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© Christopher Robbins / thinkstock.com
Da gibt es nichts zu lachen: Manche Grillparty endet mit einem Anruf beim ärztlichen Notdienst.
 
Chirurgie 20. Juni 2016

Grilling me softly

Verletzungen durch Drahtborsten: Vom Grillfest in die Ambulanz.

Geht es um die Gefahren des Grillens, stehen in der Regel heterozyklische Amine und aromatische Kohlenwasserstoffe im Brennpunkt. Von Drahtbürsten ist eher selten die Rede. Dabei ist die Bedrohung, die von ihnen ausgeht, bedeutend akuter.

Höhere Außentemperaturen, wie sie in Frühjahr und Sommer üblich sind, bilden für viele Menschen einen schwer zu unterdrückenden Anreiz, ihre Mahlzeiten im Freien einzunehmen. Seit ein paar Hunderttausend Jahren ist es dabei Sitte, am Feuer Platz zu nehmen und die Beute zur geschmacklichen Verfeinerung über der Glut zu garen. Verändert hat sich seither lediglich die Technik: Wo man früher ein Feuerloch grub, steht heute ein Grill.

Die moderne Art zu grillen bringt freilich Probleme mit sich, die man am Feuerloch nicht fürchten musste. Neben Grundsatzreferaten über vegane Ernährung sind das nicht zuletzt Drahtborsten. Letztere stammen von den Bürsten, mit denen die Grillroste vor Gebrauch gereinigt werden. Dabei verlorene Borsten können sich unbemerkt im Grillgut – sei es vegan oder animalisch – festsetzen. Ihr Verzehr kann schmerzhafte Zwischenfälle provozieren und dazu führen, dass sich das gesellige Beisammensein vom Garten oder Balkon in die örtliche Notfallambulanz verlagert.

Tiffany Baugh, HNO-Chirurgin an der University of Missouri in Columbia, hat zusammen mit Kollegen die Datenbank der US-Kommission für die Sicherheit von Konsumgütern nach Grillunfällen mit Drahtborsten durchkämmt. Aus der ermittelten Stichprobe von 43 Fällen für die Jahre 2002 bis 2014 errechneten Baugh und Mitarbeiter eine Schätzzahl von landesweit insgesamt 1698 Borstenverletzungen. Das ist nicht viel, bedenkt man, dass insgesamt Jahr für Jahr.

56.000 Menschen in den USA wegen einer Verletzung durch Fremdkörper eine Notaufnahme aufsuchen – wobei mehr als 10.000 Fälle auf die unsachgemäße Handhabung von Baumwollstäbchen zurückzuführen sind.

Allerdings birgt gerade ihre Seltenheit das Risiko, dass Verletzungen durch Drahtborsten von Grillbürsten der ärztlichen Aufmerksamkeit entgehen. Die Läsionen liegen überwiegend im Oropharynx oder jedenfalls im Kopf-Hals-Bereich und damit in der Domäne der HNO-Medizin. Bei den in der Literatur beschriebenen Fällen gelang es nur selten, die Borste einfach zu entfernen. Meist musste operiert werden – bis hin zur Neck-Dissection.

Es sind auch Fälle bekannt, in denen die Borsten in die Leber oder das Omentum majus eingedrungen waren. Von neun Patienten mit abdominellen Verletzungen, die von Schmerzen bis zur Perforation reichten, mussten sechs laparoskopisch oder laparotomisch versorgt werden. Ärzte sollten das Problem im Blick behalten, raten die HNO-Ärzte um Baugh. Bei einem Verdacht ist zunächst die flexible Endoskopie am Zug. Ist das Ergebnis negativ, sollte als nächstes eine native Computertomografie gefahren werden, da ihre Sensitivität laut Baugh et al. höher liegt als die einer Standard-Röntgenaufnahme ( bit.ly/20zZOVw ).

springermedizin.de, Ärzte Woche 25/2016

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