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Willkommen in der digitalen Notaufnahme: Der kroatische Notfallmediziner und Tüftler Ivor Kovic entwickelte 2010 eine iPhone-App zum Trainieren von Wiederbelegungsmaßnahmen.

       

 
Praxis 13. April 2015

An „app“ a day keeps the doctor away?

Zehntausende Apps mit medizinischem Inhalt sind mittlerweile auf dem Markt. Seriöse Anbieter versuchen sich durch den Einsatz von Zertifikaten und Peer-Review-Verfahren von unzuverlässigen Devices abzugrenzen.

Gesundheit! Die Bäume wissen nicht was sie jedes Jahr anrichten: Wenn die Birkenkätzchen im Osten und Süden Österreichs stäuben und ihr Pollen mit dem Wind vertragen wird, dann haben die Gewächse dabei nichts Böses im Sinn, sie sorgen nur für den Erhalt ihrer Art. Und da man nicht immer ins Gebirge ausweichen kann (wo die Hausstaubmilbe lauert), kann eine verlässliche Vorhersage am Smartphone, wie sie der Pollenwarndienst anbietet, gute Dienste leisten.

Pollenwarnungen sind nur eines von vielen Programmen, die ein mobiles Gerät zu einer sogenannten „Smart Device“ machen können. Smartphone, Apps und Tablet-PCs sind Bestandteil des täglichen Lebens und finden zunehmend auch in der Medizin und in verwandten Bereichen wie Gesundheit & Fitness, Lifestyle, Sport und Ernährung Anwendung. Gehring et al. 2014 bieten eine Marktübersicht: In einer Umfrage (2012) gaben 79 Prozent der englischen Medizin-Studenten und 75 Prozent der Assistenzärzte an, regelmäßig zwischen einer und fünf Smartphone-Apps anzuwenden, die bis zu 30 Minuten am Tag genutzt werden. Tendenz steigend. Führende Anbieter sind der Play Store von Google mit ca. 1,2 Millionen „Apps“ (Stand 2014) und der von Apple geführte "App Store" mit 1,14 Millionen Apps (Stand 2014). Der Gesamtmarkt für Apps wurde im Vorjahr mit 8,3 Milliarden US-Dollar (umgerechnet 7,8 Milliarden Euro) beziffert. Auch Apps für die Bereiche "Medizin" sowie "Gesundheit und Fitness" bergen ein enormes Potenzial. 2014 lag die Zahl der „Healthcare & Fitness“-Apps für iOS bei 31.538 und für „Medical Apps“ bei 24.731. Gehring et al. schätzen die Zahl der Angebote für verschiedene Mobilplattformen auf 97.000 Apps mit Gesundheitsbezug.

Die Anwendungsmöglichkeiten sind vielfältig: Sie haben Probleme bei der Abrechnung ärztlicher Leistungen? Die deutsche Ärzte Zeitung bietet Ihnen jeden Donnerstag einen Experten, der Abrechnungstipps gibt. Die App ist für Ärzte gratis. Den Puls mit dem Smartphone messen – oder Karzinome kontrollieren –, ein Ernährungstagebuch am Tablet-PC führen – oder eine Röntgenbildbefundung durchführen? Im Feld der Smart Devices gibt es sowohl vergleichsweise triviale, als auch weniger harmlose Einsatzbereiche.

Eine von Gehring et al. zitierte Umfrage in den USA zeichnet eine kritische Sichtweise auf die Empfehlung und Verschreibung medizinischer Apps. Sie weist auf unzureichende Regulierung sowie auf die unsichere längerfristige Wirksamkeit hin. Eine Diskussion, die auch in Europa geführt wird.

Um zu sagen, wie groß der Anteil an wissenschaftlich fundierten Apps ist, liegen noch zu wenige hochwertige Studien vor. Dass manche Apps gravierende Mängel aufweisen, ist aber erwiesen. Haffey et al. 2013 haben Apps zur Umrechnung von Opoid-Dosierungen beim Wechsel des Präparates untersucht. Ergebnis: In der Funktionsüberprüfung zeigten sich Abweichungen in den Dosierungen bis zu einem Faktor 10, was potenziell eine akute Patientengefährdung bedeuten würde. Weniger als die Hälfte der Apps wurde unter Beteiligung von Medizinern erstellt und bei 12 von 23 fehlten Referenzen zu den Grundlagen der Berechnung.

Diagnose, Prognose, Therapie

Gehring et al. plädieren für eine Unterscheidung zwischen „Health Apps“ und „Medical Apps“ im engeren Sinn, das sind Medizinprodukte. Ein Medizinprodukt liegt laut der „Medical Device Directive“ dann vor, wenn die Software medizinisches Wissen und individuelle Patientendaten zusammenführt und so bei der Diagnose, der Prognose und der Behandlung hilft. Als konkrete Beispiel nennen Gehring et al.: Software, die bei der Planung einer Strahlentherapie eingesetzt wird und mit deren Hilfe die Strahlendosis für einen Patienten errechnet wird oder auch Diagnosesoftware, die in Form einer App automatisch Röntgenbilder einlesen und bewerten soll.

Bei den schnellen Entwicklungszyklen und der großen Zahl von medizinischen Apps, haben Anwender Probleme, den Überblick zu behalten und festzustellen, ob eine App den eigenen Ansprüchen genügt. Gehring et al. schlagen daher u a. Peer-Review-Verfahren vor, analog zu der Vorgangsweise, die sich im wissenschaftlichen Betrieb bewährt habe.

Die Pollen-App des Pollenwarndienst gehört zu den Nicht-Medizinprodukten, das sind reine Informationssysteme, die Daten archivieren oder transferieren. Der Leiter der Forschungsgruppe Aerobiologie und Polleninformation der MedUni Wien, Uwe E. Berger, MBA, fordert, dass sich jede App, die mit der Gesundheit des Benutzers zu tun habe, strengen Regeln unterwerfe. Begründung: „Es gibt Anbieter, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben, aber mit unsinnigen Meldungen verunsichern.“ Die Pollen-App sei von der europäischen Stiftung für Allergieforschung (ECARF) mit einem Gütesiegel versehen worden, „damit der Patient sieht, dass unsere App von einer übergeordneten Stelle für gut befunden wurde“.

Der Originalartikel „Zukunftstrend Medical Apps" ist erschienen in "Bundesgesundheitsblatt" 2014: 57:1402-1410, DOI 10.007/s00103-014-2061-x.

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Martin Burger, Ärzte Woche 16/2015

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