zur Navigation zum Inhalt
© blickwinkel/imago
Testosteron ist nicht alleine verantwortlich für Aggression.
 
Urologie 25. Februar 2013

Mann ist mehr als sein Hormon

Wie Testosteron Psyche und kognitive Fähigkeiten beeinflusst.

Testosteron führt zu einem männlichen Erscheinungsbild. Es verstärkt die sexuelle Erregbarkeit und erhöht die Empfindlichkeit der Genitalien. Das Hormon scheint aber auch einen Einfluss auf geistige Fähigkeiten und Stimmung zu haben. Die simple Gleichung, wonach mehr Testosteron stets die Laune bessert und das Hirn stimuliert, geht aber nicht auf.

Wenn James Bond seine Gegner verprügelt, dank blitzschneller Reaktionen tödlichen Angriffen ausweicht und nebenbei noch Frauen verführt, dann ist das eine ziemlich gute Zusammenfassung jener Attribute, die oft auf das männliche Geschlechtshormon Testosteron zurückgeführt werden. Doch was an diesen Klischees hält einer wissenschaftlichen Überprüfung stand? Was ist insbesondere dran am Klischee, dass Mann durch Testosteron geistig reger und weniger weinerlich wird?

Mythos Testosteron

Dr. Andreas Meißner von der Abteilung für Urologie am Academic Medical Center in Amsterdam, gab einen Überblick über den derzeitigen Stand des Wissens in Sachen Testosteron und Gehirn. Demnach ist die These, dass Testosteron pauschal die Stimmung bessere, genauso wenig haltbar wie die Behauptung, dass es pauschal zu aggressivem Verhalten führt. Meißner wies darauf hin, dass sich weder bei Gewaltverbrechern noch bei Sexualstraftätern ein eindeutiger Zusammenhang zwischen peripher gemessenen Testosteronspiegel und Verhalten finden lässt.

Woher kommt die Aggression?

Aussagekräftiger wird das Bild, wenn auch andere Hormone einbezogen werden. So gewinnt die Hypothese, wonach ein Ungleichgewicht zwischen Testosteron und Cortisol prädiktiv für eine aggressive Psychopathologie ist, zunehmend Anhänger, so Meißner. Ein Zuviel an Testosteron und ein Zuwenig an Cortisol sei im Hinblick auf aggressives Verhalten wahrscheinlich problematischer als erhöhte Testosteronspiegel alleine.

Keine Daten zu Depression

Was einen möglichen Zusammenhang zwischen Testosteron und Stimmung angeht, ist Meißner vorsichtig: „Wir alle wissen, dass eine Testosteronersatztherapie im Einzelfall zu einer deutlichen Besserung depressiver Symptome führen kann.“ Es gebe aber längst noch nicht genug Studien, um irgendwelche allgemeinen Empfehlungen aussprechen zu können. Meißner berichtet von einer Episode in den Niederlanden, wo ein Kollege öffentlich empfohlen hatte, bei depressiven Männern generell die Testosteronspiegel zu messen. Seither seien die andrologischen Sprechstunden voll mit depressiven Männern, ohne dass es eine ausreichende Datenbasis gebe.

Besser einparken mit Testosteron

Mit dem Einfluss von Testosteron auf höhere kognitive Leistungen beschäftigt sich die Psychologin Yuka Morikawa aus der Arbeitsgruppe Cognition & Gender der Universitätsklinik Münster.

Bekannt und weitgehend unstrittig ist, dass höhere Testosteronspiegel mit einem besseren räumlichen Vorstellungsvermögen korreliert. Weniger klar ist bisher die Wechselwirkung zwischen Testosteron und Gedächtnis. Manch einer sieht in Testosteron bereits eine Wunderdroge für die Alzheimer-Prävention. Doch dafür gibt es bei weitem noch nicht genug Daten.

Kognition und Gedächtnis

Morikawa und ihre Kollegen engagieren sich in Münster in einem noch laufenden Forschungsprojekt, das den Zusammenhang zwischen Sexualhormonen und Gedächtnisleistungen mithilfe funktioneller Kernspinuntersuchungen ausleuchten möchte.

Daten aus der ersten derartigen Studienreihe konnte die Wissenschaftlerin in Berlin präsentieren. Teilgenommen haben Männer mit Hypogonadismus (Gesamt-Testosteron < 12 nmol/l), aber ohne Klinefelter-Syndrom und ähnliche Pathologien, außerdem als Kontrollgruppen Männer mit normalen Testosteronspiegeln sowie gesunde Frauen, allesamt im Alter zwischen 20 und 40 Jahren.

Die Ergebnisse zeigen, dass es keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen Testosteronspiegeln und Gedächtnisleistung gibt. Insbesondere beim visuellen Gedächtnis fanden die Wissenschaftler überhaupt keinen Unterschied zwischen den Gruppen. Beim verbalen Gedächtnis allerdings schnitten hypogonadale Männer signifikant schlechter ab als Frauen. Und zwischen hypogonadalen Männern und den männlichen Kontrollprobanden gab es beim verbalen Gedächtnis einen Unterschied, der bei größeren Teilnehmerzahlen noch signifikant werden könnte. Die Detailauswertungen der Daten aus der fMRT (funktionelle Magnetresonanztomografie) laufen noch.

Insgesamt sieht Morikawa durchaus therapeutische Potenziale einer Testosterontherapie mit Blick auf die Gedächtnisleistung. Bis zu einem klinischen Einsatz bei dann wahrscheinlich genau definierten Gruppen von Patienten sei es aber noch ein weiter Weg.

In Münster steht als nächstes eine weitere fMRT-Studie auf dem Programm, in der der Zusammenhang zwischen Sexualhormonen und Gedächtnis diesmal bei älteren Menschen untersucht werden soll.

Quelle: Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Andrologie (DGA) 2012, Berlin

springermedizin.de/gvg, Ärzte Woche 9/2013

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben