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Allgemeinmedizin 23. Jänner 2012

Lust statt Frust ab der Lebensmitte

Wie es in der Lebensmitte gelingt, neue (Lebens)Qualität für sich zu entdecken.

Männer und Frauen empfinden den Schritt in die zweite Hälfte oft als Krise – doch der kann sich durch Neuorientierung auch als Chance erweisen.

 

In meiner Praxis als Ärztin und Sexualtherapeutin sehe ich zwar nur einen selektiven Anteil an Ratsuchenden, aber die angegebenen Frustrationen haben meist mit einem übersteigerten Perfektionismus und zu wenig Körperbewusstsein zu tun. Ich sehe oft attraktive, gestylte Frauen, die perfekt scheinen, sich aber betrogen fühlen, betrogen von ihrem weiblichen Körperbild, das sie nicht spüren und wahrnehmen können. So laufen sie Modeidealen unserer Mediengesellschaft hinterher, mit dem Ziel, als Frau wahrgenommen zu werden. Aber auch ein Mann kann sich betrogen fühlen, wenn die attraktive Frau, die er erobert hat, nach einer längeren Beziehung keine Nähe oder befriedigende Sexualität mehr zulässt.

Eine Möglichkeit, nicht in die Anti-Aging-Falle zu tappen, besteht darin, sich bewusst zu machen, dass der Schritt in die zweite Lebenshälfte eine Krise darstellt – sowohl für Frauen als auch für Männer. Wer den Mut hat, die Krise zu akzeptieren, kann auch einen notwendigen Trauerprozess zulassen. Es braucht Zeit, um sich vom ersten großen Lebensabschnitt würdevoll zu verabschieden. Ab 50 ist die Zeit reif dafür, Wünsche nicht mehr vor sich herzuschieben, sondern sie umzusetzen und aus der „Unzufriedenheitsfalle“ auszubrechen. Dazu müssen oft alte Muster und Werte hinterfragt und zurückgelassen werden.

Archetypen zur Orientierung

Archetypen können bei der Suche nach dem eigenen Potenzial hilfreich sein. Schon C.G. Jung hat sie für seine Psychotherapie als Mittel herangezogen, um Klarheit zu gewinnen. Sie sind unbewusste Grundmuster unseres Menschseins. Als Orientierungshilfe können sie dienen, indem man sich anschaut, welche Aspekte bei einem selbst vorhanden sind und welche vielleicht endlich gelebt werden wollen.

  • Krieger und Kriegerinnen unserer Zeit zeichnen sich durch Erfolg im Beruf aus, kämpfen um Ideale, haben einen ausgeprägten Beschützerinstinkt, können aber zu Machtgier, Neid und Eifersucht neigen.
  • Magier und Magierinnen finden sich häufig in beraterischen Berufen, in der Medizin, in der Pharmazie. Hier sind Weisheit und Intuition gefragt, die Gabe, zuzuhören und Wissen zu vermitteln. Die Gefahr diese Archetypen liegt im Ausleben der Opferrolle inklusive Schuldzuweisungen bis hin zur Tendenz zum Burn-out.
  • Künstler und Künstlerinnen leben ihre Kreativität und Inspirationskraft aus. Bei Unterdrückung dieser Gabe droht die Gefahr des Perfektionismus und des Drogenmissbrauchs.
  • Liebhaber und Liebhaberinnen brauchen zuallererst ein gutes Körperbewusstsein und Selbstliebe, um einen anderen Menschen selbstlos und hingebungsvoll lieben zu können. Sonst droht auch hier der Hang zu Aufopferung und Schuldzuweisung an andere.

Einseitig gelebte Archetypen tendieren dazu, eine übermächtige Position einzunehmen. Um eine „weise und gerechte Königin“ und ein „visionärer König“ im eigenen Reich zu sein, sollten alle Aspekte der Archetypen möglichst ausgeglichen vorhanden sein. „Gute Herrscher“ kämpfen um Ideale, nützen ihre Intuition, streben kreative Lösungen an und wissen auch zu feiern und zu genießen. Weiter gedacht, hieße das, um die Lebensmitte „Prinzen und Prinzessinnen“ sterben zu lassen1 – sie sind zwar jung und schön, können aber nichts umsetzen. Dann können „König und Königin“ in all ihrer Macht und Pracht auferstehen, um die Dinge in die Hand zu nehmen, die zum Glück führen!

Dr. Sandra Elnekheli ist Ärztin für Allgemeinmedizin und Sexualmedizin in Wien, www.bewusstseinsmedizin.at

 

1 Buchtipp: Bellin-Sonnenburg, R.: Die Prinzessin ist tot – es lebe die Königin

Von S. Elnekheli , Ärzte Woche 3 /2012

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