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© Mikael Damkier / Fotolia.com
 
Impfen 13. Juni 2013

Wachsam sein und vorsorgen

Exotische Krankheiten reisen nach Europa.

„Wir müssen extrem wachsam sein, Infektionskrankheiten, wie etwa das West-Nil, oder das Dengue-Fieber könnten auch in Europa heimisch werden“, warnte der Direktor des Europäischen Zentrums für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDK), Marc Sprenger kürzlich in Wien.

Besorgt zeigte sich der Experte etwa über die Entwicklung des West-Nil-Virus, 2012 gab es in der EU bereits mehr als 300 Fälle. Auf Madeira kam es zu einem deutlichen Ausbruch des Dengue-Fiebers. Auch die Malaria müsse in Südeuropa kontrolliert werden, wobei sicher ein Zusammenhang mit dem Klimawandel bestehe. „Griechenland war seit den 1969er Jahren malariafrei, doch im Vorjahr gab es erstmals wieder zwölf bis 20 Fälle,“ warnte auch Tropenmediziner Univ.-Prof. Dr. Herwig Kollaritsch anlässlich der Fortbildungswoche der Österreichischen Apothekerkammer in Saalfelden im März. Für Reisende sei die Situation jedoch noch nicht bedenklich. „Jedenfalls muss man aber auch in Europa mit neuen oder wieder auftretenden Infektionskrankheiten rechnen.“

Motor Tourismus

2011 wurden 44 Malariafälle nach Österreich von Fernreisenden importiert. Kein Wunder, gab es doch 2012 erstmals mehr als eine Milliarde Reisende weltweit. Erreger können sich so rasch über weite Erdteile ausbreiten. Ein Beispiel dafür ist der schlagartige EHEC-Ausbruch, eine giftige Variante von Kolibakterien, an der 2011 allein in Deutschland mehr als 3000 Menschen erkrankten. Die Spur führte zu Sprossen aus ägyptischen Bockshornkleesamen.

Als Gegenmaßnahmen zur Verhinderung von „Erreger-Importen“ schlägt der Reisemediziner eine strenge Infektionsüberwachung, ein „Tracking“ der Infektion, die Isolierung der Erkrankten, eine beschränkte Bewegungsfreiheit von möglicherweise bereits Infizierten und eine rasche Therapie vor. Darüber hinaus sollten Reisende sowohl vom Arzt als auch vom Apotheker ausreichend beraten werden, welche Impfungen und Schutzmaßnahmen sie vorbeugend in Anspruch und welche Medikamente sie mitnehmen sollen.

Neue oder bereits wieder aufgetretene Infektionen in Europa.

Dazu zählen Dengue-Fieber in Südfrankreich, Kroatien, Madeira; Chikungunya in Italien; Malaria in Griechenland; Tollwut in Griechenland; E.coli EHEC O:104 H:4 in Deutschland; WNV in Italien, Serbien, Griechenland; CCHF in Türkei und Kosovo; Toskana-Virus in Italien und ein neues Coronavirus in England.

Ein typischer „Import“ ist das Dengue-Fieber. Es wird durch die Stechmücke aedes aegypti übertragen. „Reisende importieren nach Österreich bereits mehr Dengue- als Malariafälle, 2012 waren es 74. In Madeira kam es seit September 2012 zu einem massiven Auftreten von mehr als 2000 Fällen“, berichtete Kollaritsch. Für das West-Nil-Virus sind ebenfalls Anzeichen gegeben, dass es bei uns heimisch werden könnte, in Vögeln wurde es bereits nachgewiesen. Erste Fälle wurden in Serbien beobachtet. Das Virus hat jetzt nämlich die richtige Mücke zur Übertragung auch in Europa gefunden, eine Mutation der Tigermücke. Also Türen nach Europa von allen Seiten!

Besonders gefährlich ist auch eine Zecke, die nicht nur FSME und Borreliose überträgt, sondern auch das hämorrhagische Fieber, das Krim-Kongo-Fieber. „Davor würde ich mich fürchten“, so der Reisemediziner, die Fälle wurden in der Türkei, allerdings nicht in Touristengebieten, verzeichnet.

Fallbeispiele und Fachantworten

Wodurch kann die Titerprüfung nach FSME-Impfung mittels ELISA verfälscht werden?

Durch eine vorhergegangene Impfung gegen Gelbfieber. Gelbfieber, wie auch Dengue, WNV gehören zu den Flaviviren, wie auch FSME.

Ein Reisender wurde zum letzten Mal vor zwölf Jahren gegen Diphtherie aufgefrischt. Was müssen Sie jetzt tun?

Eine einmalige Auffrischung nach zwölf Jahren ist ausreichend. Erst nach einem Abstand von 20 und mehr Jahren muss neu immunisiert werden.

Wie oft muss ein Erwachsener gegen Masern geimpft werden?

Eine zweimalige Impfung ist nötig. Nur einmal zu impfen birgt eine Impfversagerquote von fünf bis sechs Prozent.

Welches Land gilt nach wie vor als polioendemisch?

Nigeria meldet nach wie vor Fälle von wildvirusinduzierter Polio. Nach dem Stopp des Poliogramms in Nigeria verbreitete sich das Virus in 25 Ländern.

Wie gehe ich bei einem korrekt prophylaktisch gegen Tollwut Geimpften im Falle eines Tierkontaktes vor?

Auswaschen der Wunde mit Seifenlösung und Gabe einer zweimaligen aktiven Immunisierung.

Ein Wanderer wird im Juli von einem Zecken gebissen. Er hat zwei FSME Impfungen vor elf Jahren erhalten. Was ist zu tun?

Eine so lange zurückliegende Basisimmunisierung gegen FSME mit 2 TI ist mit einer Impfung auffrischbar. Eine Titerkontrolle zur Absicherung ist aber sinnvoll.

Das Informationsproblem

Vielfach werden das Risiko und die Gefährlichkeit von Infektionskrankheiten vom Nicht-Fachmann falsch eingeschätzt. Dem Apotheker kommt für die Informationsaufbereitung eine wichtige Rolle zu. Ein Beispiel der Fehleinschätzung: An Ebola erkrankten im Zeitabschnitt von 40 Jahren 3567 Menschen, 2250 starben daran. An Masern erkrankten allein im Jahr 2007 279.006 Menschen, es wurden 197.000 Todesfälle von der WHO gemeldet, die durch eine Impfung großteils zu verhindern gewesen wären.

Quelle: Wissenschaftliche Fortbildungswoche für Apotheker, Saalfelden 3.bis 8. März.

Gerta Niebauer, Apotheker Plus 5/2013

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