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Dr. Matthias Holly, Zahnarzt in einer Gruppenpraxis für Zahnerhaltung mit Schwerpunkt Endodontie in Wien
 
Zahnheilkunde 4. April 2013

Einblicke in den Wurzelkanal

Selten erfordert ein Eingriff dermaßen viel Fingerspitzengefühl wie in der Endodontie.

Neue Instrumente, innovative Materialien und weiter entwickelte Techniken erfordern eine regelmäßige Fortbildung auf dem Gebiet. Dr. Mathhias Holly, Endodontologe in Wien, spricht im Interview mit dem Zahn Arzt über wichtige Innovationen, dem negativen „Image“ der Wurzelbehandlung bei den Patienten und häufige Komplikationen.

Welche Innovationen in der Endodontie in den vergangenen Jahren sind für Sie erwähnenswert?

Holly: Eine der wichtigsten Entwicklungen der letzten Jahre ist für mich sicher der MTA-Zement (Mineral Trioxid Aggregat). Bei dem Material handelt sich um ein sehr bioaktives und biokompatibles Material, das sowohl hartgewebe-konduktiv als auch induktiv ist. Es kommt nicht nur bei retrograden Wurzelfüllungen zur Anwendung, sondern auch bei der Vitalerhaltung mittels Pulpenüberkappungen und Pulpotomien, wo man sehr gute Ergebnisse erzielen kann. Als Nachteile werden hauptsächlich die schwierige Handhabung bzw. Zubereitung, ein Verfärbungspotenzial, die hohen Kosten und die Schwierigkeit der Entfernung angeführt.

Wie entscheidend ist die Ausrüstung, welche Instrumente sind bereits obligat?

Holly: Instrumente sind natürlich das Herzstück einer Wurzelkanalbehandlung. Hier tut sich daher auch am meisten in der Entwicklung. Es gibt viele unterschiedliche Systeme. Die „crown-down-technik“ oder deren Abwandlungen im Sinne von koronal-apikalen Aufbereitungsmethoden gilt derzeit als optimale Arbeitsweise zur Wurzelkanalaufbereitung. Hierbei wird von koronal mit unterschiedlich konischen Instrumenten eine größere Konizität des Kanals präpariert und dann schrittweise nach apikal zur Wurzelspitze weitergearbeitet. Das ist bei allen modernen Instrumenten gleich, wird allerdings von System zu System unterschiedlich umgesetzt.

Dazu kommen neue Materialien und Bewegungsabläufe, die es ermöglichen, dieses Ziel einer von koronal nach apikal durchgeführten Präparation des Wurzelkanales besser und effizienter mit immer weniger Instrumenten umzusetzen. Wobei wir schon bei der Umsetzung einer adäquaten konisch zulaufenden Präparation mit „Ein-Feilen-Systemen“ angelangt sind. Diese erfüllen die Anforderungen einwandfrei, wenn weiterhin manche Grundkriterien nicht außer Acht gelassen werden. Wenn man nur eine Feile anwendet, ist es genauso wichtig, die chemische Desinfektion nicht zu vernachlässigen und sich auch genügend Zeit für regelmäßige Spüldurchgänge zu nehmen. Ebenso ist das Kriterium bei der Anwendung einer einzigen Feile die Wahl der richtigen Größe je nach anatomischer Kanalsituation. Letztendlich trifft man die Auswahl je nach Erfahrung und Vorliebe. Nicht jedem liegt das gleiche Instrument. Manche Instrumente sind aggressiver in der Bearbeitung, manche sind flexibler.

Wie bedeutend ist die Verwendung eines Dentalmikroskops?

Holly: Wenn man hauptsächlich im Wurzelkanal arbeitet, kommt man heutzutage nicht mehr ohne Dentalmikroskop aus. Damit ist es möglich, so manche Grenzen von früher doch etwas zu verschieben und Grenzfälle mit guter Prognose zu behandeln. Für die allgemeine Praxis sind eine gute Ausleuchtung und eine kleine Vergrößerung meiner Meinung nach ausreichend, um Standardfälle adäquat durchzuführen.

Geht das Fach immer mehr in Richtung Spezialisierung wie bei der Parodontologie?

Holly: Auch die Endodontologie entwickelt sich ähnlich wie die Parodontologie zu einem Spezialgebiet. Eigentlich kann man die Endodontie schon als Spezialdisziplin bezeichnen. Was aber nicht ausschließt, dass der Großteil – wie in der Parodontolgie – bei einem sogenannten Hauszahnarzt versorgt werden kann. Etwas anderes wäre auch nicht sinnvoll. Sinnvoll ist allerdings eine frühe Entscheidungsfindung im Therapieverlauf, also ab wann und welche Fälle einer spezielleren Therapie bedürfen um gute Langzeitergebnisse zu erzielen. Immer wieder gibt es schwierige Fälle, wo gerade der Spezialist eine Zahnerhaltung mit guter Prognose erreichen kann. Entscheidend ist jedenfalls das frühe Erkennen dieser Fälle und die rechtzeitige Zuweisung.

Wieso ist die Wurzelbehandlung nach wie vor bei Patienten so negativ behaftet?

Holly: Das liegt wahrscheinlich daran, dass der Besuch beim Zahnarzt prinzipiell gefürchtet ist, und sich die meisten Patienten sowieso schon in einem Ausnahmezustand befinden. Die Wurzelkanalbehandlung ist dann noch einmal ein intimerer Eingriff, zu dem die Patienten meist schon mit Schmerzen kommen. Wenn dann der Eingriff noch dazu im Akutfall unter Schmerzen und Zeitdruck passiert, muss man nicht nur das Schmerzmanagement sondern auch die Angstkontrolle unter einen Hut bringen. Dennoch ist die Wurzelkanalbehandlung apriori nicht unbedingt gleichzeitig eine schmerzhafte. Prinzipiell bereitet die Schmerzausschaltung auch in der Endodontie keine Schwierigkeiten. Kann man dem Patienten das Gefühl des Ausgeliefert-Seins nehmen, kann man sehr viel durchaus schonend durchführen.

Wie stehen Sie zu topischen Antibiotika bei der Wurzelkanalbehandlung?

Holly: In akuten und gravierenden Fällen mit Eiterbildung im Wurzelkanal, bzw. wenn ein Abszess da ist, ist es durchaus sinnvoll, eine Kanaleinlage mit Antibiotikazusätzen zu machen. Eine alleinige Einlage reicht zur vollständigen Desinfektion allerdings nicht aus. Es laufen derzeit Untersuchungen über lokale Antibiotika-Mischungen, um das Spektrum zu erweitern. Allerdings gibt es dabei meines Wissens nach noch keinen aussagekräftigen Ergebnissen. Wenn man den Wurzelkanal in den eingangs erwähnten Fällen eröffnen und das Wurzelsystem so gut wie möglich reinigen kann, ist eine zusätzliche orale Antibiotikagabe eigentlich nicht notwendig beziehungsweise. sinnvoll.

Welche sind die häufigsten Fehler bzw. Komplikationen?

Holly: Das beginnt bei der Trepanantion, wenn man zuviel entfernt, eine Perforation des Pulpenbodens eintritt und man nicht mehr in der Pulpenkammer bleibt. Das passiert meist bei sehr engen, sklerosierten Pulpenkammern oder Kanälen. Sofern die Restkanäle behandelbar sind und eine adäquate Infektionskontrolle durchführbar, kann man die Perforation mit MTA verschließen. Eine relative häufige Komplikation bei sehr engen, gekrümmten Kanälen ist die Präparation einer Stufe, die dann das weitere Vorkommen bis zur Wurzelspitze verhindert und hauptsächlich bei der Instrumentierung mit Stahlfeilen auftritt. Diese Komplikation ist eher schwierig zu beheben.

Unter den Komplikationen am häufigsten ist wahrscheinlich der Bruch eines Instrumentes im Kanal. Die weitere Problematik hängt von der Ausgangssituation ab. Wenn es während einer vitalen Exstirpation passiert ist, wo im Kanal an sich keine Bakterien zu erwarten sind, bzw. wenn man sauber und keimfrei arbeitet, ist dieser Zwischenfall erfahrungsgemäß nicht dramatisch. Wenn das bei einem beherdeten oder nekrotischen Zahn passiert, und durch den Bruch des Instrumentes die Reinigung bis zur Wurzelspitze versperrt ist, dann kann es natürlich schon Auswirkungen geben. Die entscheidenden Fragen sind: Konnte man den Zahn vorher reinigen, wann und wo ist das Instrument gebrochen, und wieviel vom Kanalabschnitt wurde durch das gebrochene Instrument versperrt? Viele Instrumentenbruchstücke kann man unter dem Mikroskop unter Ultraschallpräparation entfernen. Darüber sollte am besten ein Spezialist abhängig von der Lage des Instrumentes entscheiden. Im mittleren Wurzeldrittel ist das Bruchstück meist gut entfernbar, ohne dass der Zahn dabei weiter beschädigt wird.

Was würden Sie einem Kollegen empfehlen, der sich auf Endodontie spezialisieren möchte?

Holly: Wenn man diese Richtung einschlagen möchte, würde ich empfehlen, nicht nur Einzelkurse zu besuchen, sondern ein länger laufendes Fortbildungsprogramm zu nützen, das in sich schlüssig ist. Weil man dann auch das Gelernte gleich umsetzen und einen guten Lerneffekt erzielen kann, wenn man auf das nächste Modul hinarbeiten muss. Prinzipiell finde ich bedeutsam, dass die Kombination aus Theorie und Praxis stimmt. Vor allem Deutschland werden gute Fortbildungen und auch ein Curriculum in dieser Richtung angeboten.

Das Gespräch führte Mag. Andrea Fallent.

Weitere Infos: www.dg-endo.de , www.tec2-endo.de

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