zur Navigation zum Inhalt
© Robert Kneschke / fotolia.com
 
Praxis 1. Februar 2016

Von Boom kann keine Rede sein

Onlinehandel bleibt hinter Erwartungen, sorgt aber immerhin für einen Umsatzzuwachs.

Seit vergangenem Juni dürfen österreichische Apotheken rezeptfreie Medikamente innerhalb des Landes verschicken. Das Marktforschungsinstitut IMS Health hat die Apotheken um eine Zwischenbilanz gebeten und bewertet die Zukunftsaussichten des Online-Versands.

Im seit 25. Juni vergangenen Jahres auch in Österreich möglichen Versandhandel von rezeptfreien Arzneimitteln (OTC) durch Apotheken ist offenbar das eingetreten, was man in der Apothekerkammer erwartet hatte. Die Sache ist ein Nischengeschäft, von dem nur wenige Apotheken profitieren. Das Arzneimittel-Markforschungsinstitut IMS hat dazu eine Online-Befragung mit Daten von 184 Apotheken veröffentlicht.

„Erwarteter Boom blieb nach Freigabe des Medikamenten-Versandhandels aus“, titelte IMS Health damals in einer Aussendung. Einen durchschlagenden Erfolg hatte man allerdings in der Österreichischen Apothekerkammer gar nicht erwartet. „Wir glauben eher, dass das relativ wenige österreichische Apotheken wirklich betreiben werden“, sagte Kammerpräsident Max Wellan.

Erste Hinweise bestätigen diese Einschätzung nun. IMS Health hat mittels Online-Fragebögen 556 öffentliche Apotheken kontaktiert. In Österreich gibt es mehr als 1.300 Apotheken. Vollständig ausgefüllt wurden 184 Fragebögen.

„Insgesamt betreiben 15 Prozent der befragten Apotheken Fernabsatz, für den Onlineversand haben sich allerdings nur 20 Apotheken angemeldet. Der Versandhandelsanteil am gesamten rezeptfreien Apothekengeschäft wird dementsprechend relativ gering eingeschätzt: Mehr als ein Drittel der Befragten ist der Meinung, dass dieser etwa vier bis fünf Prozent ausmacht. Der Durchschnittsumsatz pro Bestellung wird auf 16 Euro bis 45 Euro geschätzt“, hieß es in der Aussendung. Knapp 80 Prozent der Befragten hielten Vitaminpräparate und Nahrungszusätze für die umsatzstärksten Kategorien.

Wahrscheinlich ist die Situation in Österreich mit der in Deutschland vergleichbar. „In Deutschland haben sich von 21.000 öffentlichen Apotheken rund 3.000 die Erlaubnis zum Versandhandel geholt. 150 Apotheken betreiben ihn. 30 bis 40 machen 90 Prozent des Umsatzes“, sagte Apotheker-Kammeramtsdirektor Hans Steindl vor dem Start des Versandhandels.

IMS Health Österreich-Geschäftsführerin Erika Sander meinte zur Situation in Deutschland, dass dort die größeren Akteure eher „Spezialgroßhändler“ mit OTC-Produkten als klassische Apotheken seien. „Österreich wird sich vermutlich ähnlich entwickeln.“ Für die in diesem Bereich engagierten Apotheken könnte der Versandhandel in Kombination mit dem Apothekenstandort aber einen Umsatzzuwachs bedeuten.

Sicherheitslogo

In Österreich gelten für den OTC-Arzneimittelversandhandel strikte Regelungen. Apotheken, die auch diesen Fernabsatz betreiben, müssen real existierende öffentliche Apotheken in Österreich sein. Im Rahmen ihrer Geschäftstätigkeit müssen sie sich beim Bundesamt für die Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG) registrieren. Sie führen dann ein „Sicherheitslogo“ auf ihrer Homepage und werden in die Liste der Versandapotheken des BASG aufgenommen.

Eine Aufsicht durch den jeweiligen Apothekenleiter, einem Apotheker, ist ebenso Pflicht wie eine Qualitätssicherung und ein Qualitätsmanagement. Dazu kommt, dass eine Apotheke jeweils nur in einer „dem üblichen persönlichen Bedarf entsprechenden Menge“ und ohne Mindestbestellmengen versenden darf.

Der Kunde wiederum muss sich vor der ersten Bestellung mit persönlichen Daten wie dem Geburtsdatum und der Telefonnummer bei der jeweiligen Apotheke registrieren.

Beratungsverpflichtung

Der Versand muss in Paketen, welche den Arzneimittel-Inhalt nicht erkennbar machen, mit arrivierten Logistikunternehmen an die direkt vom Besteller angeführte Person erfolgen und vom angetroffenen Empfänger auch gegengezeichnet werden. Intensiv ist weiters die Verpflichtung zur Beratung.

Kommt dem abwickelnden Apotheker etwas „spanisch“ vor, muss er vor dem Versand eines Arzneimittels den potenziellen Kunden kontaktieren. Entsprechende Informationen über die Produkte müssen auf der Homepage vorhanden sein. Alle Abläufe sind von der Apotheke zu dokumentieren, ebenso der Status der Lieferung.

Vitamine und Nahrungszusätze

Die Studie eruierte weiter die fünf umsatzstärksten Kategorien: Knapp 80 Prozent der Befragten halten den Bereich Vitamine und Nahrungszusätze für den verkaufsstärksten.

Die Top 5-Kategorien sind naheliegend, da in diesen Bereichen entweder wenig Beratungsbedarf besteht oder es sich um Mittel handelt, die gerne anonym gekauft werden: Produkte zur Gewichtsabnahme, Damenkosmetik, Husten- und Erkältungsmittel sowie Schmerz- und Rheumapräparate. Als umsatzstärkste Hersteller im Versandhandel nannten die Befragten Bayer Austria, Vichy, Ratiopharm, Johnson/Johnson und Beiersdorf. Die Top 5-Produkte sind laut den Befragten Aspirin C®, Bepanthen®, Voltadol®, Supradyn® Vital 50+ und Nicorette®.

Entwicklung des Versandhandels

Die Entwicklung im Nachbarland zeigt, wohin die Reise des Versandhandels in Österreich gehen könnte: Anfangs holten sich etwa 3.000 Apotheken in Deutschland eine Lizenz, 800 davon stiegen tatsächlich in den Markt ein.

Derzeit teilen sich etwa 30 Apotheken den Versandhandelsmarkt, wobei diese als Spezialgroßhändler zu sehen sind und weniger als Apotheken im klassischen Sinn. Österreich wird sich vermutlich ähnlich entwickeln, sagt Erika Sander, Country Managerin IMS Health Österreich.

Der große Erfolg, den man sich vom Versandhandel erhoffte, blieb vorerst also aus. Dennoch wird eine Kombination aus klassischem Verkauf und dem Onlineversand als Erfolgsgarant gehandelt.

Die Kompetenz einer stationären Apotheke, die hinter einem Onlineshop steht, stärkt das Vertrauen auf Kundenseite.

Die Befürchtung, dass der Onlineversand die Niederlassungen beeinträchtigen könnte, dürfte sich also nicht bewahrheiten.

Onlineshop als Umsatzplus

Es gibt bereits erste Anzeichen dafür, dass mehr Verkaufskanäle den Händlern auch am Apothekenmarkt zusätzlichen Umsatz bringen. Onlineverkäufe ersetzen demnach nicht den klassischen Verkauf in der Apotheke, der mit der gewohnten fachlichen Beratung einhergeht – vielmehr können über die Onlinekanäle neue Zielgruppen angesprochen und damit auch neue Absatzmöglichkeiten erschlossen werden.

MB/APAmed, Ärzte Woche 5/2016

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben