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Fotos (3): Nanut/Regal
Durch die aseptische Operationsweise nach Lister, zunächst abfällig „Listerei“ bezeichnet, konnten auch Eingriffe in den Körperhöhlen infektionsfrei bleiben.

Ein Sprühnebel aus Karbolsäure schützte das Operationsfeld und sorgte für weniger Wundinfektionen. Es setzte aber auch der Haut der Chirurgen zu.

Lord Joseph Lister (1827 bis 1912).

 
Infektiologie 8. Februar 2012

„... die Chirurgie ist eine ganz und gar andere Sache geworden.“

Vor 100 Jahren starb Joseph Lister, der Erfinder des antiseptischen Prinzips.

Natürlich wuschen sich die Chirurgen auch um die Mitte des 19. Jahrhunderts die Hände – üblicherweise aber erst nach der Operation. Sie operierten in von Blut und Eiter verkrusteten Gehröcken mit den vorbereiteten Gefäßligaturen, es waren Peitschenschnüre, in den Knopflöchern. Wenn der Operateur beide Hände frei brauchte, nahm er einfach das Instrument zwischen die Zähne, und Augenoperateure zogen ihre feinen Instrumente routinemäßig durch den Mund, um sie schlüpfriger zu machen. Absolut nicht verwunderlich, dass das Risiko, nach einer Operation an Sepsis zu sterben, weitaus größer war als das „eines englischen Soldaten auf dem Schlachtfelde von Waterloo“, wie James Simpson, Geburtshelfer aus England, bemerkte.

Schmerzlos operieren konnten die Chirurgen seit der Erfindung der Narkose im Jahr 1846. Das war ein gewaltiger Fortschritt für die Patienten. Die chirurgische Technik verbessert und das Einsatzgebiet der Chirurgie erweitert hatte die Anästhesie aber noch nicht. Die etablierten Chirurgen arbeiteten noch immer mit affenartiger Geschwindigkeit – der Rekord für eine Oberschenkelamputation lag bei 30 Sekunden –, sie waren stolz auf ihre blutverkrusteten Röcke und blickten geringschätzig auf die noch sauberen Sakkos der Anfänger. Die Chirurgie beschränkte sich nach wie vor auf Extremitäten und oberflächliche Eingriffe an der Haut. Die Eröffnung großer Körperhöhlen war extrem selten. Eine Ausnahme aber gab es. Der englische Chirurg Thomas Spencer Wells (1818 – 1897) führte bereits ab 1858 höchst erfolgreich zahlreiche Ovarektomien durch und hatte durch sein sorgfältiges und sauberes Arbeiten eine erstaunlich geringe Letalität. Standard war das allerdings keineswegs. Zeitweise starben am damals so genannten „Hospitalbrand“ – der Sepsis nach postoperativer Wundinfektion – bis zu 80 Prozent der Operierten. Der entsetzliche gangränös-faulige Gestank in den Krankensälen galt vielen Chirurgen als „guter chirurgischer Geruch“ und der Eiter in den Wunden als „gut und lobenswert“. Eine „normale“ – per primam – Wundheilung gab es praktisch nicht. Die Heilungsdauer einer Wunde nach Mamma-Amputation betrug, so die Patientin die Infektion überlebte, etwa vier Monate oder mehr.

Die Sauerstofftheorie

So war die Situation in den Operationssälen, als der englische Chirurg Joseph Lister (1827–1912) sich in Glasgow mit den Problemen der Entzündung auch auf mikroskopischer Ebene zu beschäftigen begann. Etwas ungewöhnlich für einen Chirurgen, da die meisten seiner Kollegen sich fatalistisch mit dem anscheinend Unabänderlichen abgefunden hatten und nach geltender Lehrmeinung der Sauerstoff für die eitrige Zersetzung des Gewebes verantwortlich war. Und dagegen konnte man natürlich wirklich kaum etwas tun. Aber gerade das machte Lister stutzig. Rippenfrakturen, welche die Lunge anspießten, führten kaum zu einer Vereiterung der Lunge, obwohl naturgemäß viel Sauerstoff zur Wunde gelangte. Durchbohrte die gebrochene Rippe jedoch die Haut, kam es regelmäßig zur Wundinfektion, wenn die Wunde täglich in der üblichen Weise mit einem nassen Schwamm gereinigt und mit Scharpie – zerzupftem, meist auch schlecht gewaschenem Leinen – verbunden wurde. Ein Artikel von Louis Pasteur aus dem Jahr 1863 brachte Lister auf den richtigen Weg. Pasteur hatte mikroskopisch kleine Substanzen in der Luft nachgewiesen, die er für die Prozesse der Gärung und der Fäulnis verantwortlich machte. Mehr noch, er hatte gezeigt, dass es möglich ist, durch Sterilisation diese Erreger zu beseitigen.

Karbolsäure: Mittel der Wahl

Lister begann jetzt konsequent, in diese Richtung zu forschen und experimentieren. „Ich erkannte, dass man die Zersetzung in den verletzten Teilen verhüten kann, ohne die Luft auszuschließen, indem man bei der Wundversorgung irgendein Mittel anwendet, das das Leben der schwebenden Teilchen zu zerstören imstande ist. Auf diesem Grundsatz habe ich ein Verfahren aufgebaut“, schrieb Lister. Das Mittel, das er verwendete, war Karbolsäure. Er hatte gehört, dass diese stinkende Substanz selbst in großer Verdünnung in der Lage war, auf den Rieselfeldern den üblen Geruch der Abwässer zu beseitigen und sogar Parasiten zu vernichten. Lister begann nun, eine neue Verbandstechnik zu entwickeln und bei offenen Brüchen auszuprobieren. Am 12. August 1865 wurde ein elfjähriger Knabe mit einer offenen Schienbeinfraktur an Listers chirurgischer Abteilung der Glasgow Royal Infirmary aufgenommen. Da die Wunde nicht allzu verschmutzt war, beschloss Lister, mit der Amputation zu warten und zunächst seine neue Technik mit in Leinöl und Karbolsäure getränktem Verbandsmaterial zu erproben. Vier Tage ließ er den Verband unberührt auf dem geschienten Bein, danach wurde der karbolgetränkte Verband regelmäßig gewechselt. Die Wunde heilte überraschenderweise völlig ungestört. Zur damaligen Zeit ein kleines Wunder. Sechs Wochen später wurde der Knabe geheilt entlassen.

Als er bei weiteren Fällen von offenen Frakturen, Psoasabzessen und Amputationen mit seiner neuen Verbandstechnik gute Erfolge erzielte, begann er ab 1867, seine Ergebnisse im Lancet zu veröffentlichen und in Vorträgen sein „Antiseptisches System“ zu propagieren. Aber wie Semmelweis in Wien stieß er zunächst auf heftigen Widerstand und Spott seiner Kollegen. Aber Lister gab nicht auf. Er verlangte jetzt auch von seinem Team, die Hände und die Instrumente vor den Operationen in Karbol zu tauchen und während der Operation über das gesamte Operationsgebiet einen feinen Nebel von Karbol zu versprühen. Die Auswirkungen auf den Patienten waren gut, die Ergebnisse beeindruckend, aber für die Lungen und die Haut des Operationsteams eine Katastrophe. Viele mussten ihren Beruf aufgeben, da ihre Haut das Karbol nicht vertrug. Listers Methode setzte sich dennoch durch. Zunächst allerdings nicht in seinem Heimatland, sondern in Deutschland und etwas später auch in Wien. Auch Billroth, der lange wegen der „unzureichenden wissenschaftlichen Begründung“– die lieferte erst Robert Koch im Jahr 1878 – „die Listerei“ verachtete, trat dann mit Leib und Seele dafür ein. Zuletzt akzeptierten schließlich auch die britischen Chirurgen die Antisepsis.

Antiseptische Chirurgie

Die Zeit der Messer schwingenden Chirurgen, die in Straßenkleidung auf den Bühnen ihrer Operationssäle ihre kurzen, aber eindrucksvollen Auftritte gaben, war nun endgültig vorbei. Die antiseptische Chirurgie setzte sich weltweit durch. Etwas später wurde eine neue Technik, die Asepsis – saubere Operationssäle, Hitzesterilisation der Instrumente, Operationshandschuhe, Operationskittel und Mundschutz – entwickelt. Diese und die sich rasant verbessernde Narkose- und Operationstechnik erlaubte es den Chirurgen jetzt, nach und nach den ganzen menschlichen Körper zu erobern.

Joseph Listers epochale Leistungen wurden bald überall gewürdigt und er erhielt zahlreiche Auszeichnungen. 1897 wurde er als erster Arzt mit dem Titel Lord Lister of Lyme Regis ausgezeichnet. Am 10. Februar 1912 starb Lord Lister nach langem Leiden in Walmer (Kent). Nach Lister ist die Chirurgie „wahrhaftig“, wie er seinem Vater nach den Erfolgen mit seinem antiseptischen Prinzip in einem Brief schrieb, „eine ganz und gar andere Sache geworden".

Von W. Regal und M. Nanut, Ärzte Woche 6 /2012

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