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Der Informationsstand über Verhütungsmethoden ist bei Männern und Frauen heute wesentlich besser als noch vor 30 Jahren
 
Allgemeinmedizin 15. April 2013

Partnerschaft und Verantwortung

Familienplanung und Verhütungsverhalten sind von persönlichen und wirtschaftlichen Faktoren stark beeinflusst.

Unter dem etwas sperrigen Begriff „reproduktive Gesundheit“ fasst die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die körperlichen, psychischen und sozialen Aspekte zusammen, die sich mit dem Sexualleben und dem Kinderwunsch bzw. dem Verhütungsverhalten der Menschen beschäftigen. Dazu zählt auch die Freiheit zu entscheiden, ob eine Schwangerschaft gewünscht wird oder nicht.

Eine Bilanz der Familienplanung in Deutschland ergab, dass unser nördlicher Nachbar - ähnlich Österreich - ein „Niedrigfertilitätsland ist“ - und dass die Anwendung von Verhütungsmethoden auch bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen heute überwiegend für einen verantwortungsvollen Umgang mit Sexualität sprechen. Für den geringen Wunsch nach Kindern bzw die Nicht-Realisierung von Kinderwünschen werden, so Helfferich, zahlreiche Gründe diskutiert, darunter die Länge der Ausbildung und unsichere Zukunftsbedingungen: „Die Daten zur Kinderlosigkeit von Frauen und Männern im Vergleich legen nahe, dass bei hoch qualifizierten Frauen die fehlende Vereinbarkeit von Familie und Beruf und bei Männern ein zu geringes Einkommen, um eine Familie zu ernähren, eine Rolle bei der Zurückstellung eines Kinderwunsches spielen.“

Der Informationsstand über Verhütung ist gut

Der Informationsstand über Verhütungsmethoden ist bei Männern und Frauen heute wesentlich besser als noch vor 30 Jahren und es werden unterschiedliche Methoden dafür angewendet, darunter vor allem die Pille und Kondome. Eine aktuelle Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Deutschland (BZgA) sollte mit Blick auf die reproduktive Gesundheit Gruppen identifizieren, die einen erschwerten Zugang zur Verhütung haben oder die ein Risiko eingehen, ungewollt schwanger zu werden, berichtet Helfferich.

Stabile Partnerschaft - hohe Rate an Verhütung

Das Ergebnis: Mehr als zwei Drittel der Frauen gaben an zu verhüten. Der höchste Anteil an Frauen, die Verhütungsmittel anwenden, war in der Gruppe der festen Partnerschaften, die allerdings nicht mit ihrem Partner in einem Haushalt leben, mit 91 Prozent zu finden. Von Singles nützten nur 59 Prozent Verhütungsmittel. 81 Prozent der verheirateten und 79 Prozent der nicht ehelich Zusammenlebenden nutzten eine Methode der Verhütung. Als Hauptgründe, nicht zu verhüten waren - je nach Lebensform und Partnerschaft - das Fehlen sexueller Kontakte, ein Kinderwunsch oder eine Schwangerschaft die Hauptgründe.

„Zu ungewollten Schwangerschaften liegen kaum aktuelle Daten vor“, stellt der Autor fest. Eine aktuelle Studie des BZgA mit dem Schwerpunkt ungewollte Schwangerschaften und Schwangerschaftskonflikte soll daher Erkenntnisse liefern, wobei Ergebnisse für heuer erwartet werden.

Bisher vorliegende, aber länger zurückliegende Daten zeigten, dass nur 62 Prozent aller zurückliegenden, zugelassenen Schwangerschaften zu diesem Zeitpunkt gewollt war. Allerdings wurden von den ungewollten Schwangerschaften 36 Prozent „freudig begrüßt“, darunter zehn Prozent sogar „sehr freudig“. Ungewollte Schwangerschaften führen also nicht automatisch zu einer negativen Reaktion und einem Schwangerschaftsabbruch. Insgesamt wurde etwa jede zweite ungewollte Schwangerschaft ausgetragen.

Das „erste Mal“ findet wieder später statt

Eine Auswertung der BZgA-Befragung zum Sexual- und Verhütungsverhalten bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ergab, dass im Verlauf von 30 Jahren die deutschen Jugendlichen ihre erste sexuelle Erfahrung heute früher machen als in den 80er-Jahren. Allerdings, so Heßling et al. verlangsamt sich diese Entwicklung seit der Jahrtausendwende und 2010 ist sogar eine rückläufige Tendenz zu beobachten. „Der Anteil der Koituserfahrenen in der Altersgruppe der 14-Jährigen“, so die Autoren, „geht im Vergleich zu 2005 zurück: von zwölf auf sieben Prozent bei den deutschen Mädchen, von zehn auf vier Prozent bei den deutschen Jungen; außerdem ein Minus von sieben Prozentpunkten bei den 17-jährigen deutschen Mädchen.“ Dies werde auch von internationalen Vergleichsstudien bestätigt.

Einen historischen Wandel verzeichnen die Autoren beim Verhütungsverhalten der Deutschen Jugendlichen. Nur noch acht Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen beiderlei Geschlechts verhüten heute nicht. Zum Vergleich: 1980 war der Anteil mit 20 (Mädchen) bzw. 29 Prozent (Jungen) bedeutend höher als heute, so Heßling et al. Darüberhinaus erleben immer mehr männliche Jugendliche in Deutschland ihren ersten Geschlechtsverkehr mit einer festen Partnerin und die Verhütungsdaten zeigen, dass heute beide Geschlechter Verantwortung für die Verhütung übernehmen. Die Autoren konstatieren also ein insgesamt hohes Problembewusstsein für die Notwendigkeit der Kontrazeption.

Für den Fall, dass es eine Panne mit dem eingesetzten Verhütungsmittel gegeben hat oder aus welchem Grund auch immer die Kontrazeption vorab nicht stattgefunden hat, ist auch die Pille danach bei den deutschen Mädchen sehr breit bekannt. 85 Prozent der deutschen Mädchen und 70 Prozent der Mädchen mit Migrationshintergrund kennen die Pille danach. Bei den sexuell aktiven Mädchen sind es über 90 Prozent. „Insgesamt zwölf Prozent der deutschen Mädchen haben schon einmal mit der Pille danach eine Notfallverhütung vorgenommen“, berichten die Autoren. Ein Drittel der Benutzer gab Anwendungsprobleme mit der Pille als Grund an. Bei den sexuell aktiven Frauen sind es 13 Prozent, bei den 25- bis 29-Jährigen hat jede fünfte Frau schon einmal auf diese Notfallverhütung zurückgegriffen. Anders als in Österreich ist die Pille danach allerdings rezeptpflichtig und erfordert daher den Besuch beim Facharzt., während die rezeptfreie Abgabe in Apotheken in Österreich den niederschwelligen Zugang sicherstellt.

Quelle: C. Helfferich: Reproduktive Gesundheit. Eine Bilanz der Familienplanung in Deutschland, Bundesgesundheitsbl 2013 · 56:192-198;

A. Heßling, H. Bode: Sexual- und Verhütungsverhalten Jugendlicher und junger Erwachsener. Ausgewählte Ergebnisse von Befragungen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), Bundesgesundheitsbl 2013 · 56:184-191

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