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Trotz Trainings: Die Oberarme werden unweigerlich schlaff.
 
Endokrinologie 9. April 2014

Die Faszie und der Alterungsprozess

Bindegewebe erfüllt multiple Aufgaben.

Die Frauenheilkunde ist ein interdisziplinäres Fach: Angesichts der Gender-Unterschiedlichkeit von Sehnen und Faszienproblemen, der Hormonabhängigkeit beider Organsysteme und der endokrin mitausgelösten Schmerzzustände ist es verständlich, dass sich die gynäkologische Endokrinologe auch den Faszien widmet.

Auf die Frage, was das Motto der modernen Naturwissenschaft wäre, antwortete kürzlich Stephen Hawking mit einem einzigen Wort: die Komplexizität. Auch die Medizin erkennt in zunehmender Weise, dass unser Körper mehr ist als nur die Summe seiner Organe, die untereinander vielschichtig vernetzt sind, was in der Klinik für Diagnose und Therapie besser zu verstehen immer notwendiger wird.

So dient der Knochen nicht nur dem aufrechten Gang, sondern ist Reservoir für Stammzellen und Spurenelemente, greift in den Kohlenhydratstoffwechsel und in die Bauchspeicheldrüsenaktivität ein und steuert sogar die Testosteronproduktion des Hodens.

Ähnlich ist es auch beim Muskelgewebe, das nicht nur unsere Bewegungen ermöglicht, sondern unter anderem sogar die Regeneration des Gehirns mitunterstützt. Beide Organe sind übrigens von den weiblichen Geschlechtshormonen abhängig.

Das Gleiche gilt auch für die Faszien, die in der Vergangenheit lediglich als „Anhängsel“ des Muskel gesehen wurden. Neue Erkenntnisse zeigen, dass es sich dabei allerdings um hochinteressante Organe handelt, die ebenfalls zahlreiche Aufgaben erfüllen: Natürlich haben sie eine Hüllfunktion für die Muskeln und sind auch Raumfüller, allerdings „schlafen“ in ihren Logen Stammzellen, die der Körper immer wieder zur Reparatur benötigt – für den Muskel, aber auch für die Knorpel. In den Faszien laufen viele Gefäße, vor allem Venen, über deren Durchmesser die Körpertemperatur geregelt werden kann und die im Alter durchzuscheinen beginnen, wenn die Faszien dünn werden.

Über die Faszien registriert unser Körper seinen statischen Belastungszustand und eine Fülle von kleinen Sinnesorganen nehmen in den Faszien die Außenwelt wahr: Ruffini-Körperchen, Corpuscula lamellosa, die Golgi-Organe und frei endende Nerven überwachen die „innere Haut“ unseres Körpers, die Anzahl dieser sensorischen Rezeptoren ist in den Faszien zehnmal höher als in der Retina.

Damit wird die Faszie, wenn sie altert, zu einem „Schmerzgenerator“, denn die Gleiträume sind von Vater-Pacini-Körperchen durchsetzt und können unklare Befindlichkeitsprobleme schaffen, für die man in den bildgebenden Verfahren keine Erklärung findet.

Unter der Haut gibt es zwei Faszienschichten: die oberflächliche Faszie (Fascia superficialis) stellt mit einem feinen Retinacula-System die Verbindung zur Haut her, die tiefe Faszie bindet zusätzlich die Muskeln und auch Gelenke und Knochen ein. Vor allem im Gesicht, aber auch im Dekolleté beinhalten die oberen Faszienfasern noch Muskelgewebe, die die mimischen Gesichtsbewegungen ermöglichen.

Ptose der Gesichtspartien und „Bat Wings“ der Oberarme

Keinem von uns bleibt der Alterungsprozess im Gesicht erspart, der bis jetzt vor allem den Fett- und Muskelveränderungen zugeschrieben wurde. Neue Erkenntnisse legen nahe, dass es aber auch – möglicherweise sogar vor allem – Alterungsprozesse im Faszienbereich sind, die das „Herabhängen“ der Wangen und Kieferbereiche hervorrufen.

Gut untersucht ist das Phänomen der „Bat Wings“ der herabhängenden Oberarme, die mit einem „Durchhängen“ der Fascia brachialis vergesellschaftet sind. Das würde auch erklären, warum Frauen – und diese scheinen besonders davon betroffen zu sein – berichten, dass sie einerseits sehr darunter leiden und dass sie es andererseits nicht verstehen, dass sich trotz forciertem Oberarmtraining nicht wirklich ein Erfolg einstellt. Das bestätigt, dass es nicht nur die Muskeln sind, die für die Integrität des körperlichen Outfit verantwortlich sind, sondern jene Stützscheiden, in die Muskel und Fett zusammengepackt sind – nämlich die Faszien.

Im Gesicht bilden oberflächliche Faszien und mimische Muskulatur eine funktionelle Einheit (Superficial Muscular Aponeurotic System, SMAS), Botox-Behandlungen relaxieren die Muskelfasern, erweitern damit die Raumfüllung und glätten so die Falten. Allerdings nehmen sie nicht Bezug auf die abnehmende Konsistenz der Faszien, die zu stärken ein weiterer therapeutischer Ansatz in der kosmetischen Endokrinologie werden kann.

Beeinflussung der Faszienstruktur

Während die Endokrinologie des Knochens seit Jahrzehnten bekannt und auch die Hormonabhängigkeit der Muskeln zunehmend beforscht wird, beginnt sich die Wissenschaft erst langsam um die Wachstumsfaktoren der Faszien zu kümmern.

Dem Haupthormon des weiblichen Ovars, dem Östrogen scheint dabei eine dialektische Rolle zuzukommen: Einerseits scheinen die in der Pille enthaltenen alkylierten Östrogene einen hemmenden Effekt auf die Kollagensynthese in den Sehnen und im subkutanen Faszien-Bindegewebe zu entfalten, da sie die Bioverfügbarkeit des IGF 1 reduzieren. Ob das auch beim endogenen Östradiol so wäre, ist derzeit noch unbekannt, allerdings erkranken Frauen wesentlich häufiger an Sehnenproblemen als Männer. Andererseits stimulieren Östrogene, vor allem auch das Pflanzenöstrogen Genistein, die Hyaluronsäure, die den Gleitraum zwischen Muskel und Sehnen ausfüllt. Der lindernde Effekt einer Östrogenbehandlung auf unklare Weichteilschmerzen könnte auch darauf zurückzuführen sein.

Unerwartet scheint auch die Schilddrüse einen wichtigen Einfluss auf Faszien und Sehnen zu haben: eine Unterfunktion der Schilddrüse führt zu einer von Glycosaminoglycans (GAGs) in der extrazellulären Matrix, was zu einer Verhärtung von Sehnen und Faszien führt. Dies scheint auch den Zusammenhang zwischen dem Karpaltunnel-Syndrom und dem Hypothyreoidismus zu erklären.

„Stretching“ – und damit die physikalische Therapie ist eine nachhaltige, auch die Faszien anregende Behandlung, die natürlich auch ein entsprechendes körperliches Training involviert. Die dabei mitunter gebildete Milchsäure scheint auch einen stimulativen Effekt auf die Faszien auszuüben: Damit hat der „Muskelkater“ auch einen reaktiv aufbauenden Effekt auf die Muskelumhüllungen.

Von besonderem Interesse scheint das Endocannabinoid-System zu werden, dass in der Onkologie, aber auch für den Bewegungsapparat wichtig zu sein scheint, wegen des Cannabis-Missbrauchs von der Medizin aber weitgehend ausgeklammert wurde.

Zwei Gruppen von Rezeptoren stehen den Endocannabinoiden zur Verfügung: die CB-1-Rezeptoren sind vor allem im Gehirn hochkonzentriert, in den basalen Ganglien, dem Hippocampus, dem Cerebellum und dem Cortex, allerdings auch in peripheren Organen wie in den Faszien, was angesichts der hohen Anzahl an sensorischen Rezeptoren nicht verwundert. CB-2-Rezeptoren finden sich vor allem in den Zellen des Immunsystems, aber auch in der fertilisierten Eizelle, für deren weitere Entwicklung sie mitverantwortlich sind.

Bestimmte Fettsäuren haben zu den Cannabinoid-Rezeptoren eine besondere Affinität, wie z. B. Palmitoylethanolamide, die in klinischen Trials zur Behandlung schwerer Schmerzzustände bei der Endometriose geprüft werden. Es ist anzunehmen, dass diese Fettverbindung auch bei Schmerzzuständen, die von der Faszie ausgehen, Bedeutung bekommen könnte.

Autor: Prof. DDr. Johannes Huber, Universitätsklinik für Frauenheilkunde, Wien

Die Bedeutung der Faszien wird auch Thema beim Symposium für den Endokrinen Kreis sein, das vom 23. bis 25. Mai in Wien stattfindet:

Veranstalter: Prof. Johannes Huber

Tagungsorganisation: Carina Außerlechner-Satke

Tel.: 0664 212 4789

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