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Die Benutzerführung der App ist speziell auf ältere Personen zugeschnitten und bewusst einfach gehalten.
 
Allgemeinmedizin 20. November 2015

Digitaler Arzneimittelschrank

Forschungsprojekt zur Unterstützung der sicheren und regelmäßigen Einnahme von Medikamenten.

Smartphones und Apps erleichtern uns bereits jetzt vielfach den Alltag, verkürzen Wartezeiten und unterstützen uns im täglichen Leben. Ein Trend, der auch vor der Pharmabranche nicht Halt macht, und den man sich nun für eine transparente und sichere Medikamentenverabreichung zunutze machen will.

Die Erhöhung der Therapietreue und gleichzeitig eine Maßnahme im Kampf gegen die zunehmende Anzahl an Medikamentenfälschern sind die Ziele des „virtuellen Arzneimittelschranks“. Daran forschen Infineon Technologies Austria sowie die beiden Grazer K1-Kompetenzzentren RCPE (Research Center Pharmaceutical Engineering) und evolaris bereits seit 2013 im Rahmen des Innovationsprojektes eSecMed, das durch die Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) gefördert wird.

Innerhalb des Projektes eSecMed entwickelten die drei Partner eine mit einem Halbleiterchip versehene Tablettenverpackung und eine innovative mobile App, die darauf abzielt, Patienten ein sichereres und autonomeres Leben zu Hause zu ermöglichen. Mit der benutzerfreundlichen und seniorentauglichen Technologie werden beispielsweise durch einfaches Auslesen per Handy Informationen über Medikamente zur Verfügung gestellt, um so die Akzeptanz und Therapietreue bei Patienten zu steigern. Eine weitere Anwendung ist die Möglichkeit, die Echtheit des Medikamentes zu prüfen, da mittels eines intelligenten, kontaktlos auslesbaren Chips der Weg des Medikaments von der Lieferung bis hin zur Produktion zurückverfolgt werden kann.

Die Zielgruppe der Senioren arbeitet mit

Abgesehen von der technischen Umsetzung der mobilen Applikation sowie der intelligenten Tablettenblister (Multifrequenz-RFID-Chip), spielt vor allem die Bereitschaft der Senioren, diese Technologie zu nutzen, eine zentrale Rolle. Um die Ansprüche der Zielgruppe entsprechend zu berücksichtigen, wurde in der ersten Phase des Projektes eine umfassende Bedürfnisanalyse durchgeführt. Über die von evolaris betriebene Open Innovation Plattform, einem sogenannten Living Lab, wurden Gruppendiskussionen mit chronisch erkrankten Personen sowie deren Bezugspersonen im Zuge mehrerer Workshops durchgeführt. Herausforderungen und mögliche Lösungsansätze wurden zusätzlich mit Experten aus dem Medizinbereich diskutiert.

Nach Abschluss der Bedürfnisanalyse wurde eine Testphase eingeleitet, in der potentielle Nutzer anhand von sogenannten Papier-Prototypen erste konzeptionelle Überlegungen überprüften. Die Erkenntnisse dieser Phase flossen in die Konzeption und das Design der mobilen Applikation ein.

Ziel der technischen Lösung von eSecMed war die Umsetzung einer einfach zu bedienenden Applikation in Form eines virtuellen Arzneimittelschrankes und die Entwicklung eines intelligenten Tablettenblisters, um via NFC/RFID Technologie die Echtheit des Medikaments zu verifizieren und relevante Informationen in die App übertragen zu können. In der Praxis funktioniert die Kombination aus beiden Anwendungen folgendermaßen:

Scannt der Patient die Medikamentenpackung mit dem Smartphone, wird das Medikament automatisch in den virtuellen Arzneimittelschrank in der App übernommen. Der Patient fügt manuell die verschriebene Dosis sowie den empfohlenen Zeitpunkt der Einnahme hinzu und wird ab sofort bei der korrekten Einnahme durch die App unterstützt. Um die Einnahme nicht zu vergessen, kann die unmittelbar in der App zur Verfügung gestellte Erinnerungsfunktion aktiviert werden.

Basierend auf den vorhandenen Daten, informiert der virtuelle Arzneimittelschrank weiters darüber, wie viele Tabletten in den einzelnen Packungen vorhanden sind, wann die Medikamente ablaufen werden, den Zeitpunkt der letzten Einnahme, die Prüfung von Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten etc. Wird eine Pille aus dem intelligenten Blister herausgedrückt, werden die Einnahmeinformationen durch Berührung des Smartphones mit dem Tablettenblister im virtuellen Arzneimittelschrank automatisch aktualisiert. So kann der Patient die eigene Therapietreue überprüfen.

Da die Anwendung insbesondere für ältere Personen (50+) entwickelt wurde, spielten zielgruppenspezifische Faktoren wie z.B. kurze Navigationswege, geringer manueller Eingabeaufwand und angemessene Schriftgrößen eine zentrale Rolle. Um die einfache Verwendbarkeit (Usability) der mobilen Anwendung zu gewährleisten, wurde die eSecMed Applikation anhand von Nutzertests (Probanden im Alter zwischen 52 und 69 Jahren) intensiv getestet. Der Fokus wurde dabei auf die persönliche Meinung und das Zurechtfinden im Umgang mit dem intelligenten Tablettenblister und der App gelegt.

Übersichtlich, informativ und klar strukturiert

Während der Tests wurden insbesondere das Design, große Buttons und Schriftgrößen, kurze Navigationswege und die übersichtliche Anordnung der einzelnen Funktionen, als besonders praktisch bewertet. Weiters wurde der Informationsumfang und die klare Struktur der Informationsdarstellung als äußerst positiv beurteilt. Vor allem die Angaben hinsichtlich der Echtheit und des Ablaufdatums eines Medikaments steigerten das Vertrauen der Testpersonen in die Anwendung.

Schwierigkeiten ergaben sich ausschließlich im ersten Umgang mit der NFC-Technologie, da die Testpersonen bis dato vielfach keinerlei Erfahrung im Scannen von Objekten mittels NFC-Funktion des Smartphones besitzen. Nach Überwindung der technischen Einstiegsbarrieren wurde die Idee des NFC-Scans als sehr gut bzw. gut bewertet.

Im Zuge des Projektverlaufs sind auch schon Ideen und Pläne für eine Weiterentwicklung der eSecMed Lösung entstanden. Durch die fortschreitende Miniaturisierung wird es demnächst möglich sein, eine Batterie im Chip zu integrieren, um zum Beispiel die Überwachung der Temperatur und Luftfeuchtigkeit, über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg, zu gewährleisten. Ein wichtiger Schritt für die Einführung dieser Technologie ist es, die Integration in den vollautomatisierten Verpackungsprozess des Pharmaproduzenten zu ermöglichen. Darüber hinaus besteht zukünftig die Möglichkeit mittels integrierter Sensoren direkt am Tablettenblister Sofortanalysen von zum Bespiel Speichel oder Blut vorzunehmen. Für die Umsetzung dieser Zukunftsideen werden noch weitere Forschungskooperationen zwischen Halbleiterhersteller und Pharmaproduzenten notwendig.

Sandra Pfleger und Gert Breitfuß sind Projektbetreuer bei evolaris

Projektteilnehmer

evolaris next level GmbH

evolaris ist Österreichs führendes Kompetenzzentrum für digitale Innovationen in einer zunehmend vernetzten Welt. Im Vordergrund stehen dabei Akzeptanzerhebungen und die Entwicklung von Anwendungen für digitale Assistenzsysteme, die Anwender mithilfe personalisierter und kontextsensitiver Mensch-Maschine-Interfaces unterstützen.

www.evolaris.net

RCPE GmbH

Das Kompetenzzentrum Research Center Pharmaceutical Engineering GmbH (RCPE) wurde 2008 in Graz gegründet und beschäftigt aktuell knapp über 100 Mitarbeiter. Das RCPE arbeitet mit weltweit führenden Pharmaunternehmen an Projekten zur Prozess- und Produktoptimierung. Die Forschungsschwerpunkte umfassen dabei die Entwicklung neuer Darreichungsformen für Medikamente sowie die zugehörigen Produktionsprozesse und deren Überwachung.

www.rcpe.at

Infineon Technologies Austria AG

Infineon Technologies Austria AG mit Sitz in Villach, ist ein Konzernunternehmen des weltweit operierenden Halbleiterherstellers Infineon Technologies AG. Mit seinen Halbleiter- und Systemlösungen bietet Infineon eine Antwort auf zentrale Bedürfnisse der modernen Gesellschaft und erschließt weltweit die Zukunftsmärkte der Energieeffizienz, Mobilität und Sicherheit. Einen wesentlichen Beitrag zu diesem Erfolg leisten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Infineon Austria in Österreich.

www.infineon.at

S. Pfleger und G. Breitfuß, Apotheker Plus 9/2015

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