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Dokumentation ist das A und O: Es genügt nicht, nur die Diagnose in der Patientenakte festzuhalten. Alle Symptome sind strukturiert zu erfassen.
 
Allgemeinmedizin 8. April 2013

Die Rangliste der Arzt-Irrtümer

Diagnostische Fehler im Fokus.

US-Forscher haben anhand von Patientenakten untersucht, in welchen Fällen es zu ärztlichen Irrtümern kommt.

Die Forscher um Dr. Hardeep Singh vom Baylor College of Medicine in Houston, Texas, haben Patientenakten aus zwei großen Zentren durchforstet. Hier hatten 69 Praktiker binnen eines Jahres rund 100.000 Patienten behandelt. Irrtümer bei der Diagnostik wurden mit „Triggerinformationen“ in der elektronischen Patientenakte aufgespürt: unerwartete Arztbesuche oder Klinikeinweisungen binnen 14 Tagen nach der Erstvorstellung. 190 Fälle von verpassten oder falschen Diagnosen wurden so herausgefiltert.

Probleme beim Arzt-Patienten-Kontakt

Gestört wurde der diagnostische Prozess hauptsächlich durch Probleme beim Arzt-Patienten-Kontakt (78,9%). Dies waren vor allem Mängel bei der Anamnese (56,3%), der körperlichen Untersuchung (47,4%) oder beim Anfordern diagnostischer Tests (57,4%). Deutlich seltener waren Probleme bei Überweisungen (19,5%), allgemeine Kommunikationsprobleme oder Schwierigkeiten der Patienten, die Symptome richtig zu schildern (16,3%) oder die Missinterpretation diagnostischer Befunde (13,7%). In 43,7 Prozent der Fälle lief mehr als einer dieser Prozesse fehlerhaft ab.

Die 68 „verpassten“ Einzeldiagnosen waren bunt gestreut: angeführt von Pneumonien (6,7%), dekompensierter Herzinsuffizienz (5,7%), akutem Nierenversagen (5,3%), Krebs (5,3%), Harnwegsinfektionen oder Pyelonephritis (zusammen 4,8%).

Auch die ursprünglich in der Patientenakte vermerkten Symptome waren breit gefächert: mit Husten an der Spitze (12,1%), abdominellen Schmerzen (8,9%), Kurzatmigkeit (6,3%), Rückenschmerzen (3,7%) und weiteren Beschwerden.

Dokumentation ist das A und O

Nur ein Fünftel der Arzt-Irrtümer kam im Zuge eines geplanten Follow-up ans Licht. 52 Prozent flogen auf, weil sich die ursprünglichen Beschwerden nicht besserten. Bei knapp 35 Prozent hatten sich die originären Symptome weiterentwickelt, bei 22,6 Prozent waren neue Symptome hinzugekommen, was dann zur korrekten Diagnose führte.

Angesichts der Vielfalt der Erstsymptome tun sich die Autoren schwer, Empfehlungen zur Vermeidung diagnostischer Fehler zu geben. „Wir müssen den Fokus auf elementare klinische Fähigkeiten des Untersuchers legen“, schreiben sie dazu, vor allem das Zusammentragen von Patientendaten und die korrekte Synthese der einzelnen Befunde. Es wird dringend geraten, alle Symptome strukturiert zu erfassen. Es genüge nicht, nur die Diagnose in der Patientenakte festzuhalten.

In der US-Studie hatte es bei nahezu der Hälfte der Fälle an der Dokumentation gehapert. Eine angemessene Exploration der Leitsymptome hatte entweder nicht stattgefunden oder war nicht in der Akte vermerkt worden.

Bei der Indexvisite wurde zudem in über 80 Prozent der Fälle keine Differenzialdiagnose angegeben. In 7,4 Prozent hatten die Mediziner frühere Aufzeichnungen einfach per „Copy and Paste“ in die Akte übertragen und dabei Fehler gemacht. Die meisten Irrtümer hatten dabei das Potenzial, den Patienten ernsthaft zu schaden: 86,8 Prozent der Fälle rangierten auf einer 8-Punkte-Skala (1 = kein Schaden, 8 = Tod) zwischen 4 und 8, was einer mäßigen bis schweren Schädigung entspricht.

Originalpublikation:

Singh H et al.: JAMA Intern Med 2013; 173 (6): 418–25

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