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Urologie 21. Februar 2014

Der Migrant als Patient

Ejaculatio praecox und erektile Dysfunktion sind heikle Themen, umso mehr, wenn sie in Anwesenheit eines Dolmetschers erörtert werden müssen.

Die kultursensible Betreuung und Behandlung von Patienten ist auch für den Urologen ein relativ neues, aber immer wichtiger werdendes Thema.

Beim Umgang mit Migranten geht es nicht nur um Sprachprobleme, sondern auch um kulturelle und religiöse Faktoren, die zur Überforderung des Patienten, aber auch des Arztes führen können. Patienten mit Migrationshintergrund stellen eine große Herausforderung dar. „Sie sind aber kein unlösbares Problem, solange man gewisse Aspekte berücksichtigt und bereit ist, ein bisschen mehr an Aufwand aufzubringen“, erklärte Dr. Kadir Tosun von der Abteilung für Urologie am Landeskrankenhaus Weinviertel Korneuburg.

Migranten sind ein Thema für Soziologen und Psychologen, für viele Ärzte bedeutet es jedoch Neuland. Ohne eine adäquate Kommunikation kann es zu Unklarheiten, Verunsicherungen und Fehldiagnosen kommen. Durch die manchmal unüberwindlichen Sprachbarrieren fühlen sich Patienten mit Migrationshintergrund, vor allem der ersten Generation, oft unverstanden. Sie wechseln dann von Arzt zu Arzt, und tatsächlich ist in dieser Bevölkerungsgruppe das „Doctor hopping“ signifikant öfters anzutreffen als in der Durchschnittsbevölkerung. Manche Ärzte versuchen dies mit zusätzlichen Untersuchungen zu kompensieren, was zu Überdiagnostik und natürlich zu höheren Kosten für das Gesundheitssystem führt.

Sprachbarrieren und Schamgefühl

Ein Dolmetscher stört zwar das klassische, duale Arzt-Patientenverhältnis, manchmal kann aber dieser die Kommunikation vereinfachen oder auch erst ermöglichen. Oftmals helfen Kinder oder Freunde, deren Deutschkenntnisse nicht immer sehr gut sind, beim übersetzen. Bei solchen Dolmetschern wollen oder können die Patienten aber nicht immer offen reden – wenn es etwa um eine Ejaculatio praecox oder eine erektile Dysfunktion geht. Abhilfe können Aufklärungsbögen oder ein entsprechendes Informationsmaterial schaffen.

„Meiner Meinung nach ist auch der erste Kontakt sehr wichtig“, sagte Tosun. Man kann zum Beispiel mit einer adäquaten Begrüßung („Salam“) ein Vertrauensverhältnis herstellen. Der Arzt sollte sich ebenso mit Fragen oder Kommentaren, die nicht medizinischen Charakter haben, zurückhalten, z. B. „Seit wann sind sie in Österreich?“. Der Fokus sollte darauf liegen, dem Patienten zu helfen, und ihn nicht durch falsch verstandene Erziehungsmaßnahmen oder Integrationsversuche zu verunsichern. Die Hintergründe, wie mangelnde Bildung oder niedriger sozialer Status, sind für einen Außenstehenden oft nicht einsehbar und können somit nicht immer verstanden werden.

Auch das Schamgefühl ist bei den muslimischen Migranten aufgrund ihrer Religion meist stärker ausgeprägt. Der körperliche Kontakt ist beim Arztbesuch oft unvermeidbar, aber auch im Islam gilt der Krankheitsfall als Ausnahmefall, in der andere Regeln gelten als im normalen Leben. Wenn es der muslimische Patient es wünscht, sollte die Untersuchung aber durch einen Arzt des eigenen Geschlechts erfolgen.

Keine homogene Gruppe

In Österreich leben derzeit etwa 500.000 Muslime. Muslime sind, so wie auch jede andere Bevölkerungsgruppe, keine homogene Einheit. Unterschiede sind sowohl in den sozialen Schichten und auch in den Religionsformen gegeben. Neben Glaubensbekenntnis, Gebet und Pilgerfahrt, gehört auch das jährliche Fasten (Ramadan) zur gelebten Tradition. Das Fasten beinhaltet nicht nur den Verzicht auf flüssige und feste Nahrung, sondern etwa auch das Rauchen oder den Geschlechtsverkehr. All diesen Dingen sollte man sich während der Fastenzeit jeweils zwischen Morgendämmerung und Sonnenuntergang enthalten. Vom Fasten befreit sind zum Beispiel Reisende, Menstruierende, Schwangere oder Kranke, aber nicht immer machen diese auch von dieser Befreiung Gebrauch.

Ärzte sollten jedenfalls darüber informiert sein, in welchem Zeitraum der islamische Fastenmonat stattfindet, denn dieser verschiebt sich von Jahr zu Jahr. 2014 wird der Ramadan von Ende Juni bis Ende Juli abgehalten „Ärzte sollten sich nicht wundern, wenn ihre Patienten die Medikamente zu dieser Zeit nicht so nehmen, wie es vorgeschrieben ist, oder auch Behandlungen aus oft unklaren Gründen nicht akzeptieren“, sagte Tosun.

Weithin bekannt ist, dass Muslime kein Schweinefleisch essen dürfen und keinen Alkohol trinken. In manchen Krankenhäusern wird dies bereits mit eigenen Essensplänen berücksichtigt. Aber auch Medikamente können alkoholhältige Substanzen beinhalten, und in manchen Präparaten und Arzneimitteln ist auch Schweinefleisch enthalten (z. B. Gelatine, Herzklappen). Krankheit gilt andererseits auch als Ausnahmezustand bzw. Notlage, die manchmal auch das Verbotene erlauben. Dies hängt individuell von der Schwere der Krankheit, wie auch vom Ausmaß der Religiosität ab.

Schmerzen werden unterschiedlich ausgedrückt

Ob Schmerzen laut ausgedrückt oder eher unterdrückt werden, hängt auch mit der jeweiligen Sozialisation zusammen. So wird etwa im Mittelmeerraum und im Orient das laute Schreien der Frau während der Geburt als sehr wichtig erachtet. Die rektale Untersuchung kann für Menschen diese Sozialisation schmerzhafter empfunden werden, womit etwa die Gefahr einer Fehldiagnose einhergeht (z. B. Prostatitis). Bei einem stationären Patienten kann der Verwandten- oder Freundesbesuch „schmerzverstärkend“ wirken. Dies sollte vom Arzt richtig eingeschätzt und nicht falsch interpretiert werden. Ausführliche Erklärungen über den Ablauf einer Untersuchung können Angst und Schmerz vermindern, vorausgesetzt natürlich die Kommunikation ist gegeben.

Ein wichtiges Thema für die Urologen sind in diesem Zusammenhang auch Vasektomien. Bei türkisch-stämmigen bzw. islamischen Patienten dürfen Verhütungsmittel, die nicht gesundheitsschädlich sind und vorübergehend sind, unter Eheleuten angewendet werden. Sterilisation und Vasektomie sind jedoch nur in Ausnahmefällen erlaubt, etwa bei Gesundheitsgefährdung durch Schwangerschaft.

„Am wichtigsten im Umgang mit Migranten ist es, mögliche Informationsdefizite zu beheben und die Verständigung zwischen Arzt und Patient zu fördern, um eine bessere, vorurteilsfreie Orientierung im Umgang mit diesen Patienten zu ermöglichen, und – wenn alle Stricke reißen – die Überweisung an einen sprachkundigen Kollegen“, so Tosun.

Quelle: Vortrag im Rahmen der Fortbildungstagung der Österreichischen Gesellschaft für Urologie und Andrologie, 15. bis 16. November 2013, Linz

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