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© Achim Scheidemann / dpa
Schmerz ist ständiger Begleiter der Profis. Im Bild: der frühere Werder Bremen-Legionär Ivan Klasnic.
 
Sportmedizin 27. Juni 2016

Jeder dritte Fußballer nimmt Schmerzpillen ein

Der Profisport toleriert keine Unterbrechungen, die Spieler müssen so schnell wie möglich wieder fit sein.

Gut ein Drittel aller Profi-Kicker nehmen vor dem Match Schmerzmittel. Das zeigt eine FIFA-Untersuchung. Welche Folgen hat es für den Körper, wenn „Schmerztabletten wie Smarties eingeworfen werden“?

„In dem Moment, in dem man Schmerzen hat, überlegt man nicht, was man nimmt“, erinnerte sich der ehemalige kroatische Nationalspieler Ivan Klasnic in einem Interview an seine aktive Zeit. „Man ist unter Druck, muss fast wie eine Maschine funktionieren.“

Klasnic, der seine größten Erfolge mit Werder Bremen feierte, wurde der übermäßige Medikamentenkonsum beinahe zum Verhängnis: 2005 diagnostizierten Ärzte nach einer Blinddarmoperation bei dem Fußballprofi Schädigungen der Nieren. Zwei Jahre später – inzwischen litt er an einer Niereninsuffizienz – wurde eine Transplantation nötig. Klasnic hatte Glück im Unglück. Als weltweit einziger Profi spielte er mit einer Spenderniere auf hohem Niveau weiter, nahm 2008 mit Kroatien sogar an der Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz teil.

Drittel nimmt Schmerzmittel

Schmerzmittel sind im Profifußball weit verbreitet. Das belegt eine Studie, die die FIFA im Umfeld der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika in Auftrag gab. Damals bat man die Ärzte der 32 WM-Teams um eine Liste jener Medikamente, die den Spielern innerhalb der letzten 72 Stunden vor einem Spiel verabreicht worden waren. Den Angaben nach konsumierten 34,6 Prozent aller Turnierspieler vor einem Match ein steroidfreies entzündungshemmendes Medikament, beispielsweise Aspirin, Ibuprofen oder Naproxen. Bei einer ähnlichen Untersuchung 2006 waren es noch 29 Prozent gewesen. Die Quote steigt dabei mit zunehmendem Alter der Spieler.

„Steroidfreie entzündungshemmende Medikamente können zu Leber- und Nierenschäden führen, besonders wenn ein bestimmtes Mittel lange eingenommen wird“, erklärte FIFA-Chefmediziner Professor Jiri Dvorak nach Veröffentlichung der Studie. „Einige Spieler nehmen entzündungshemmende Mittel wahrscheinlich ohne Rezept ihres Teamarztes ein. Anderen werden sie vom Arzt verschrieben, weil sie unter Schmerzen oder anderen Beschwerden leiden. Wieder andere greifen auf Schmerzmittel zurück, um möglichen Beschwerden während eines Spiels vorzubeugen. Für sie sind sie selbstverständlich geworden.“

Von der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) verboten sind derzeit lediglich die hochpotenten Opioidanalgetika, die die WHO ihrem Stufenplan gemäß auf Stufe III setzt, beispielsweise Morphin, Fentanyl und Oxycodon. Wie Professor Gerd Geißlinger vom Institut für Klinische Pharmakologie des Universitätsklinikums Frankfurt am Main bei einem internationalen Doping-Symposium in der Main-Metropole ausführte, sind Nicht-Opiatanalgetika der Stufe I (etwa ASS, Diclofenac, Ibuprofen und Paracetamol) und niederpotente Opioidanalgetika der Stufe II (Tramadol, Tilidin und Naloxon, Dihydrocodein) dagegen erlaubt.

Soll die WADA NSARs verbieten?

Zumindest die Schmerzpräparate der Stufe II gehören Geißlingers Meinung nach durchaus auf die Verbotsliste, „da sie in höherer Dosierung dieselbe Wirkung haben wie die hochpotenten Opioidanalgetika“. Dagegen seien die nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR) kaum zu bannen, da ein Spieler sonst noch nicht einmal eine Tablette gegen Kopfschmerzen einnehmen dürfe.

Allerdings müsse im Bereich Schmerzmittel viel stärker als derzeit aufgeklärt werden, so Geißlinger. „Ich glaube, dass viele Leistungssportler gar nicht wissen, was sie mit den erlaubten Substanzen anrichten können“ Hier seien vor allem die Mannschaftsärzte in der Pflicht. Einige von ihnen, so der Vorwurf des Pharmakologen, vernachlässigten bei der Verabreichung entsprechender Präparate an ihre Spieler nicht nur die Kontraindikationen und Unverträglichkeiten, sondern auch die zulässige Höchstdosis.

Das Problem kannte schon Professor Wilfried Kindermann, der ehemalige Teamarzt der deutschen Fußballnationalmannschaft, der 2008 erklärte: „Die Schmerztabletten werden wie Smarties eingeworfen. Oft in einer Selbstmedikation ohne Verantwortung für sich selbst.“ÄZ

Pete Smith, Ärzte Woche 26/2016

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