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Allgemeinmedizin 11. September 2012

Komplex und einflussreich

Die orthomolekulare Medizin ersetzt Defizite in der biochemischen Individualität.

Die physiologischen Vorgänge im menschlichen Organismus sind höchst komplex. Fehlende oder nicht ausreichend vorhandene Bestandteile in diesen Abläufen führen zu Störungen.

Zunächst kaum merkbar, später beträchtlich. Dem Körper diese fehlenden Substanzen im richtigen Ausmaß zurückzugeben ist das Prinzip der orthomolekularen Medizin, die der Komplexität des Geschehens entsprechend meist nicht auf Einzelsubstanzen sondern auf ablaufspezifische Kombinationen in ausreichender Dosierung setzt. Nicht nur vorbeugend sondern auch therapeutisch.

Es geht also in der Orthomolekularen Medizin nicht um die Vermeidung von Mangelkrankheiten, wie sie sich aus der Unterversorgung mit bestimmten Vitaminen und Spurenelementen ergeben - etwa Skorbut bei schwerem Vitamin C Mangel oder Rachitis bei schwerem Vitamin D-Mangel. Die moderne industrielle Lebensmittelbearbeitung ebenso wie zahlreiche chronische Krankheiten und ein ungesunder Lebensstil führen aber heute zu einem Ungleichgewicht der Mikronährstoffe im Organismus, der seinerseits wieder auf den Gesundheitszustand und die Krankheitsentwicklung zurückwirkt. Referenzwerte, wie sie von den deutschen, österreichischen und schweizerischen Gesellschaften für Ernährung für die Nährstoffzufuhr zur „Erhaltung und Förderung der Gesundheit bei nahezu allen Gesunden“ festgelegt wurden, sind daher im Zusammenhang mit der therapeutischen Unterstützung von Menschen, die in ihrer vollständigen Gesundheit bereits beeinträchtigt sind, unzureichend. „Die orthomolekulare Medizin beschäftigt sich,“ so Dr. Rainer Schroth, der Obmann der Österreichischen Gesellschaft für orthomolekulare Medizin (OEGOM) in einem Interview mit der ÄrzteWoche, „nicht nur mit dem Ausgleich von Defiziten, sondern wirkt durch die Zufuhr von Substanzen in therapeutischen Dosen als Arznei.“ Zu diesen Substanzen zählen sowohl Vitamine, Spurenelemente und Mineralstoffe, als auch Fettsäuren, Aminosäuren, Enzyme, Hormone und andere Nährstoffe. Im therapeutischen Bereich haben sich einzelne dieser orthomolekularen Substanzen bereits fest in den schulmedizinischen Strategien etabliert, etwa die Omega-3-Fettsäuren im Bereich der kardiovaskuären Erkrankungen oder auch Niacin aus dem Vitamin B Komplex in Kombination mit Statinen und Selen bei Schilddrüsenerkrankungen während Vitamin D, so Schroth, hinsichtlich seines Potentials auf das Immunsystem und die Infektanfälligkeit praktisch nicht genutzt werde.

Vom Zusammenhang der Sub-stanzen und Moleküle

Der 1901 in Portland/Oregon geborene Linus Pauling gilt als Begründer der orthomolekularen Medizin, aber auch als Vater der molekularen Biologie. Ab der Mitte der 1960er Jahre erfasste Pauling die Faszination der Biochemie der Ernährung. Sein Konzept der orthomolekularen Medizin ist gekennzeichnet durch die Überlegung, dass Prävention und Behandlung von Krankheiten und der Erhalt einer optimalen Gesundheit auf der physiologischen und enzymatischen Aktivität spezieller Nährstoffe, wie Vitamine, Mineralstoffe und Aminosäuren, die im Körper vorkommen, basiert. Zunächst speziell von der vielfältigen Rolle des Vitamin C begeistert, fügte Pauling später auch andere Mikronährstoffe wie Vitamin E und die B Vitamine zu seiner Liste nützlicher Supplemente hinzu.

Das von ihm in Portland gegründete Linus Pauling Institute of Science and Medicine, das heute zur Oregon State University gehört, beschäftigt sich schwerpunktmäßig auch mit der Entwicklung von diagnostischen Tests und Instrumenten, um die Vielzahl an Bestandteilen, die in Körperflüssigkeiten vorkommen, zu analysieren und die biochemische Individualität erfassen zu können. Denn entsprechend dieser Individualität sind individuelle Nährstoffzusammensetzungen notwendig, um das Gesamtgleichgewicht zu erhalten oder wieder herzustellen. Die biochemische Individualität, die molekulare Ebene der Erkrankung oder Umwelteinflüsse können den Bedarf für bestimmte Mikronährstoffe über empfohlene Richtwerte hinaus erhöhen. Hauptgebiete der Forschung am Linus Pauling Institute sind kardiovaskuläre und Stoffwechselerkrankungen, Krebs, Altern, Immunfunktionen und neurodegenerative Erkrankungen.

Pauling gelangte über die Biochemie in das Arbeits- und Forschungsgebiet der Humanphysologie und Gesundheit, der er sich in seinen letzten drei Lebensjahrzehnten intensiv widmete. Bereits in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelte Pauling das Konzept der molekularen Erkrankung, indem er anhand der Sichelzellanämie nachweisen konnte, dass der Ursprung der Erkrankung in einer genetisch übertragenen Abnormität im Hämoglobinmolekül liegt. Diese Erkenntnis, die lange vor Paulings Beschäftigung mit der Ernährungstherapie erfolgte, gewann in der Medizin große Bedeutung und stellt den Hauptblickpunkt in der Erforschung des menschlichen Genoms dar. Seine bahnbrechenden Forschungen über das Wesen der chemischen Bindungen und der Struktur von Molekülen und Kristallen sowie die Anwendung der daraus resultierenden Konzepte speziell auf die Alpha Helix wurden 1954 mit dem Chemie Nobelpreis ausgezeichnet. 1962 erhielt Pauling für sein Engagement gegen Atomwaffen den Friedensnobelpreis.

Quellen: http://lpi.oregonstate.edu, www.springermedizin.at

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