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Prof. Dr. Max Wunderlich, FRCS, Erster Vorsitzender der MKÖ (Medizinische Kontinenzgesellschaft Österreich)

© Igor Mojzes / fotolia.com

Nur jeder dritte Betroffene traut sich, beim Arzt über Inkontinenz zu sprechen.

 
Urologie 16. Juni 2014

Behutsam und rücksichtsvoll

Inkontinenz ist ein zutiefst tabuisiertes Leiden. Aber schon das erste Beratungsgespräch kann die Spirale des Schweigens brechen.

Mit der ersten Episode eines ungewollten Verlusts von Harn oder Stuhl beginnt ein Teufelskreis aus Scham, Schuldgefühlen und Schweigen.

Nicht eingerechnet die wahrscheinlich hohen Dunkelziffern, betrifft die Harninkontinenz zumindest 10 % der Bevölkerung, die Stuhlinkontinenz zumindest 5 %. Zunehmend darunter leiden naturgemäß ältere Menschen, Frauen achtmal so häufig wie Männer. Die genannten Zahlen entsprechen zum Beispiel in einem Ort von 25.000 Einwohnern 1.250 bis 2.500 Menschen mit Inkontinenz – Zahlen, welche die Misere des Leidens quantitativ eindrucksvoll widerspiegeln.

Die Ursachen der Inkontinenz sind mannigfaltig, verschiedene Faktoren nicht selten auch kombiniert. Im hohen Alter kommt die Demenz mit Uneinsichtigkeit für das Leiden hinzu, ebenso wie Einschränkungen der Beweglichkeit, die nicht mehr erlauben, eine Toilette rasch genug zu erreichen.

Unwillkürlicher Harnverlust ist oft bedingt durch einen schwachen Schließmuskel bzw. Beckenboden (Stressinkontinenz) und/oder durch eine überaktive Blase (Dranginkontinenz), die mit häufigem Harndrang verbunden ist. In „leichteren“ Fällen kommt es nur beim Niesen oder Husten zum Harnverlust, in schwereren selbst ohne Bewegung und im Liegen.

Die Stuhlinkontinenz geht bei Frauen häufig auf Schließmuskelschäden bei Geburten zurück oder auf eine Schließmuskelschwäche bei Senkung der Beckenorgane. Letztere kann so weit gehen, dass es zu einem Vorfall von Scheide und/oder Mastdarm kommt. Die Symptomatik reicht von einer geringen Verschmutzung der Unterwäsche (was für viele Menschen schon unangenehm genug ist) bis zu der blamablen Situation des Verlustes größerer Mengen von Darminhalt, womöglich in der Öffentlichkeit.

Harn- oder Stuhlinkontinenz sind gelegentlich auch die Folge von Operationen, selbst wenn die Eingriffe kunstgerecht durchgeführt worden sind (Entfernung der Prostata wegen Karzinoms, Operationen von Hämorrhoiden oder Mastdarmkrebs).

In die Kindheit zurückversetzt

Mit der ersten Episode eines ungewollten Verlusts von Harn oder Stuhl beginnt für das „Opfer“ ein Teufelskreis. Denn einerseits betrifft das Ereignis die Intimsphäre, über die man ohnedies kaum spricht. Andererseits liegt die Ursache einer spontan entwickelten Inkontinenz (also ohne die Assoziation mit einer vorangegangenen Operation) für Laien im Dunkeln. Die blamable Erkenntnis des „Ich habe mich angemacht!“ versetzt Menschen auf unglückselige Weise zurück in die frühe Kindheit, als sie zur „Sauberkeit“ erzogen wurden. Es wird meist als persönliches Versagen empfunden und kann so Schuldgefühle auslösen. Man geniert sich und will nicht darüber sprechen, denn die für das peinliche Missgeschick verantwortliche Körperregion ist tabuisiert wie keine andere. Die Betroffenen teilen sich niemandem mit – nicht ihren Verwandten, Freunden oder Ärzten, die kaum nach Inkontinenzbeschwerden fahnden. So wird die Inkontinenz zum klassischen „heimlichen Leiden“ – man spricht nicht darüber, und keiner fragt danach.

Aktiv Hilfe anbieten

Die Angst vor Inkontinenzepisoden, vor allem unterwegs, zwischen anderen Menschen, führt zu einem Rückzug in die eigenen vier Wände, wo ja auch Toilette und Badezimmer erreichbar nahe und vertraut sind. Man geht nicht aus zu Einladungen, nicht in Lokale, nicht ins Theater, meidet Gesellschaft, verkümmert in sozialer Isolation. Rückzug und Verheimlichung stehen somit leider auch der Wahrnehmung medizinischer Behandlung entgegen, die in der Mehrzahl der Fälle doch durchaus erfolgreich sein kann.

us all diesen Gründen muss den von Inkontinenz betroffenen Menschen aktiv jede Möglichkeit geboten werden, Hilfe zu suchen und zu bekommen. Dies beginnt mit dem Angebot einer Beratung mittels verschiedener sozialer Einrichtungen, gefolgt von Diagnostik und Behandlung in Krankenhäusern und Ordinationen. Es besteht kein Zweifel, dass es vonseiten der Medizin einer hohen Spezialisierung bedarf, um die Betroffenen bestmöglich zu versorgen bzw. zu heilen. Die medizinische Kontinenzgesellschaft Österreich (MKÖ) ist in diesem Sinne seit nahezu 25 Jahren in allen Bundesländern tätig: Experten aus Ärzteschaft, Pflegedienst und Physiotherapie beraten und behandeln. Finanziell unterstützt wird die MKÖ von einem Förderkreis der Industrie, in dem zahlreiche Firmen mit verschiedensten Hilfsmitteln, Medikamenten und Geräten zur Beherrschung oder Linderung des Leidens vertreten sind.

Schon durch die erste Beratung wird die Spirale des schweigenden Leidens unterbrochen, und man kann einem Diagnosegang zur Abklärung der Ursache als zweitem Schritt zugeführt werden. Dies beginnt mit einem professionellen Gespräch unter vier Augen, welches das natürliche Schamgefühl der Menschen in höchstem Maße berücksichtigt. Die anschließenden Untersuchungen des jeweiligen Organs (Harnblase, Mastdarm, Analkanal) sind nie schmerzhaft und werden mit Behutsamkeit und Respekt vor der Intimsphäre durchgeführt.

Der dritte Schritt ist die Therapie. Das Spektrum reicht von einfachen Maßnahmen wie einem Tagebuch über die Blasentätigkeit, Beckenbodentraining und Medikamenten bis zu Operationen am Schließmuskel oder Anwendung von Schrittmachern, welche die Funktion von Blasenwand oder analem Schließmuskel zum Besseren beeinflussen. In etwa einem Drittel der Fälle genügt eine konservative (also nicht operative) Behandlung, um die Lebensqualität dauerhaft zu bessern.

Wie ernst das Leiden zu nehmen ist, geht aus dem Satz von Dr. Janet Brown hervor: „Die Inkontinenz bringt Betroffene nicht um, sie nimmt ihnen nur das Leben.“

Max Wunderlich, Ärzte Woche 25/2014

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