zur Navigation zum Inhalt
Foto: photos.com
Es ist fünf vor zwölf für den Kampf gegen zunehmende Antibiotikaresistenzen.
Foto: Privat

Dr. Ursula Theuretzbacher Center For Anti-Infective Agents (CEFAIA), Wien

 
Allgemeinmedizin 19. Oktober 2010

Antibiotika kurz und hoch dosieren

Es befinden sich kaum neue Antibiotika in der Pipeline. Daher muss sich der Umgang mit ihnen ändern. Alte Antibiotika verlieren ihren Biss, neue stehen kaum an. Die Folge ist eine globale Gesundheitskrise, der mit einem ganzen Bündel von Strategien begegnet werden muss.

Zur Bekämpfung des weltweiten Resistenzproblems werden dringend neue Antibiotika benötigt. Allerdings konzentrieren sich große Pharmafirmen eher auf die Entwicklung von Medikamenten gegen chronische Erkrankungen, da hier schlicht eine größere Rentabilität gegeben ist. Kleinere Unternehmen könnten die Lücke füllen, es mangelt aber in vielen Fällen an Ressourcen. Die Folge: für die nächsten Jahre sind so gut wie keine neuen Antibiotika in der Pipeline. Was ist also zu tun? Die Ärzte Woche sprach darüber mit Dr. Ursula Theuretzbacher vom Center For Anti-Infective Agents (CEFAIA) in Wien.

Kann man in Bezug auf die Probleme mit Antibiotika-Resistenzen tatsächlich von einer globalen Gesundheitskrise sprechen?

Theuretzbacher: Ja, vor allem hinsichtlich gram-negativer Bakterien und Spitalsinfektionen. Natürlich gibt es regionale Unterschiede – in den Niederlanden, der Schweiz oder in Skandinavien ist das Problem nicht so ausgeprägt, auch Österreich liegt im besseren Drittel. Doch Grenzen sind nicht bakteriendicht. Die Schweden haben das verstanden und, obwohl sie eine sehr gute Resistenzsituation haben, die Initiative ergriffen und ein globales Projekt zur Bekämpfung des Resistenzproblems ins Leben gerufen.

Was muss konkret unternommen werden, um die Situation in den Griff zu bekommen?

Theuretzbacher: Wir brauchen einen Mehrzangenansatz. Erstens muss die Übertragung resistenter Bakterien gestoppt werden; dazu sind drastische Maßnahmen notwendig, die aber nicht ausreichen werden.

Zweitens muss der unnötige Antibiotika-Verbrauch radikal gesenkt werden, damit der Selektionsdruck nicht so stark ist. Diese beiden Forderungen sind die Grundlage.

An dritter Stelle steht die Forderung nach neuen Antibiotika. Auf die Pharmaindustrie können wir uns nicht verlassen, sie ist profitgesteuert, es liegt daher in der Natur der Sache, dass sie sich nicht auf die Entwicklung von Medikamenten konzentriert, die eine – im Vergleich zu anderen Arzneimitteln – geringe Rendite einfahren.

Das heißt, wir brauchen neue Strategien. Wobei es nicht nötig ist, das Rad neu zu erfinden, es gibt beispielsweise eine ausgezeichnete Aktion gegen Tuberkulose: Auch hier wurden 30 bis 40 Jahre lang keine neuen Antibiotika entwickelt, und jetzt sind einige sehr interessante Substanzen in der Pipeline.

Welche Strategie wurde denn hier so erfolgreich eingesetzt?

Theuretzbacher: Es war eine weltweite, gebündelte Aktion, wobei sowohl Firmen als auch die öffentliche Hand und private Geber mit Grants und Förderungen kooperierten.

Sollte die WHO als weltweite Gesundheitsorganisation nicht ebenfalls eine führende Rolle spielen?

Theuretzbacher: Ja sicher. Nur: Die WHO ist involviert und organisiert zum Beispiel den World Health Day, der heuer dem Thema Antibiotika-Resistenz gewidmet ist. Um wirklich aktiv zu werden, bräuchte die WHO aber größere finanzielle Ressourcen. Was mich gleich zur nächsten Forderung bringt: Reiche Länder müssen einfach eingreifen, auch im eigenen Interesse. Es muss quasi eine globale, konzentrierte Attacke sein, mit öffentlichen und privaten Geldern. Wünschenswert wäre natürlich auch die Beteiligung der großen Pharmafirmen.

Was kann der Allgemeinmediziner tun, um Resistenzen zu verhindern?

Theuretzbacher: Der Allgemeinmediziner steht unter enormem Druck von der Pharmaindustrie, aber auch von Patienten. Ein großes Problem sind die unzureichenden diagnostischen Möglichkeiten, um bakterielle und virale Infektionen unterscheiden zu können. Manchmal liegt auch eine Unterscheidungsunsicherheit bezüglich der verschiedenen Antibiotika vor, die Informiertheit der Ärzte leidet unter dem massiven Zeitdruck. In vielen Fällen werden daher Antibiotika verschrieben, die nicht nötig sind. Man muss aber auch sagen, dass hier auch der Rückhalt durch die Ärztevertretungen noch suboptimal ist – in anderen Ländern mit geringem Antibiotika-Verbrauch ist die Unterstützung durch diese Vertretungen besser ausgebaut, es gibt dort für den Patienten, anders als bei uns, eben nicht die Möglichkeit, zu sagen: „Wenn Sie mir das nicht verschreiben, dann gehe ich zum nächsten Arzt.“ Das ist eine ganz andere Kultur.

Es muss jedem Allgemeinmediziner klar sein, dass die Verschreibung von Antibiotika, beispielsweise bei den so häufig vorkommenden respiratorischen viralen Infekten, einen potenziellen Schaden anrichten kann. Nicht nur in der Gesamtbevölkerung, sondern auch ganz konkret beim Patienten selbst. Dieser kommt vielleicht bald aus einem anderen Grund ins Spital, wo er wirklich Antibiotika bräuchte, und dann stellt sich heraus, dass durch vorangegangene Antibiotikatherapien selektionierte resistente Bakterien die Infektion verursachen. Dadurch wird die Behandlung vielleicht nicht gleich unmöglich, aber es gestaltet sich doch sehr viel schwieriger, als sie sein könnte und sollte. Dieses „Nützt’s nix schadet’s nix“-Prinzip gilt hier absolut nicht! Der unnötige Antibiotikaeinsatz schadet sehr wohl, und zwar massiv.

Daher noch mal zur Erinnerung: Wie sind Antibiotika einzusetzen?

Theuretzbacher: Die allerwenigsten Krankheiten benötigen Antibiotika. Die meisten akuten respiratorischen Infekte sind viral bedingt, da nützen Antibiotika genau nichts. Wenn Antibiotika für nötig befunden und verschrieben werden, dann so kurz wie möglich! Was seit 50 Jahren unterrichtet wird, dieses Motto „Bis zum Ende nehmen, zehn Tage lang“ ist historisch gewachsen und in den meisten Fällen nicht erforderlich. Je länger die Dauer der Therapie, desto höher der Selektionsdruck, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass sich Resistenzen ausbilden. Bei unkomplizierten ambulanten Infekten reichen meistens drei bis fünf Tage. Der Grundsatz der Dosierung ist: kurz und hoch.

Ein weiterer Tipp ist, die Antibiotika gestreut einzusetzen. Das heißt, in der Praxis die unterschiedlichsten Antibiotika zu verschreiben, beispielsweise nicht automatisch bei jedem Harnwegsinfekt ausschließlich Chinolone zu geben – bei denen ist die Resistenzsituation in Österreich ohnehin schon sehr schlecht. Man sollte bedenken, dass man auch alte, durchaus noch wirksame Antibiotika einsetzen kann.

Wie schätzen Sie die Zukunft ein – gibt es Licht am Ende des Tunnels?

Theuretzbacher: Ich hoffe sehr, dass möglichst öffentlichkeitswirksame Kampagnen Wirkung zeigen – es gibt bereits sehr spärliche Anzeichen für ein neu erwecktes Forschungsinteresse, sogar bei den großen Pharmaunternehmen, was hoffentlich zu robust aufgebauten Pipelines und neuen Antibiotika ohne Kreuzresistenz zu alten Präparaten führen wird.

Das Gespräch führte Dr. Lydia Unger-Hunt

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben