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© Martin Kenek-Burger
Sie sind für rasche Umsetzung (v. l.): Volker Schörghofer, Gerald Bachinger, Ulrike Rabmer-Koller, Angelika Bischof.
 
Praxis 30. September 2016

e-Medikation: „Erstaunen und Misstrauen“

Technisch sei der Start der e-Medikation im Regelbetriebs per 1. Dezember kein Problem, versichert der Hauptverband. Die Patienten müssen sich an die Neuerung erst gewöhnen. Und im Ministerium spielt man auf Zeit.

Die e-Medikation kommt. Vielleicht nicht im 2. Quartal 2018 wie sich der stv. Generaldirektor des Hauptverbandes, Volker Schörghofer, das wünscht, aber ein „zurück an den Start“, wie es die Ärztekammer das fordert, wird es auch nicht spielen. Nicht zuletzt deshalb, weil das Vorhaben Gefahr läuft, zu Tode geplant zu werden. Und weil niemand, auch nicht die ÄK die Sinnhaftigkeit der Vermeidung von Doppelverschreibungen und Wechselwirkungen in Zweifel zieht. Jemand sollte das auch den Bürgern sagen.

Mag. Angelika Bischof leitet eine Apotheke in Deutschlandsberg. Täglich nimmt sie Dutzende handgeschriebene Rezepte entgegen und speichert sie in e-Medikation ab. Dazu müssen die Kunden aber auch ihre e-Card stecken, wenn sie diese überhaupt mit haben. In der Apotheke? Die Reaktionen pendeln laut Bischof „zwischen Erstaunen und Misstrauen“, das Vorwissen über e-Medikation ist bescheiden.

Deutschlandsberg ist das Testlabor für diese Art und Weise, Patientensicherheit herzustellen. Jeder kennt die Beispiele von den älteren Herrschaften mit der Schachtel voller Arzneimittel unterm Arm. Patientenanwalt Dr. Gerald Bachinger hat noch einen weitaus drastischeren Bericht auf Lager. Titel: Kommt eine 85-jährige Frau mit Oberschenkelhalsbruch ins Spital. Tatort Unfallchirurgie. Die Dame kommt zur Anamnese. Sie gibt an, dass sie ein bestimmtes, hierzulande häufig verschriebenes Rheuma-Medikament einmal die Woche einnimmt. Die Ärztin versteht, warum auch immer, dass sie es einmal am Tag benötigt. Die Folge: Die Dame landet einige Tage später mit einer Vergiftung auf der Intensivstation, sie hat knapp überlebt. Bachingers Moral von der Geschichte: „Leben und Gesundheit der Patienten sind gefährdet.“ Freilich: Wenn die Ärztin die falsch verstandene Angabe in e-Medikation gespeichert hätte, wäre der Ablauf der gleiche gewesen.

Dass nicht alles rund lief in Deutchlandsberg räumt die Verbandsvorsitzende Mag. Ulrike Rabmer-Koller indirekt ein, sie spricht von „Kinderkrankheiten“, die eine Verlängerung des Probebetriebs notwendig machen. Am 1. Dezember soll die E-Medikation in dem steirischen Bezirk verpflichtend starten. Jemand sollte das auch dem Ministerium mitteilen. Denn kaum bekannt gegeben, droht dem Einführungsplan der Sozialversicherung für die E-Medikation das Scheitern. „Von einem österreichweiten Rollout kann hier weit und breit keine Rede sein“, kam postwendend das „Njet“ der Ärztekammer. Eine Zustimmung der Ärzte ist eine der Voraussetzungen für eine entsprechende Verordnung, hieß es von Seiten des Ministeriums.

Martin Křenek-Burger

, Ärzte Woche 40/2016

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