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© Boris Hirschmann
Dr. Boris Hirschmann ist als Vertretungsarzt im Burgenland engagiert. „Eine ruhige Kugel schiebe ich hier nicht.“
© Herbert Lehmann/dpa © privat

Dr. med. univ. Robert HrajnekArzt für Allgemeinmedizin und Arbeitsmedizin (ÖAK Diplom). Seit Juni 2013 Allgemeinmediziner und Gemeindearzt in Wilfersdorf am Standort Bullendorf.

 
Allgemeinmedizin 15. Juni 2015

One Man Show mit Hindernissen

Zwei Jungärzte berichten, warum sie trotz des finanziellen Risikos Lust aufs Landleben haben.

Die Zahlen der Ärztekammer zeichnen ein bedrohliches Bild. Die medizinische Versorgung der ländlichen Bevölkerung drohe zusammenzubrechen, der Beruf des Landarztes sei nicht attraktiv. Einige trauen sich den Schritt aufs Land dennoch zu. Die Ärzte Woche hat zwei junge Mediziner getroffen, die in Dörfern in Niederösterreich und im Burgenland arbeiten.

Der volksnahe Herr Doktor galoppiert auf seinem Pferd den Strand entlang, verliebt sich in die Dorfwirtin und hat immer ein offenes Ohr für seine Patienten – „Der Landarzt“ war eine der langlebigsten Serien im deutschsprachigen Fernsehen. So kitschig das Fernsehidyll war, so unromantisch ist die Realität in vielen österreichischen Dörfern. Die Landärzte sind, wie die TV-Serie, in die Jahre gekommen. Der Film-Arzt wurde abgesetzt, und immer mehr echte Mediziner setzen sich zur Ruhe. Nachfolger sind nicht in Sicht, warnt die Ärztekammer seit Jahren. Oder doch?

Boris Hirschmann, 38 Jahre, kommt aus der 1.929-Einwohner-Gemeinde Rust am See im Burgenland, er könnte in Zukunft eine der frei werdenden Ordinationen in der Wein-Stadt übernehmen. Hirschmann lebt seit der Studienzeit in Wien, pendelt aber seit vergangenen März als Vertretungsarzt in mehrere burgenländische Dörfer. Das stört ihn nicht im Geringsten, denn er ist gerne am Land, will Erfahrung sammeln und die Arbeitsweise seiner jeweiligen Kollegen kennen lernen, sagt Hirschmann. Dazu gehört auch, dass Ordinationszeiten überzogen werden und diese manchmal nahtlos in den Nachtdienst übergehen. „Wer als Landarzt arbeiten will, muss die richtige Einstellung dazu haben. Eine ruhige Kugel schieben, so sieht es dann auch wieder nicht aus. Es ist kein Nine-to-Five-Job.“

Jungmediziner wie Hirschmann sind gefragt. Ein Blick auf die Altersstatistik der Ärztekammer zeigt, dass sich die Lage zuspitzt: 28 Prozent der Landärzte sind bereits über 60, weitere 28 Prozent zwischen 55 und 60. Innerhalb der nächsten Dekade wird mehr als die Hälfte aus dem Berufsleben ausscheiden. In Kärnten (67 Prozent) und der Steiermark (66 Prozent) ist der Bedarf besonders groß. Es folgen das Burgenland (60 Prozent), Oberösterreich (54 Prozent), Niederösterreich (52 Prozent) und Tirol (51 Prozent). Nur in Salzburg (48 Prozent) und Vorarlberg (46 Prozent) wird im kommenden Jahrzehnt weniger als die Hälfte der Landärzte pensionsbedingt aus dem Beruf aussteigen.

Bereits in den vergangenen Jahren zeigte sich, dass es für manche Landarztpraxen kaum Bewerber gibt. Als sich der Wiener Robert Hrajnek vor zwei Jahren für drei ausgeschriebene Arztstellen in Niederösterreich bewarb, war er der einzige Interessent. Bereits nach drei Tagen hatte der damals 32-Jährige eine fixe Zusage für die Gemeinde Wilfersdorf im Weinviertel. Doch so einfach sollte es nicht werden: „Ich habe mich kurz darauf mit meinem Vorgänger getroffen und besprochen, was alles zu tun ist. Mein Kopf hat geraucht, das war ein Wahnsinn. Schon alleine das Ansuchen für die Hausapotheke war massiv aufwendig, dann die Angst, dass sie abgelehnt wird, oder Einspruch erhoben wird.“

Nur mit Hausapotheke

Die Ursache, warum sich viele nicht bewerben oder lange überlegen, sei weniger die fehlende Bereitschaft, Stadt gegen Land zu tauschen, sondern die Bürokratie und finanzielle Unsicherheit. Genau damit hatte auch Hrajnek anfangs zu kämpfen: „Es gab Probleme mit der Hausapotheke, da ich sie nicht weiterführen konnte, weil zuvor eine öffentliche Apotheke im sechs Kilometer entfernten Mistelbach eröffnet hatte. Für mich war aber klar, dass ich eine Hausapotheke mit übernehmen will, das ist die Basis, um die Ordination wirtschaftlich zu führen.“

Hrajnek musste die Praxis innerhalb der Gemeinde in die Ortschaft Bullendorf verlegen. Ähnliche Szenarien, die nicht so gut ausgehen, fürchten viele junge Kollegen, erläutert er. Aufgrund der aktuellen Gesetzeslage sei es durchaus möglich, dass der Arzt eine Hausapotheke schließen muss. „Viele der jungen Kollegen sind nach dem Turnus im Spital tätig, wo sie regelmäßig ihre Gehälter überwiesen bekommen. Sie überlegen es sich drei Mal, für eine Ordination einen Kredit aufzunehmen oder eine hohe Ablöse zu zahlen, wenn sie nicht wissen, ob sie vielleicht die Hausapotheke nach einiger Zeit schließen müssen und es dann finanziell eng wird. Das tut sich keiner an.“ Nachsatz: „Ich glaube, dass sich viele trauen würden, wenn sie wüssten, dass es funktioniert.“

So aber gehen viele Jungmediziner ins Ausland. In Deutschland locken Krankenhäuser mit einer großen Auswahl an Facharztstellen, die hierzulande nur schwer zu bekommen sind. Hrajnek hätte in Hannover sofort als Assistent in der Radiologie anfangen können. Da seine Lebensgefährtin und Tochter in Wien lebten und er nicht ständig pendeln wollte, beschloss er aber, in Österreich zu bleiben. In Bullendorf renovierte er einen Pfarrhof als Ordination, unterstützt von Gemeinde und Pfarre. „Das funktioniert halt am Land noch.“

Hier zu bleiben war für Boris Hirschmann klar. Dass er Landarzt werden will, nicht ganz. Da er mindestens zwei Jahre auf seine Facharztausbildungsstelle als Radiologe hätte warten müssen, entschied er sich dafür, den Allgemeinmediziner fertig zu machen. Für die sechsmonatige Lehrzeit hatte er sich Geld zur Seite gelegt: „Viele Kollegen wählen das Krankenhaus, weil sie dort mehr verdienen. Für mich war es wichtiger, neue Erfahrungen zu sammeln. Ambulanzen habe ich während meiner Ausbildung genügend gesehen, ich wollte die andere Seite kennen lernen. Man bekommt eine andere Sichtweise, wenn man ein halbes Jahr im niedergelassenen Bereich arbeitet. Ich habe kein Röntgenlabor und nicht immer die Mittel, um alles in die Wege zu leiten, oder Dinge auszuschließen.“

Kinderpopo und Herzinfarkt

Während der Lehrpraxis bei Dr. Euler in seiner Heimatgemeinde Rust kam er auf den Geschmack: „Das Spektrum eines Allgemeinmediziners ist riesig. Vom geröteten Kinderpopo bis zum Herzinfarkt kommt alles ungefiltert, das hat mich sehr gereizt. Die Arbeit ist vielseitig, es wird nie langweilig.“

Als Landarzt sieht er sich in einer wichtigen Funktion: „Es geht nicht nur um medizinische Fragen, sondern darum, wie es den Menschen geht. Wenn die Oma einen Schlaganfall hatte und ihre Angehörigen nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen, spreche ich mit ihnen darüber.“ Die Hausbesuche und den innigen Kontakt zu den Patienten schätzt der gebürtige Burgenländer: „Man lernt sie besser kennen. Wenn bei Visiten nicht gerade der Hut brennt, plaudert man ein wenig. Und man schätzt einander, das vermisse ich in einem großen Spital. Klar, in einem kleineren Spital kennt man die Patienten auch besser, aber generell ist dort alles viel anonymer.“ Nicht so am Land, dort erkennt man Hirschmann auch ohne Arztkittel auf der Straße. „In einer kleinen Gemeinde bist du immer der ‚Doktor‘, das muss man in Kauf nehmen. Da sollte man die Leute nicht vor den Kopf stoßen und abweisen. Ich bespreche das meist kurz und dann ist es gut, die Leute haben es nie überstrapaziert.“

Eingewöhnungsphase

Der direkte Kontakt zu den Menschen am Land hat auch Hrajnek überzeugt. Nach zwei Jahren hat er sich eingelebt und wurde von der Bevölkerung gut aufgenommen. Seine Lebensgefährtin arbeitet ebenfalls in der Ordination, sie leben aber nach wie vor in Wien. Im Durchschnitt kommen 100 bis 120 Menschen pro Tag zu ihnen. „Die Menschen geben einem sehr viel Positives zurück. Es ist schön, wenn man erkennt, dass man ihnen wirklich helfen kann. Und die eine oder andere Krankheit findet, die sogar ein Leben rettet.“

Zu den wichtigeren Entscheidungen am Land zählt die Überweisung in ein Krankenhaus. Hirschmann: „Man ist eine One-Man-Show und wächst an diesen Erfahrungen.“ Auch für Hrajnek bedeutet das Landarzt-Dasein, mehrere Rollen abzudecken. „Ich bin breit gefächert. Ich bin gleichsam Neurologe, Arbeitsmediziner und Orthopäde. Ich finde heraus, dass Patienten, die mit Rückenschmerzen kommen, eine Depression oder ein Burn-outhaben.“

Zurück zu den Wurzeln

Einmal die Praxis in seiner Heimatgemeinde Rust übernehmen, diese Vorstellung gefällt Hirschmann nach wie vor. Und auch anderen. Für die Ordination interessieren sich Kollegen, die im Ranking mehr Punkte, also Dienstjahre und Vertretungszeit, haben als er. „Es ist vermutlich einfacher, an Orte zu gehen, die nicht so begehrt sind.“ Eilig hat er es trotzdem nicht. Die Rückkehr ins Burgenland will wohl überlegt sein, immerhin sei seine Frau beruflich an Wien gebunden. Momentan schätzt der 38-Jährige die freie Zeiteinteilung als „Springer“ und die Mischung sowohl in der Stadt als auch am Land zu leben. Am liebsten sei er aber doch draußen, wenn er als Ausgleich stundenlang fotografieren kann, von Sportmotiven bis hin zu Landschaften – und davon habe das Burgenland mehr als genug.

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