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Foto: flickr / chimothy27
Vor bösen Haiattacken lässt es sich gut fürchten. Das Risiko ist aber in der Regel völlig irrelevant. Reale Bedrohungen werden hingegen oft nicht hinreichend erkannt.
Foto: Privat

Peter M. Sandman Kommunikationsberater in Princeton, New Jersey, USA

 
Pulmologie 8. Oktober 2009

„Calm down you fool“

Risiko-Kommunikation ist kein leichtes Geschäft, obwohl tägliches Brot für Ärzte.

Was Experten als Gefährdung empfinden und wovor Laien sich fürchten, sind zwei sehr verschiedene Paar Schuhe. Die richtige Botschaft zur richtigen Zeit ist das Mittel, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu lenken.

Ausgesprochen unterhaltsam gestaltete sich der Vortrag von Peter M. Sandman beim ERS-Kongress Mitte September in Wien zum Thema Risiko-Kommunikation. Kein Wunder, denn Sandman ist kein Mediziner, sondern Kommunikationsexperte und -berater in Princeton, New Jersey, USA. Ärzte sollten dies im Grunde auch sein, denn sie reden täglich mit Patienten und deren Familien, ihren Mitarbeitern und nicht selten auch mit der Öffentlichkeit, ob sie nun interviewt werden oder vielleicht eine kleine Kolumne in einer Zeitung füllen.

Reale oder nicht reale Gefahr

Als „die grundlegendste Wahrheit der Risiko-Kommunikation“ bezeichnet Sandman die Tatsache, dass reale Gefährdung und Aufregung in der Öffentlichkeit nur sehr wenig gemeinsam haben. „Nehmen Sie eine Liste von potenziellen Risiken und sortieren Sie sie nach Kriterien wie Mortalität. Dann sortieren Sie die gleiche Liste nach dem Kriterium, ob dieses Thema ein ‚Aufreger’ ist. Die Korrelation wird äußerst gering sein.“

Fachleute neigen dann zur Meinung: Die Öffentlichkeit versteht das einfach nicht. Der Kommunikationsexperte sagt hingegen, als „Risiko“ muss eine Funktion aus zwei völlig verschiedenen Dingen bezeichnet werden: einerseits die von Fachleuten erkannte Gefährdung, andererseits das, was die Öffentlichkeit fürchtet und debattiert. Experten unterschätzen das Risiko, wenn die Gefährdung gering ist, aber die öffentliche Erregung hoch. Bei Laien ist es umgekehrt: Sie unterschätzen das Risiko, wenn die tatsächliche Gefährdung hoch ist, aber die öffentliche Erregung über das Thema gering.

Henne- und Ei-Problem

Hier stellt sich allerdings die Kausalfrage: Wenn die Menschen über eine Gefahr diskutieren, sind sie dann echauffiert, weil sie sie für gefährlich halten, oder halten sie sie für gefährlich, weil sie sich darüber echauffieren? Diese Frage zu beantworten ist wichtig, um das Pferd nicht von hinten aufzuzäumen, sondern die Ursache anzugehen, statt der Wirkung.

„Die Forschung zeigt“, so Sandman, „dass der Weg in beide Richtungen geht. Aber die öffentliche Erregung beeinflusst die Wahrnehmung der Gefährdung um vieles mehr als die tatsächliche Gefahr die öffentliche Erregung.“ Meistens also glauben die Menschen, dass etwas gefährlich ist, weil sie sich darüber aufregen. Und sie halten Dinge für ungefährlich, wenn sie beim Thema ruhig bleiben. Zu den Begriffen, die die Menschen beruhigen, zählen „freiwillig, natürlich, gewohnt, nicht merkenswert, nicht gefürchtet, chronisch, vorhersagbar, kontrollierbar“ und einige mehr (siehe Tabelle). Wenn etwas von den Menschen mit diesen Attributen belegt wird, wird es als „sicher“ betrachtet, auch wenn es töten kann. Ein Beispiel dafür hat jeder Arzt täglich in seiner Praxis: Wer redet sich nicht den Mund fusselig über die Gefahren des Rauchens, des übermäßigen Alkoholgenusses oder der falschen Ernährung?

Trügerische Gefühle

Wer sich sicher fühlt, ist dem aktuellen Thema gegenüber apathisch, auch wenn eine Gefahr besteht. Will man nun die Menschen davon überzeugen, dass etwas gefährlich ist, muss man es als „aufgezwungen, industriell, ungewohnt, bemerkenswert, gefürchtet, katastrophal, unvorhersehbar, unkontrollierbar, unfair, moralisch relevant, aus nicht vertrauenswürdigen Quellen stammend“ darstellen. Dabei müssen die Botschaften kurz und interessant gestaltet werden, damit sie ankommen, und vor allem sollte den Menschen etwas zu tun gegeben werden. „Es ist leichter, die Menschen zu Vorsichtsmaßnahmen zu bringen, die sie für idiotisch halten, als sie davon zu überzeugen, dass sie nicht idiotisch sind“, erklärte Sandman. Und weiter: „Ist es gelungen, die Leute zu den Maßnahmen zu bewegen, dann wird auch die Sache selbst wichtig, denn das muss sie ja sein, sonst hätte man ja keine Vorsichtsmaßnahmen unternommen.“ Mit anderen Worten: Die Tat wird dazu verwendet, die Einstellung zu ändern, statt umgekehrt.

Ein Problem hinsichtlich etwa der aktuellen oder den früheren Pandemien ist dabei allerdings, dass offizielle Stellen dazu neigen, ein Thema dann zu promoten, wenn die Menschen apathisch sind. Sobald die öffentliche Aufregung steigt, bekommen die Offiziellen Angst vor der Panik und hören genau dann auf zu sprechen, wenn sie gehört werden würden, erklärt Sandmann.

Umgekehrt ist nicht selten die Aufregung groß, obwohl das objektive Risiko sehr gering ist. Hier muss also beruhigt werden. Allerdings nicht mit den Worten: „Beruhigen Sie sich!“ Oder gar: „Beruhigen Sie sich, Sie hysterischer Idiot!“ Das führt nämlich selten zur Beruhigung. Greifen Sie auf die oben genannte Liste an „sicheren“ Faktoren zurück, um das Bild zurechtzurücken.

Schließlich gibt es noch die Fälle, in denen hohes tatsächliches Risiko und große öffentliche Erregung zusammentreffen. Hier ist Beruhigung sinnlos, denn erstens ist die Gefahr ja tatsächlich groß und Maßnahmen sind zu ergreifen, und zweitens sehen die Menschen die große Gefährdung und werden sich nicht beruhigen lassen. Die richtige Botschaft hier ist: „Wir stehen das gemeinsam durch.“

http://www.psandman.com/

Von Livia Rohrmoser, Ärzte Woche 41 /2009

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