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Allgemeinmedizin 11. September 2012

Heilen mit lebenden Bakterien

Nutzen von Probiotika und neue Optionen.

Für einige Krankheitsbilder haben sich Probiotika laut Metaanalysen und kontrollierten Studien als wirksam erwiesen. Auch für neue Anwendungsbereiche wie Lebererkrankungen und Adipositas gibt es interessante Daten.

Gesicherte Einsatzbereiche für Probiotika sind nach Angaben von Prof. Stephan Bischoff, Universität Hohenheim, etwa die durch Antibiotika verursachte Gastroenteritis, das Reizdarm-Syndrom und Colitis ulcerosa. Ebenfalls wissenschaftsbasiert, wenn auch weniger eindeutig, seien die positiven Effekte von Probiotika in der Primärprävention, etwa zum Schutz vor Erkältungen. So hat eine Arbeit an der Bundesforschungsanstalt Kiel ergeben, dass durch ein bifidobakterien- und lactobazillenhaltiges probiotisches Präparat Schwere und Dauer von Erkältungen im Vergleich zu einer Placebogruppe in zwei Winterperioden signifikant verringert werden konnten.

„Wir haben“, so Bischoff, „durchaus eine Vorstellung, wie die Mechanismen von Probiotika funktionieren, auch wenn noch nicht alle Details bekannt sind.“ Haupteffekt sei die Interaktion mit Zellen der Schleimhaut, die für die Barrierefunktion zuständig sind. Probiotika veränderten allerdings nicht die Darmflora an sich. „Ein Mikrobiom von 1014 lässt sich nicht durch Zugabe einiger Keime von außen aufbauen. Es kann aber unterstützt werden,“ stellt Bischoff fest. Dies geschehe unter anderem, indem die Adhäsion pathogener Keime verhindert und die Bildung von Defensinen gefördert werde.

Spannend seien derzeit neue Erkenntnisse zu weiteren Erkrankungen, auf die sich die Gabe von Probiotika günstig auswirken könnte. Dazu zählten zum Beispiel Lebererkrankungen, vor allem mit Fettlebersymptomatik (NAFLD und NASH), und das metabolische Syndrom, beziehungsweise Adipositas. So wurde nachgewiesen, dass Adipöse eine andere Darmflorakomposition haben als Normalgewichtige. Man geht davon aus, dass dadurch unter anderem die Energieaufnahmefähigkeit sowie die Sekretion von gastrointestinalen Hormonen beeinflusst wird. Bei keimfrei aufgezogenen Mäusen, die keine natürliche Darmflora besitzen, wurde etwa festgestellt, dass sie 40 Prozent weniger Körperfett durch eine verringerte Energieverwertung aufnahmen.

„Die These von den guten Futterverwertern erhält dadurch neue Nahrung“, sagte Bischoff. Neue Forschungsansätze ergeben sich nach seinen Aussagen auch durch die Erkenntnis, dass zwar die meisten Mi-kroben nahezu identisch bei allen Menschen vorkommen, es dennoch offenbar bestimmte „Favoriten“ gibt. So wurde neuerdings nachgewiesen, dass es bei Eurasiern drei verschiedene Enterotypen gibt. Bei dem einem dominieren Keime der Gattung Bacteroides (A) , bei dem anderen Prevotella (B) und bei den dritten Ruminococcus (C). Und diese Keime zeichnen sich durch unterschiedliche Funktionen aus: A ist besonders effektiv in der Biotin-Synthese, B in der Thiamin-Biosysnthese und C in der Häm-Bildung.

Nun wird geprüft, ob bei letzterem Typus damit zum Beispiel eine bessere Sauerstoffverwertung verbunden ist. „Solche Befunde verdeutlichen, in was für ein komplexes System man mit Probiotika interveniert“, so Bischoffs Fazit.

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