zur Navigation zum Inhalt
©  Jörg Carstensen/dpa
Abnehmen ist keine Frage der Intelligenz. Die seelische Verfassung wird unterschätzt.
 

Ballast für Körper und Seele

Dick sein gehört zum Selbstbild, ist der übergewichtige Autor Bertram Eisenhauer überzeugt.

Ein intelligenter, gebildeter Übergewichtiger kann beim Versuch, Ballast abzuwerfen, genauso scheitern wie ein dicker Mensch, der seine Situation nur wenig reflektiert. Das sagt der Buchautor Bertram Eisenhauer. Grund dafür sei nicht zuletzt die übernommene feste Überzeugung, dick zu sein: „Nur weil man das Problem besser versteht, bewältigt man es nicht schneller.“

Du bleibst immer ein Dicker, ob in den Augen anderer oder den eigenen. Das schreibt Bertram Eisenhauer, der so um die 175 Kilo auf die Waage bringt, in seinen Selbstbetrachtungen, die unter dem Titel „Weil ich ein Dicker bin“ erschienen sind. Selbst wenn tatsächlich keiner im Raum auf seine Figur achten würde: Seine Annahme macht es wahr, „ganz egal, was Sache ist“. Ein Dilemma, in dem wohl die meisten adipösen Menschen stecken. Eisenhauer, abgeklärt: „Der Dicke wird vornehmlich als Dicker wahrgenommen. Ob er nun Nobelpreisträger oder Gehirnchirurg ist, ist sekundär.“ Der Autor ist Journalist, aber nicht irgendein Schreiberling bei irgendeinem Blatt, sondern bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Dieser verdammte erste Eindruck, mit dem hadert er: „Ich tendiere dazu, diesen ersten Eindruck zu revidieren, zu korrigieren oder reparieren zu wollen, damit die Leute sehen, selbst wenn das jetzt ein Dicker ist, dann ist es wenigstens ein unterhaltsamer, amüsanter, netter Dicker. Das ist ein vorauseilender Gehorsam, ein ständiger Rechtfertigungsdruck, den kennen Normalgewichtige nicht.“

Den Kampf, der sich hinter der fülligen Kulisse abspielt, können schlanke Mitmenschen nur erahnen. Eisenhauer war nämlich einmal schon fast normalgewichtig. Er war Mitte zwanzig, nennt das seine „heroische Phase“, während der er täglich die Laufschuhe anzog. Warum er aufgehört und den Gewichtsverlust von 34 Kilo verspielt habe? „Ich weiß es nicht.“ Um seine seelische Verfassung sei es nicht zum Besten gestanden, „Frust- und Traueressen“ war die Folge.

Was im Buch steht: „Generell ist meine Vermutung: Ich bin in meinem schmaleren Körper damals nicht heimisch geworden; die Gewissheit, dass ich ,ein Dicker’ sei, blieb. Und irgendwann stimmte das ja auch wieder.“

Was im Buch so nicht drin steht, erläutert Eisenhauer im Interview. Er war zweimal, Ende der 1980er- und Mitte der 1990er-Jahre für Studienaufenthalte im Fast-Food-Ketten-Land USA. „Das war damals ein Land, wo man der Überzeugung war, es gebe kein Gericht, auf dem angebratener Speck die Sache nicht verbessern könnte. Das hat mir nicht gutgetan. Jedes Mal, wenn ich zurückgekommen bin, war ich noch schwerer als beim Hinflug.“

Längst hat Eisenhauer erkannt, dass es so nicht weiter gehen kann, er beschäftigt sich nicht nur mit den marktwirtschaftlichen Mechanismen, die zu immer größeren Portionen und zu einem Nahrungsüberangebot in der westlichen Welt geführt haben. Nur noch der Schlaf störe die permanente Nahrungsaufnahme, schreibt Eisenhauer sinngemäß, aber auch diese letzte Hürde könnte noch fallen. „Im Buch steht irgendwo ein Satz eines Kollegen, der für seine ruppige Sprache bekannt ist: ,Sie sind ein so intelligenter Mensch, wieso haben Sie so lange gebraucht, dieses Problem anzugehen?’ Zu dem habe ich gesagt: ,Das ist keine Frage der Intelligenz. Essen ist für viele Dicke Ersatz für eine Emotion, die sie vermissen, deswegen haben sie Gelüste. Um die Metapher eines amerikanischen Psychologen zu zitieren: Der Elefant – die emotionale Seite unseres Selbst – fragt nicht, wie intelligent der Reiter – unsere Ratio – ist, sondern der Elefant will, was der Elefant will. Welche Bildungsabschlüsse der Reiter hat, ist dem egal.’ Nur weil man das Problem besser versteht, bewältigt man es nicht schneller.“

Interessant sind Eisenhauers Einlassungen über Ernährungstipps, frei nach dem US-amerikanischen Food-Philosophen Michael Pollan. Dessen recht einfach klingende, aber schwer einzuhaltende Regeln lauten zum Beispiel: „Machen Sie Wasser zum Getränk Ihrer Wahl“; „Essen Sie nichts, was Ihre Großmutter nicht als Essen erkannt hätte“; „Kochen Sie selbst“.

Ode an den Thunfisch

Kochen Sie, Herr Eisenhauer? „Ja, aber ich bin der klassische Single, der nur über wenig Kochkenntnis verfügt. Ich mache mir seit Ewigkeiten Thunfischsalat oder Hähnchenbrust auf gemischtem Salat. Ich bin damit glücklich, man müsste eigentlich eine Ode an den Thunfisch schreiben.“ Eisenhauers Erkenntnis: Richtige Mahlzeiten in einer Gruppe einnehmen, nicht im Gehen oder unterwegs allein essen. „Wenn man immer so essen würde, als ob man in Gesellschaft wäre, das wäre gut, dann fühlt man sich zwar beobachtet und in gewisser Weise auch gemaßregelt, aber für den Kalorien-Intake wäre es besser.“ Eines der Probleme beim Übergewicht sei es, dass man sich zurückziehe, was weder der Seele noch den Sozialbeziehungen guttue. „Wenn man allein ist, dann reißen die Sicherheitsstricke schneller“. Er kenne Studien, denen zu Folge Menschen, die einen Dicken sehen, der viel Eis isst, dazu tendieren, weniger Eis zu essen, als wenn sie einen Normalgewichtigen im Raum haben, sagt Eisenhauer.

Angst vor der Zukunft? „Sicher, was ich mache, ist absolutes Risikoverhalten.“ Eisenhauer hat sich überwunden und ein Jahr in einem Abnehmprogramm verbracht. Ob’s was gebracht hat? Lesen Sie das Buch!

Zur Person

Bertram Eisenhauer, geboren 1964, wuchs in Baden (D) auf, studierte in Heidelberg, Connecticut und New York. Er arbeitete als Redakteur im Feuilleton und im politischen Ressort der FAZ; heute leitet er das Ressort „Leben“ bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Martin Burger, Ärzte Woche 7/2016

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben