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Nephrologie 24. Mai 2016

Training, Arznei oder Op – Was hilft bei Inkontinenz?

Fast jede dritte Frau über 50 ist von einer Belastungs- oder Dranginkontinenz – oder von beidem – betroffen.

Harninkontinenz erhöht bei Seniorinnen das Risiko für Depressionen – und für Stürze. Ob man therapeutisch mit Beckenbodentraining, Medikamenten oder einer Op am besten fährt, hängt von der Art und der Ausprägung der Beschwerden ab.

Etwa jede dritte Frau über 50 leidet an einer Harninkontinenz. Für die Betroffenen ist damit häufig eine Beeinträchtigung der Lebensqualität verbunden: Aus Angst vor ungewolltem Urinverlust trauen sich viele Patientinnen nicht mehr aus dem Haus, meiden soziale Kontakte und schränken Alltagsaktivitäten ein.

Wie Dr. Alexander Kretschmer vom Klinikum der Universität München-Großhadern betont, steigt mit der Harninkontinenz das Risiko für Depressionen (MMW 2015; 157: 48-51). Nicht zuletzt stürzen die Patientinnen auch häufiger.

Grundsätzlich werden bei der Harninkontinenz drei Formen unterschieden:

• Bei der Belastungsinkontinenz kommt es unter Belastungen wie Husten, Niesen oder sportlicher Aktivität zum Harnverlust.

• Die Dranginkontinenz ist durch plötzlichen Harndrang verbunden mit imperativer Miktionseinleitung gekennzeichnet.

• Bei der Mischinkontinenz liegt beides vor.

In der Therapie der Belastungsinkontinenz steht das intensive Beckenbodentraining im Vordergrund. Ziel ist es, die Muskulatur des Beckenbodens zu stärken und deren Koordination bei drohendem Urinverlust zu optimieren. Nach Kretschmer werden in Kombination mit Elektrostimulation bessere Erfolge erzielt als mit Beckenbodentraining allein.

Abbruchrate ist hoch

Als einzige medikamentöse Therapieoption für Frauen mit Belastungsinkontinenz steht der SNRI Duloxetin zur Verfügung. Dieser zeigte in randomisierten Studien Ansprechraten bis zu 62 Prozent. Allerdings brechen viele Patientinnen – laut Kretschmer bis zu 90 Prozent – die Therapie aufgrund von Nebenwirkungen, wie Übelkeit, Schlaflosigkeit, Obstipation und Schwindel, ab.

Führt die konservative Therapie nicht zum Erfolg, können operative Verfahren angeboten werden. Im Vordergrund stehen minimalinvasive spannungsfreie Schlingen. Diese können entweder retropubisch oder transobturatorisch implantiert werden.

Beide Verfahren haben Vor- und Nachteile: So ist bei der transobturatorischen Implantation das Risiko für intraoperative Blasenverletzungen und postoperative Entleerungsstörungen geringer; dafür treten häufiger vaginale Verletzungen sowie postoperativ Schmerzen in der Leiste und an der Oberschenkelinnenseite auf.

„Neuere Studien zeigen einen Trend, dass retropubische Schlingen im Langzeitverlauf etwas bessere Ergebnisse haben als transobturatorische Schlingen“, so Kretschmer. Die Erfolgsquote lag nach elf Jahren bei etwa 80 Prozent. Cave: Eine gleichzeitig vorliegende Dranginkontinenz kann sich durch die Op verschlechtern. Hier sollten zunächst die Drangbeschwerden behandelt werden.

Anders als bei der Belastungsinkontinenz ist bei der Dranginkontinenz die medikamentöse Therapie fester Bestandteil der Erstlinientherapie. Dem Symptom der überaktiven Blase (ÜAB) liegt eine Hyperaktivität von Muskarinrezeptoren im Detrusor zugrunde. Diesem Pathomechanismus kann man mit Anticholinergika entgegensteuern. In Österreich zugelassen sind Tolterodin, Oxybutynin, Solifenacin, Trospium, Oxybutynin transdermal und Tolterodin ER. Wie eine Metaanalyse zeigt, ist die Wirksamkeit der verschiedenen Substanzen am Blasenmuskel nahezu gleich (Ann Int Med 2012; 156 (12): 861-874). Unterschiede gibt es in puncto Nebenwirkungen: So sind neuere Substanzen, wie Solifenacin, deutlich weniger hirngängig als ihre Vorläufer und führen daher kaum zu einer Einschränkung der kognitiven Fähigkeiten.

Ein wichtiger medikamentöser Baustein bei der Behandlung der Dranginkontinenz ist auch die lokale Östrogenisierung mit Estradiol. Damit ließen sich die Beschwerden nachweisbar reduzieren. Der Beta-3-Adrenozeptoragonist Mirabegron ist eine nebenwirkungsarme Option für Frauen, bei denen bereits zwei Anticholinergika versagt haben. Vor allem Mundtrockenheit und Obstipation werden vermieden.

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