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© Arno Burgi / dpa
Der Pillencocktail kann das Sturzrisiko erhöhen.
 
Allgemeinmedizin 14. November 2014

Medikation in Pflegeheimen

Mehr Sicherheit mit einem pharmazeutischen, individuell konzipierten Betreuungskonzept

Das Projekt ist äußerst arbeitsintensiv, denn es umfasst den Informationsaustausch und die Zusammenarbeit mit dem behandelnden Arzt, dem Apotheker und dem Pflegepersonal. Für den pflegebedürftigen Heimbewohner könnte damit jedoch eine individuelle Betreuung, verbunden mit mehr Sicherheit gewährleistet werden – mit einem pharmazeutischen, individuell konzipierten Betreuungskonzept.

Fall risk increasing drugs

Gerade pflegebedürftige, alte Menschen, die bereits gesundheitlich beeinträchtigt sind, nehmen eine Vielzahl von Medikamenten ein, die oft starke Nebenwirkungen haben oder in unerwünschte Interaktion treten. „Delir- und Sturzereignisse sind in vielen Fällen medikamenteninduziert oder werden durch verschiedene Wirkstoffe begünstigt“, erklärte Dr. Ekkehart Salamon von der Marien-Apotheke in Wien, anlässlich der Fortbildungstage der Österreichischen Apothekerkammer in Pörtschach/Kärnten. „Mehr als 50 Prozent der Hospitalisierungstage in der Geriatrie sind delirbedingt, etwa 30 Prozent der über 65-Jährigen stürzen mindestens einmal jährlich und bedürfen medizinischer Betreuung. Beide Ereignisse führen häufig zu Krankenhausaufenthalten, oft zu einem dauernden Verlust an Lebensqualität und zu Behandlungskosten“, so Salamon, der selbst an dem Projekt mitwirkt.

Reduktion von Spitalseinweisungen

Ziel des Pilotprojektes, an dem die Marien-Apotheke maßgeblich mitarbeitet, ist die Ausarbeitung eines Medikationsmanagements, das Spitalseinweisungen und Krankenhausaufenthalte reduziert, die eine Folge von falscher Medikation sind. Falsche Medikation soll nun mithilfe dieses Pilotprojekts verhindert werden.

In einer retrospektiven Analyse der Daten wird der statistische Zusammenhang zwischen der Häufigkeit und Dauer von Krankenhausaufenthalten und „Hochrisiko-Medikationen“ untersucht. Herangezogen werden dazu Daten von Heimbewohnern, die mindestens zwölf Monate in einer Dauerpflegeeinrichtung verbracht haben. Die Auswertung soll in der Folge Aspekte wie Geschlecht, Alter, sowie die Anzahl der gleichzeitig verabreichten Medikamente berücksichtigen und die Einzelbetrachtung von Subgruppen ermöglichen. Hinsichtlich der Medikation werden die Wirkstoffgruppen der Benzodiazepine, Neuroleptika, Anticholinergika und Antidepressiva ausgewählt. Besonders diese Gruppen sind bei polypharmazeutisch behandelten Patienten für Sturzereignisse und Delir mitverantwortlich.

Pflegepersonal und Angehörige sollen mitwirken

Nach der Auswertung des Datenmaterials wird in zwei ausgewählten Dauerpflegeeinrichtungen mit etwa 120 Bewohnern und heiminterner ärztlicher Versorgung ein für sechs Monate anberaumtes Pilotprojekt durchgeführt. Auf Grund der retrospektiven Datenanalyse werden Fragebögen und multimediale Schulungsunterlagen entwickelt. So sollen etwa das Pflegepersonal, aber auch die Angehörigen im Umgang mit den Betroffenen geschult werden. Als besonders wichtig erachtet Salamon, dass der betreuende Arzt über medikamentenbezogene Beobachtungen des Pflegebedürftigen informiert wird, sowohl mündlich als auch durch eine Pflegedokumentation, um die individuelle Arzneimitteltherapie zu unterstützen. In monatlichen Qualitätszirkeln, an denen Ärzte, Pflegekräfte und Apotheker teilnehmen, sollen die Fallbeispiele diskutiert, Therapievorschläge gemacht und das Medikationsmanagement verbessert werden.

Quelle: Sommerakademie der Österreichischen Apothekerkammer, Pörtschach, 27.-29. Juni 2014

Vorzeigeprojekt Landespflegeheim Mödling

Das Landespflegeheim Mödling verfügt über 230 Heimplätze, es bietet eine Übergangsbetreuung nach einem Spitalsaufenthalt und führt eine Hospizstation . Dr. Maya Kerschbaum, bis 1. September 22 Jahre lang für die ärztliche Betreuung verantwortlich, zuletzt zusammen mit zwei weiteren Ärzten, berichtet über ihre Erfahrungen. „Bei der täglichen Visite ist vor allem der Informationsaustausch mit der Stationsschwester und dem Pflegepersonal wichtig. Sie beobachten, ob der Betreute etwa noch bis mittags unter dem Einfluss des verabreichten Schlafmittels steht, das Schmerzmittel nicht ausreicht, oder das Essen immer wieder zurückgeschickt wird. Diese Beobachtungen über die Befindlichkeit und eine genaue Dokumentation über die Medikation sind unbedingt notwendig. So kann etwa die Dosierung von Medikamenten, ähnlich wie auch bei Kindern, angepasst werden.“

Bei Schmerzmitteln gibt Kerschbaum Morphinen den Vorrang gegenüber NSAR, die bei gleichzeitig eingenommenen Blutverdünnungsmitteln die Wirkung verstärken und zu inneren Blutungen führen können. Allerdings muss gegen die begleitende Obstipation zusätzlich etwas verabreicht werden.

Die Medikationsverordnung wird mit der Apotheke des Vertrauens, bei der die Medikamente bestellt werden, besprochen. „Wir setzen uns zusammen, erhalten pharmazeutische Beratung, etwa über mögliche Interaktionen von Medikamenten, oder wir werden auf bessere Alternativen aufmerksam gemacht, die wir auch an das Pflegepersonal weitergeben, wir sehen uns als Team.“

Allein in Niederösterreich gibt es über 100 größere und kleinere Pflegeheime, etwa die Hälfte sind Landeseinrichtungen.

G. Niebauer, Apotheker Plus 9/2014

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