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© Martin Burger
Das erste Primärversorgungszentrum in Österreich, PHC Medizin Mariahilf. Das Kernteam präsentierte sich im Frühjahr der Öffentlichkeit (v. li.): Dr. Wolfgang Mückstein, Dr. Fabienne Lamel und Dr. Franz Mayrhofer.
 
Allgemeinmedizin 12. August 2015

Neuorientierung der Primärversorgung

Fokus auf Gesundheitsförderung und Prävention. Spitäler sollen entlastet werden.

Das „Konzept zur multiprofessionellen und interdisziplinären Primärversorgung in Österreich“ wurde 2014 nach internationalen Vorbildern entwickelt.

Die Primärversorgung spielt im Gesundheitsbereich eine immer wichtigere Rolle. Sie ist die erste medizinische Anlaufstelle für Menschen mit gesundheitlichen Problemen. Aber auch Personen, die eventuelle Erkrankungen verhindern bzw. ihre Gesundheit aktiv fördern wollen, wenden sich an dieses Subsystem des Gesundheitssystems. Im Vergleich mit Ländern ähnlicher sozioökonomischer Bedingungen (z. B. Holland), wird Österreich als Land mit relativ schwacher Primärversorgung angesehen. Österreichs Gesundheitssystem ist durch eine freie Arztwahl und einen unkontrollierten Zugang zu allen Versorgungsbereichen gekennzeichnet. Es bestehen Vorschläge, diese Charakteristika restriktiver handzuhaben und stärker zu regulieren. Jedoch sind drastische Maßnahmen mit Vorsicht zu genießen und eine „sanfte“ Reform zu bevorzugen.

Die Gesundheitsförderung hat sich in den letzten drei Jahrzehnten zu einem zentralen Begriff für die Neugestaltung von Gesundheitspolitik entwickelt. Im Sinne einer erhöhten Selbstbestimmung der Menschen über ihre Gesundheit fallen darunter alle Maßnahmen, die zum Schutz und aktiven Erhalt der Gesundheit beitragen. Leider spielt die Prävention noch immer eine untergeordnete Rolle im Gesundheitssystem. Gründe dafür sind, dass Präventionsprogramme wegen ihrer meist langen Laufzeit schwer abzuschätzen sind und mit dem Umsetzungsproblem von zersplitterten Zuständigkeiten zu kämpfen haben. Eine fehlgeleitete Primärversorgung vernachlässigt, dass die Gesundheitsförderung und Prävention bis zu 70 Prozent der Krankheitslasten reduzieren kann.

All diese Gründe sprechen für eine Neuorientierung der Primärversorgung, die ein stärkeres Gewicht auf Gesundheitsförderung und Prävention legt. Spitalsambulanzen sollen entlastet und die Attraktivität des Berufsbildes des Arztes für Allgemeinmedizin gesteigert werden.

Rechtliche Grundlagen

Die Basis bilden rechtliche Regelungen, in denen sich vermehrt die Themenbereiche der Gesundheitsförderung und Prävention finden. Im Art. 15a B-VG Zielsteuerung-Gesundheit wird in Art. 23 die Stärkung der Gesundheitsförderung explizit angesprochen und die Finanzierung über einen Gesundheitsförderungsfonds festgelegt. Ein weiteres Steuerungsinstrument ist durch das Gesundheits-Zielsteuerungsgesetz (G-ZG) gegeben. In den Rahmen-Gesundheitszielen kommen Gesundheitsförderung und Prävention in den meisten Zielen textlich vor. Der Bundeszielsteuerungsvertrag regelt in Art. 12 ebenfalls die Gesundheitsförderung. Zudem bestehen pro Bundesland eigene Landeszielsteuerungsverträge.

In Österreich sind als Hauptakteure zur Steuerung des Gesundheitssystems die Bundesregierung, die neun Landesregierungen und die Sozialversicherung zu nennen. Diese bedienen sich dem Organ der Bundesgesundheitsagentur (BGA) zur Planung, Steuerung und Finanzierung des Gesundheitswesens. Organe der BGA sind die Bundesgesundheitskommission (BGK) und die Bundes-Zielsteuerungskommission (B-ZK). Die B-ZK befasst sich u. a. mit der Steuerung der Aufgaben aus dem Bundeszielsteuerungsvertrag und dem Monitoring inkl. Sanktionsmechanismus im Gesundheitswesen. Sie setzt sich aus 12 Mitgliedern zusammen: der Bundesministerin für Gesundheit (Vorsitz) und drei weiteren Vertretern der Bundesregierung, vier Ländervertretern und vier Vertretern der Sozialversicherung. Analog zur B-ZK wurden auch Landes-Zielsteuerungskommissionen (L-ZK) ins Leben gerufen. Somit ist die landesweite Steuerung des Gesundheitssystems gewährleistet. Die Zusammensetzungen der Kommissionen geben keinen Aufschluss über die tatsächlichen Machtverhältnisse in den Gruppen, welche asymmetrisch verteilt sind.

Gate Keeper

Das Ziel einer gestärkten Primärversorgung ist vor allem eine bessere Funktionalität des Gesundheitssystems. Die Anforderungen sind vielfältig. Eine zentrale Rolle spielt die Funktion als erste Anlaufstelle, wie sie bereits in vielen europäischen Ländern praktiziert wird. Das Angebot und die Integration von gesundheitsförderlichen und präventiven Maßnahmen sollen erweitert werden. Als Beispiele werden eine Stillberatung, die Beratung zur besseren Ernährung und Bewegung, eine Raucherberatung und die Verschränkung mit Maßnahmen zur gezielten Frühintervention (besonders bei Kindern) angegeben. Weitere Anforderungen sind die umfassende Behandlung akuter und chronischer Erkrankungen, die Koordinierung nach innen und außen (u. a. mittels Vernetzung der elektronischen Gesundheitsakte ELGA), die Mitwirkung an öffentlichen Gesundheitsaufgaben wie z. B. Impfungen, die praktische Ausbildung für Gesundheitsberufe und die Wissensgenerierung. Das Konzept sieht organisatorisch die Bildung von Primärversorgungs-Einrichtungen an einem Standort und Primärversorgungs-Netzwerke an unterschiedlichen Standorten vor. Letztere kooperieren über Zusammenarbeitsverträge.

Sowohl in den zu erfüllenden Qualitätskriterien als auch im Organisationskonzept wird explizit auf Gesundheitsförderung und Prävention eingegangen. Dazu zählen die Teilnahme an nationalen Vorsorge- und Screeningprogrammen, sowie abgestimmte Angebote zur Patienteninformation über diese Bereiche. Auch der Einsatz von evidenzbasierten Leitlinien und die Teilnahme an integrierten Versorgungsprogrammen (z. B. Disease-Management-Programme) werden gefordert.

In der multiprofessionell und interdisziplinär ausgerichteten Primärversorgung arbeitet ein Kernteam mit Kooperationspartnern zusammen. Das Kernteam besteht aus Ärzten für Allgemeinmedizin (Teamleitung), diplomiertem Gesundheits- und Krankenpflegepersonal und Ordinationsassistenten. Im Team müssen (Zusatz) Kompetenzen u. a. für die Gesundheitsförderung und Prävention sichergestellt werden. Zudem ist eine Kooperation mit Primärversorgungs-Partnern wie Fachärzten, Krankenanstalten, Zahnärzten, etc. vorgesehen.

Nutzen noch nicht bewiesen

Das Konzept stellt ein neues Steuerungsinstrument im Public-Health-Bereich dar, das seinen empirischen Nutzen noch unter Beweis stellen muss. Erste Pilotprojekte zur Umsetzung sind angelaufen.

Heinz Piwonka, BA, hat Soziologie studiert, sein besonderes Interesse gilt dem Bereich Public Health.

Heinz Piwonka, Ärzte Woche 26/2015

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