Tricks wissen Ärzte, was im Fall der Fälle zu tun ist.

Ein Notfall an Bord eines Urlaubsfliegers kann jederzeit auftreten und jeder mitfliegende Arzt ist zur Hilfe verpflichtet. Gut, wenn man dann die wichtigsten Grundregeln der Versorgung in der Luft parat hat, um mit den begrenzten medizinischen Mitteln an Bord zurechtzukommen.

Auch im Urlaub müssen Ärzte damit rechnen, auf einen Patienten zu treffen – etwa an Bord eines Flugzeugs. Was für die einen kein Problem ist, lässt den anderen schon unmittelbar nach der Durchsage, ob ein Arzt an Bord sei, den Schweiß ausbrechen. Schätzungen zufolge kommt auf 604 Flüge mindestens ein Notfall. Jose Nable von der Georgetown University, Washington und Kollegen haben in einem Review die wichtigsten medizinischen Notfälle in der Luft zusammengefasst.

Synkopen: Mit 37,4 Prozent zählen Synkopen und Präsynkopen zu den häufigsten Ereignissen auf Flügen. Durch die trockene Luft in der Kabine kommt es häufig zu Dehydratation sowie verringertem Sauerstoffpartialdruck. Bei der Erstversorgung stehen dann Blutdruck- und Pulsmessung im Vordergrund. Wenn die einfachste Maßnahme der fachgerechten Lagerung auf dem Boden mit angehobenen Beinen nicht ausreichend fruchtet, sollte eine Infusion verabreicht und wenn möglich, der Blutzucker bestimmt werden. Handelt es sich um einen älteren Patienten mit schwerer Herzerkrankung, ist möglicherweise eine Empfehlung zur Umkehr oder vorzeitigen Landung ratsam.

Atemnot: Patienten mit Erkrankungen des Respirationstrakts kann der geringe Sauerstoffgehalt in der Flughöhe zu schaffen machen. Tatsächlich gehen etwa zwölf Prozent der Notfälle an Bord auf das Konto respiratorischer Beschwerden wie etwa der Exazerbation einer COPD. Mit zunehmender Höhe zeigen sich oft auch schwere Hypoxien bei Patienten mit pulmonaler Hypertonie. Solche Patienten benötigen möglicherweise zusätzlichen Sauerstoff. Im Notfallkoffer der Airlines befindet sich zudem ein salbutamolhaltiges Dosieraerosol zur Behandlung von Bronchospasmen. Bei Verdacht auf einen Pneumothorax bei instabilen Patienten kann eine improvisierte Nadeldekompression nötig sein.

Akutes Koronarsyndrom: Kardiale Symptome repräsentieren acht Prozent aller medizinischen Notfälle in Flugzeugen. Bei Brustschmerz und Verdacht auf ein akutes Koronarsyndrom wird für die meisten Erwachsenen, sofern keine Blutung oder Allergie bestehen, ASS empfohlen. Nitroglyzerin zur sublingualen Applikation befindet sich ebenfalls in der Notfallausrüstung der Flugzeuge, sollte aber vorsichtig eingesetzt werden. Atemproblemen kann durch Sauerstoffgabe und eine niedrigere Flughöhe begegnet werden. Bei Verdacht auf akuten Infarkt und instabilem Patienten ist eine schnelle Landung sinnvoll. Ein Herzstillstand tritt zwar nur bei 0,3 Prozent der Notfälle auf, er ist aber verantwortlich für fast alle Todesfälle (86 Prozent) in der Luft. Führen Herz-Lungen-Wiederbelebung und Defibrillation innerhalb von 20 bis 30 Minuten nicht zum Erfolg, sollten diese Maßnahmen beendet und der Tod des Patienten festgestellt werden.

Bewusstseinsveränderung: 5,8 Prozent aller Notfälle in Flugzeugen stehen in Zusammenhang mit einer veränderten Bewusstseinslage. Komplikationen infolge eines Diabetes machen 1,6 Prozent aus.

Hinter solchen Veränderungen können Stoffwechselstörungen, Infektionen, Gefäßerkrankungen, Traumata, Hypoxien oder Intoxikationen stecken. Auch liegt die Schwelle für Krampfanfälle oder Unruhezustände in der Höhe niedriger. Besteht eine Hypoglykämie müssen orale Kohlenhydrate oder intravenös Dextrose verabreicht werden. Zudem kann für diese Patienten eine geringere Flughöhe hilfreich sein.

Psychiatrische Notfälle: 3,5 Prozent der Notfälle in Verkehrsmaschinen basieren auf psychiatrischen Gründen. Verlängerte Check-in-Prozeduren, verspätete Flüge, verstärkte Sicherheitskontrollen, beengte Flugkabinen und Alkoholkonsum sind potenzielle Stressfaktoren für Menschen mit ohnehin angespanntem Nervenkostüm.

In einer psychiatrischen Notlage müssen zunächst körperliche Gründe wie etwa eine Hypoglykämie ausgeschlossen werden. Wenn Versuche zur Beruhigung und Deeskalation nicht erfolgreich sind, kann zum Schutz der anderen Passagiere eine Fixierung des Patienten nötig sein, da die Notfallausrüstung der Airlines keine Sedativa beinhaltet.

Schlaganfall: Schlaganfälle machen etwa zwei Prozent der Notfälle in der Luft aus. Auch wenn eine komplette neurologische Untersuchung an Bord schwierig ist, sollten die Erstversorger den Patienten doch auf fokal-neurologische Ausfälle hin untersuchen.

Sauerstoffmangel muss auf jeden Fall vermieden werden, damit nicht weitere Nervenzellen zu Schaden kommen. Wegen der Gefahr intrakranieller Blutungen sollte kein ASS verabreicht werden. Um eine Hypoglykämie auszuschließen, ist es ratsam, möglichst den Blutzucker zu messen. Bei Verdacht auf einen Schlaganfall ist immer eine möglichst rasche Landung anzustreben.

Verletzungen und Infektionen: Relativ häufig und in unterschiedlicher Schwere treten auf Flügen Traumata auf. Meist handelt es sich hierbei aber um kleinere Verletzungen aufgrund von Turbulenzen. Kalte Kompressen und Schmerzmittel reichen in der Regel zur Versorgung aus. Besteht der Verdacht auf eine ansteckende Krankheit, sollte der betroffene Patient so weit wie möglich isoliert und vor der Landung ggf. das Bodenpersonal verständigt werden.

Notwendige Schritte im Fall eines Notfalls an Bord: Nable und Kollegen haben einige allgemeine Handlungsempfehlungen für einen Notfall in der Luft zusammengefasst:

• Stellen Sie sich vor und nennen Sie Ihre medizinische Qualifikation.

• Fragen Sie den Passagier möglichst, ob Sie ihn behandeln dürfen.

• Fragen Sie bei Bedarf nach der medizinischen Notfallausrüstung oder dem automatisierten externen Defibrillator (AED).

• Wenn nötig, lassen sie einen Dolmetscher übersetzen, aber achten Sie dabei auf die Privatsphäre des Patienten.

• Lassen Sie sich die Krankengeschichte schildern, führen Sie eine gezielte körperliche Untersuchung durch, und achten Sie auf Vitalzeichen.

• Verabreichen Sie dem Patienten eine geeignete Therapie möglichst im Sitzen.

• Empfehlen Sie die Unterbrechung des Fluges, wenn der Zustand des Patienten kritisch ist. Die häufigsten Gründe hierfür sind kardiale, respiratorische und neurologische Notfälle. Die Entscheidungshoheit für die Umkehr liegt aber allein beim Flugkapitän.

• Kommunizieren und koordinieren Sie das Geschehen mit dem medizinischen Personal am Boden.

• Versorgen Sie den Patienten bis sich die Notfallsituation stabilisiert hat oder Sie ihn an andere medizinisch qualifizierte Personen übergeben können.

• Dokumentieren Sie den Fall.

Dr. Christine Starostzik basierend auf: Nable JV et al. In-Flight Medical Emergencies during Commercial Travel. N Engl J Med 2015; 373: 939–45. www.springermedizin.de

Christine Starostzik, Ärzte Woche 40/2015

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