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Endokrinologie 9. Mai 2013

Alleskönner Vitamin D?

Herz-Kreislaufsystem im Fokus

Weltweit gibt es bereits über 2000 Studien über Vitamin D, dieses „all present“ Vitamin, das eigentlich ein Steroidhormon ist, in fast allen Zellen vorkommt und die Aktivität von mehr als 200 Genen beeinflusst.

Die Hoffnungen sind groß, die Evidenzlage ist jedoch nicht ausreichend erhärtet. Im Forschungszentrum für Vitamin D an der Medizinischen Universität Graz suchen Experten für Stoffwechsel, Reproduktionsmedizin, Hormonforschung, Autoimmunkrankheiten und Herz-Kreislaufkrankheiten nach wissenschaftlich beweisbaren Fakten für die Wirksamkeit von Vitamin D.

Unterversorgung besonders im Winter

Dem Österreichischen Ernährungsbericht 2012 zufolge sind im Durchschnitt etwa 50 Prozent der österreichischen Bevölkerung nicht ausreichend mit Vitamin D versorgt. Im Winter sind sogar 60 Prozent der Kinder unterversorgt. Der Normalwert liegt bei 30 ng/ml, ein Mangel bei weniger als 20 ng/ml. Vitamin D kann durch Sonneneinstrahlung auf die nicht durch Sonnencreme geschützte Haut oder über die Nahrung vom Körper selbst gebildet werden. Doch das reicht für viele nicht aus. „Aus Daten von gesunden Blutspendern in Graz wissen wir, dass weniger als 40 Prozent der Spender einen normalen Vitamin D Spiegel hatten, bei kritisch Kranken wiesen sogar 60 bis 100 Prozent einen Vitamin D Mangel auf“, berichtete Priv.-Doz. Dr. Karin Amrein, MSc, Klinische Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechsel, Med. Univ. Graz auf der 46. Fortbildungswoche der Österreichischen Apothekerkammer Anfang März in Saalfelden.

Schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts ist die Wirkung von Vitamin D für die Calciumaufnahme und damit für den Knochenaufbau bekannt. Mittlerweile gibt es zahlreiche Studien, die eine mannigfaltige Wirkung vermuten lassen. Vor allem auf eine mögliche Beeinflussung des Herz-Kreislaufsystems ging Amrein bei der Apothekertagung ein. „Ein schwerer Vitamin D Mangel ist ganz offensichtlich mit kardiovaskulären Ereignissen verbunden. Das lässt sich damit erklären, dass Rezeptoren für Vit D sowohl in Gefäß- als auch in Herzmuskelzellen vorhanden sind. Da Vit D ein wichtiger Kalziumregulator ist, kann ein Mangel zu einem Hyperparathyreoidismus führen. Es ist bekannt, dass sich damit auch die Gefahr von kardiovaskulären Erkrankungen erhöht. Die Datenlage reicht allerdings derzeit nicht aus, um daraus endgültige Schlüsse zu ziehen.“ Unklar sei auch, ob es sich tatsächlich um einen kausalen Zusammenhang handelt oder ob Vit D nur ein Marker für die Erkrankung ist.

Studien an Intensivpatienten

An Intensivpatienten wurde an der MedUni Graz getestet, ob etwa ein rascher Ausgleich des Vit D Mangels die Aufenthaltsdauer verkürzen kann. Die Mediziner untersuchten, welche Auswirkungen u.a. auf das Immunsystem und das Herz-Kreislaufsystem zu beobachten sind und wie diese Ergebnisse bereits in die Therapie aufgenommen werden können.

Wann ist Substitution sinnvoll ?

Empfohlen wird eine tägliche Dosis von 600 bis 800 Internationalen Einheiten (I.E.) Vit D. Prinzipiell wären dafür fünf bis zehn Minuten Sonneneinstrahlung ausreichend, oder etwa fischreiche Kost wie Lachs, Makrelen, Sardinen, doch dies ist individuell verschieden. „Vor einer Substitution sollte jedenfalls der Vit D Spiegel im Blut gemessen werden. Keinesfalls soll Vit D kritiklos eingenommen oder wie im Gießkannensystem für alle verteilt werden. Nur die richtige Dosis kann helfen“, warnte Amrein.

Der Apotheker kann dabei wertvolle Informationen geben und beraten. Er kennt ja einen Großteil seiner Kunden und weiß, welche Medikamente sie einnehmen. Sinnvoll ist jedenfalls, Patienten mit Osteoporose oder Osteopenie Vit D zu verabreichen. Auch bei Herz-Kreislaufpatienten könnte eine positive Wirkung erzielt werden. Besonders bei älteren Patienten sollte auch die Knochendichte gemessen werden, weil diese Gruppe durch vielfach bereits eingeschränkte Mobilität sowohl ein Sturz- als auch ein Kreislaufrisiko aufweist. In dieser Gruppe sollte der Vit D Spiegel mindestens über 20 ng/ml gehalten werden, empfiehlt die Expertin.

Vitamin D-Präparate

In Österreich ist Vit D derzeit als Cholecalciferol (Vit 3) in Multivitamin-Präparaten, in Calcium-Vit D Präparaten und in Tropfenform erhältlich. Die aktive Form Calcitriol ist nur bei schwerer Niereninsuffizienz indiziert. Eine Beeinflussung des RAAS-Systems (Renin-Angiotensin-Aldosteron-System) könne auch durch die Gabe von Vit D in Kombination mit einem RAAS-Blocker erreicht werden, berichtete Univ.-Prof. Dr. Alexander Rosenkranz, MedUni Graz, Klinische Abteilung für Nephrologie. Diese Kombination könne die kardio-vaskuläre und die renale Situation verbessern, unter dem Motto „Salz reduzieren, Vit D erhöhen.“

Einem Cochrane Review zufolge konnte ein Überlebensvorteil von sechs Prozent durch Cholecalciferol Substitution gezeigt werden, allerdings hauptsächlich bei älteren Frauen in einer Osteoporosestudie, sodass dieser Effekt auch über die Frakturprävention erklärbar ist. Über die kardiovaskuläre Mortalität gibt es zwar Beobachtungsstudien oder kleine Interventionsstudien. Umfangreiche, adäquate Studien sind jedenfalls weiter erforderlich, um die Datenlage zu erhärten.

Quelle: 46. Wissenschaftliche Fortbildungswoche für Apotheker, Saalfelden, 3.bis 8. März 2013

Gerta Niebauer, Apotheker Plus 4/2013

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