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© Roland Weihrauch dpa/
Diese Zuwandererin aus der Türkei trifft auf einen zweisprachigen Arzt. Oft werden aber Kinder als Dolmetscher herangezogen.
 
Praxis 11. Mai 2015

Zeckenbiss auf Türkisch

Professionelle Medizin-Dolmetscher überwinden Sprachprobleme.

Ausländische Patienten mit schlechten Deutschkenntnissen bringen oft einen Angehörigen mit in die Praxis, der für sie übersetzt. Für Patienten birgt das Chancen und Gefahren. Und niedergelassene Ärzte sollten beachten, dass es in Österreich die Möglichkeit gibt, Videodolmetscher einzusetzen.

Wenn ausländische Patienten zum Arzt müssen und ihre Deutschkenntnisse für die Mitteilung eines Zeckenbisses, einer Penicillin-Allergie oder einer Blasenentzündung nicht ausreichen, nehmen sie oft Tochter, Bruder oder ein anderes Familienmitglied mit, die dann für sie dolmetschen sollen. Manchmal werden Praxismitarbeiter, ein anderer Arzt oder sogar die Putzfrau hinzugezogen, die der fremden Sprache mächtig sind. Bei laienhaftem Dolmetschen kann es jedoch passieren, dass die Aussagen des Arztes ungenau, unvollständig oder gar gänzlich verzerrt wiedergegeben werden. Zum Beispiel wenn der Sohn aus Rücksicht auf seine Mutter ihr nicht klar mitteilt, wie es um sie steht, oder wenn das Fachwissen fehlt. Das kann fatale Folgen haben, etwa wenn es um die Entscheidung für oder gegen eine Operation geht.

Deshalb sieht Diplom-Übersetzerin und Dolmetscherin Yasmine Khaled, die in der Ausbildung von Dolmetschern tätig ist, dies kritisch: „Es reicht nicht, einfach nur die Sprache zu sprechen. Denn gerade im medizinischen Bereich zählt jedes Wort, jede Nuance. Laien-Dolmetscher selektieren, sei es bewusst oder unbewusst, und es fällt ihnen schwer, sich von dem Gesagten zu distanzieren. Deshalb plädiere ich dafür, dass nur ausgebildete Dolmetscher im Gesundheitsbereich hinzugezogen werden.“ Khaled arbeitet seit etwa sechs Jahren als Konferenzdolmetscherin für Arabisch und ist seit 2011 als Dolmetschdozentin sowohl im universitären Bereich als auch außerhalb tätig.

Sie arbeitet zudem ehrenamtlich mit Flüchtlingen und begleitet minderjährige Migranten zu Arztterminen. Daher kennt sie die Situation beim Arzt sehr gut. „Es gibt kaum Dolmetscher, die sich nur auf den Gesundheitsbereich spezialisieren, da dort die Bezahlung oft problematisch ist. Es gibt keine gesetzliche Grundlage für die Bezahlung, und Ärzte haben meist keine freien Budgets, um einen Dolmetscher abzurechnen. Deshalb wird auch so oft auf Laien zurückgegriffen“, weiß Khaled.

„Häufig herrscht die Vorstellung, dass Dritte bei einem Arztgespräch mehr schaden als nutzen, da viele Ärzte denken, der Patient sei eingeschüchtert oder seine Privatsphäre werde verletzt und es würde ihm so schwerer fallen sich im übertragenen Sinne zu entblößen“, berichtet Khaled aus eigener Erfahrung. Oft werde auch die Übertragbarkeit oder sprachliche Übersetzbarkeit medizinischer Inhalte angezweifelt. „Migranten sind meist dankbar und fühlen sich nicht beeinträchtigt.“

In Österreich entwickelte die Plattform für Patientensicherheit, in Kooperation mit dem Institut für Ethik und Recht in der Medizin, dem ServiceCenter ÖGS.barrierefrei und dem Zentrum für Translationswissenschaft der Uni Wien, das Projekt Videodolmetscher. In zwölf heimischen Spitälern und bei einem niedergelassenen Arzt sind beeidete Dolmetscher mit Spezialwissen in Medizin in 15 Sprachen von 7 bis 19 Uhr, Montag bis Freitag abrufbar. Die Verbindung, die über ein neuwertiges Tablet aufgeschaltet wird, ist verschlüsselt, die Dolmetscher unterliegen der Schweigepflicht. Die erste Viertelstunde kostet 2 Euro pro Minute, danach beträgt der Minutenpreis 1 Euro. Videodolmetscher sind unparteiische Mittler ( www.videodolmetschen.com ).

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