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Praxis 20. Juni 2016

Krank, aber mündig

Patienten wollen schneller drankommen, kürzere Wege zurücklegen und sich seltener erklären.

Das Meinungsforschungsinstitut IFES hat im Auftrag der Vinzenz Gruppe Wiener und Oberösterreicher befragt, was sie an der Gesundheitsversorgung stört und wie das ihrer Meinung nach verbessert werden könnte. Ganz oben auf deren Wunschliste stehen eine stärkere Vernetzung unter Einbeziehung aller Akteure, eine Bündelung der Angebote vor allem im niedergelassenen Facharztbereich, einfachere Strukturen zur besseren Orientierung sowie mehr Unterstützung bei der Vor-und Nachsorge.

Die repräsentative Umfrage schloss 1.100 Probanden aller Altersgruppen und sozialen Schichten in Wien und Oberösterreich ein. Aufgrund der hohen Stichprobe ließen sich nicht nur Detailergebnisse selektieren, etwa bezüglich geschlechts- oder altersspezifischer Unterschiede, sondern die zentralen Ergebnisse auch auf Gesamtösterreich umlegen, erklärt Studienautor Dr. Reinhard Raml, Geschäftsführer von IFES (Institut für empirische Sozialforschung).

Über seine Motivation, die Studie in Auftrag zu geben, sagt Dr. Michael Heinisch, Geschäftsführer der Vinzenz Gruppe: „Die aktuelle Debatte über die Gesundheitsreform ist sehr technisch getrieben, sehr intellektuell. Viele Partner verfolgen dabei unterschiedlichste Interessen. Was aber sind eigentlich die Interessen der Patienten? Wo sehen sie Probleme? Was sind aus ihrer Sicht Lösungen, die es für ein menschengerechtes Gesundheitssystem brauchen würde? Mit dieser unabhängigen Umfrage wollen wir den Patienten eine Stimme geben.“

Ein durchaus angenehmer Nebeneffekt ist es natürlich, wenn diese Stimme die eigenen Vorhaben und Projekte empirisch untermauert und stützt. So gesehen sind die Studienergebnisse eine gute Rechtfertigungsgrundlage für die von der Vinzenz Gruppe aktuell geplanten Gesundheitsparks, die in den kommenden Jahren an allen sieben Krankenhaus-Standorten in Wien und Oberösterreich entstehen und neben dem klassischen ambulanten und stationären Angebot eben auch niedergelassene medizinische Leistungen umfassen sollen.

Der Hausarzt ist gefragt

Kapitel eins der Umfrage befasst sich mit den „Gewohnheiten“ der österreichischen Patienten. Dabei bestätigte sich einmal mehr, dass der Hausarzt als kompetenter Ansprechpartner in Sachen Gesundheit und Krankheit unangefochten an erster Stelle steht. Auf die Frage, wohin sich Patienten bei einem gesundheitlichen Problem – ausgenommen einem medizinischen Notfall – am ehesten wenden, erhielt der Hausarzt auf einer zehnteiligen Skala von 0 (auf keinen Fall) bis 10 (auf jeden Fall) mit 8,4 den mit Abstand höchsten Wert. Bei der Landbevölkerung bzw. Patienten über 50 Jahre ist dieser Wert nochmals deutlich höher. Es folgt der niedergelassene Facharzt mit 7,6. Spitalsambulanzen kommen im Vergleich dazu auf den Wert 5,4.

Knapp 40 Prozent der Befragten wünschen sich aber auch eine „zentrale Stelle, wo man anrufen und um Rat fragen kann“. Das Internet ist derzeit nur für rund 20 Prozent erster Ratgeber bei auftretenden Beschwerden. In der Gruppe der unter 35-Jährigen sind es aber bereits doppelt so viele. Auch in der Apotheke suchen Patienten häufig nach kompetenten Antworten auf ihre Gesundheitsprobleme.

Unnötige Wartezeiten und Kilometer

Kapitel zwei der Studie widmet sich den subjektiv am häufigsten wahrgenommenen Problemen und Schwachstellen im System. Ganz oben auf der Liste findet sich der Punkt „Langes Warten auf einen Termin“ für einen Facharztbesuch, für eine Röntgen-, MRT- bzw. CT-Untersuchung oder für eine Operation. 70 Prozent aller Befragten fühlen sich davon persönlich sehr stark betroffen oder zumindest betroffen. Besonders belastend sind die Wartezeiten für die 35- bis 49-Jährigen, weil sie nicht nur selbst darunter zu leiden haben, sondern noch einmal im Rahmen ihrer Verantwortung als Betreuer gegenüber ihren Kindern und zunehmend ihren Eltern, wie Raml erklärt.

An zweiter Stelle folgt Unbehagen darüber, dass die Qualität der gestellten Diagnose bzw. der angewandten Therapie nicht überprüfbar ist. Außerdem wird die „Lauferei zwischen verschiedenen Fachärzten“ von 57 Prozent der Patienten als unangenehm empfunden, die ungünstigen Öffnungszeiten der Ordinationen beklagt (50 Prozent), die fehlende Motivation und Information zur Vorsorge beanstandet (48 Prozent) sowie auf die Schwierigkeiten hingewiesen, nach erfolgter Diagnose auch den passenden Therapeuten dafür zu finden und Termine zu organisieren.

Neun von zehn wollen eine bessere Vernetzung

Der dritte und letzte Teil der Umfrage sammelt schließlich Meinungen und Anregungen der Patienten, wie das System auf diese Schwächen reagieren sollte. Auch hier fällt die primäre Antwort klar aus: 88 Prozent der Befragten wünschen sich eine stärkere Vernetzung und örtliche Bündelung der verfügbaren Gesundheitsanbieter. Besonders die unter 35-Jährigen (96 Prozent) fordern von den Verantwortlichen eine entsprechende Umorientierung im Gesundheitswesen ein.

Die Vernetzung soll – geht es nach den Wünschen der Patienten – vor allem die niedergelassenen Fachärzte untereinander bzw. mit Röntgen-, CT-, MRT-Einrichtungen umfassen. Aber auch Apotheken, Allgemeinmediziner, ambulante Reha-Angebote, Spitalsambulanzen, Vorsorgeuntersuchungen, Physio- und Ergotherapeuten, interdisziplinäre Versorgungsangebote (etwa für Diabetiker) sowie Pflegeeinrichtungen sollten in solche Vernetzungsmodelle mit eingebunden werden.

Als Hauptargument werden dabei aber nicht längere Öffnungszeiten ins Treffen geführt (nur Platz acht), sondern in erster Linie die Chance auf „verkürzte Wartezeiten auf Befunde und Termine für Facharztbesuche“. Dahinter folgen die „fußläufige Erreichbarkeit“ und die vor Ort organisierbare „Nachsorge“ bei Behandlungen, etwa Verbandswechsel, Medikamenteneinstellung oder Blutbildkontrolle. Immerhin 78 Prozent erhoffen sich dadurch einen besseren Informationsaustausch, damit sie nicht „ein Problem immer wieder erklären“ müssen.

Die Patienten beurteilten die einzelnen Institutionen, jeweils für sich genommen, zwar positiv, fasst Heinisch zusammen, „sie orten aber einen deutlichen Verbesserungsbedarf an den Schnittstellen. Diese Verbindungen müssen wir zukünftig besser hinbekommen.“ Dabei gelte es, alle relevanten Akteure mit zu berücksichtigen, also etwa auch Apotheken oder Krankenhäuser. Das sei „der klare Wunsch der Patienten“, so Heinisch weiter, komme in der aktuellen politischen Diskussion allerdings noch viel zu kurz. Natürlich müsse man dazu den niedergelassenen Bereich stärken, der wesentliche Punkt sei jedoch, das Gesamtangebot integriert zu sehen: „Der wirkliche Charme liegt darin, dass alle Angebote gebündelt werden und ineinander greifen.“ Dazu sei nicht unbedingt ein radikaler Paradigmenwechsel in Richtung sektorenübergreifende, integrierte Finanzierung notwendig, bleibt Heinisch realistisch, denn „das wird uns in absehbarer Zeit nicht gelingen“. Man könne aber zum Beispiel integrierte Einzelverträge für die Versorgung chronischer und/oder komplexer Krankheitsbilder ausarbeiten, regt er an. Das sei auch kurzfristig möglich.

Der Hausarzt brauche sich vor zusätzlichen Vernetzungsmodellen jedenfalls nicht zu fürchten, ist Heinisch überzeugt, „im Gegenteil, die Rolle des Hausarztes wird dadurch nämlich nicht an Bedeutung verlieren, sondern noch einmal gestärkt“.

Beratung bei gesundheitlichen Problemen

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 25/2016

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