zur Navigation zum Inhalt
© Martin Burger
© picture alliance / 360-Berlin

Alteingesessen: Haselsträucher blühen sehr früh im Jahr.

© dieter76 / fotolia.com

Neubürger: Der Götterbaum stammt aus Nord-China.

 
Immunologie 1. Februar 2016

Die späte Erle kommt zuerst

Die pollenfreie Zeit wird kürzer: „Spaeths Erle“ hat vor Weihnachten gestäubt. Jetzt blühen die Haseln.

Das Krankheitsspektrum hat sich von Infektionen hin zu chronisch-entzündlichen Erkrankungen, insbesondere Allergien, verschoben. Die Lebensweise westlicher Industriegesellschaften ist die treibende Kraft für diesen Anstieg.

Eigentlich ist ihre hohe Zeit längst vorüber, doch weil sie gerade erst am Radar des österreichischen Pollenwarndienstes aufgetaucht ist, sei sie hier erwähnt: Späths Erle, botanisch korrekt Alnus × spaethii genannt. Auf die exotische Erlenart mit ihren großen rot geäderten Blättern aufmerksam wurde Dr. Katharina Bastl bei einem vorweihnachtlichen Spaziergang durch Floridsdorf. Bastl fertigte einen Herbarbeleg für die Sammlung der Universität Wien an. Der seltene Fund brachte der Botanikerin Berichterstattung im profil. Für Pollenallergiker ist der Nachweis allerdings ein schlechtes Omen zu Beginn der Pollensaison.

Die Purpurerle ist das Ergebnis der Kreuzung einer japanischen mit einer kaukasischen Erle. Sie ist schnellwüchsig und kommt mit tiefen Temperaturen bestens zurecht. Sie stäubt bereits ab einer Temperatur von null Grad. Sie ist höchst resistent gegenüber Abgasen und Umweltschadstoffen. Eigenschaften, die diese Art zum gern gepflanzten Alleebaum machen, etwa in Vorarlberg oder in Buchs im Schweizer Kanton St. Gallen. Dort hat der Arzt Dr. Markus Gassner Immunreaktionen bei Kindern nachgewiesen und im New England Journal of Medicine publiziert. Titel: Hay Fever as a Christmas Gift ( bit.ly/1nOBr9C ). Mit allergischen Symptomen wie Heuschnupfen, Augenbrennen oder Asthma müssen grundsätzlich all jene rechnen, die auch sonst auf Erlenpollen reagieren. Denn ein Majorallergen, das Protein „Aln g 1“, ist im Grunde dasselbe Molekül des Pollens wie bei den heimischen Erlen. Was Spaeths Erle, auch Purpurerle genannt, potenziell gefährlich macht, ist die im Schnitt gut fünfmal so große Pollenmenge im Vergleich zu hier beheimateten Verwandten wie der Schwarz-Erle.

Weshalb blühen diese Bäume so früh? Dr. Markus Gassner: „Unsere Laubbäume haben sich den Jahreszeiten angepasst. Im Herbst lassen sie die Blätter fallen. Sie können so besser überwintern und Nährstoffe speichern. Sie brauchen einen Kältereiz, um den Winter zu spüren (,Chilling’-Effekt). Eine Kälteperiode, üblicherweise Anfang Dezember, bewirkt dies. Nun warten sie auf den Frühling. Die Purpurerle kann dank ihrer sibirischen Gene möglicherweise mehr Frost nach dem Erblühen riskieren als beispielsweiseApfelbäume. Solche Zusammenhänge zwischen Umweltfaktoren und Genetik (Epigenetik) sind nicht nur beim Menschen, sondern auch bei Bäumen noch weitgehend unklar. Deshalb sind diese Beobachtungen äußerst spannend. Beeinflussen beispielsweise Temperatur oder Licht den Blühbeginn dieser Stadterlen? Oder ist es eine Folge der Klimaerwärmung?“ Die Folge: In Buchs wurden laut Bastl rund 90 Prozent der Erlen gefällt.

Die Purpur-Erle ist Teil eines Puzzles, das Pollensaison heißt. Die Lücken, sprich die pollenfreien Zeiten, werden weniger. Dr. Franz Essl vom Umweltbundesamt: „Aufgrund des extrem milden Winters haben viele (Baum-)Haseln schon ihre Kätzchen gebildet und blühen zeitig. Dieses Phänomen wird mit dem Klimawandel sicher noch ausgeprägter.“ Den Jahres-Abschluss bildete, vor der Entdeckung der Purpur-Erle, das Ragweed dar, auch Ambrosia genannt. Der Neubürger aus Amerika blüht bis spät in den Oktober hinein, breitet sich entlang der Haupttransitrouten schnell aus und bereitet Medizinern zunehmend Sorgen. Die tendenziell steigenden Temperaturen wirken wie ein Turbo, der die Pollenausschüttung ankurbelt und in der Folge den Schweregrad der Symptome steigert.

Doch auch andere Stauden und Bäume haben das Potenzial,Immunreaktionen auszulösen, stehen gleichsam in den Startlöchern: Kanada-Goldrute, Baumhasel, Japanischer Schnurbaum u a. (siehe Interview auf dieser Seite). Mittlerweile besteht zu fast jeder Jahreszeit Allergiegefahr. Um die Ursache dafür zu verstehen, muss man wissen, wie Allergien entstehen.

Allergische Entzündungen

Wie auch andere chronische Erkrankungen des Menschen sind Allergien nicht monokausal begründet – vielmehr entstehen sie durch das Zusammenwirken vielfältiger exogener und endogener Faktoren mit dem Immunsystem. In Zwillingsstudien konnte belegt werden, dass eine genetische Komponente an diesem Zusammenspiel beteiligt ist. Die schnelle Zunahme von Allergien innerhalb der letzten sechs Dekaden deutete darauf hin, dass Umweltexpositionen ebenfalls ursächlich an der Initiation allergischer Entzündungen beteiligt sind.

Allergische Erkrankungen wie das Asthma bronchiale spielen in der täglichen klinischen Praxis eine zunehmende Rolle. Besonders im Bereich der Kinder- und Jugendmedizin hat sich in den vergangenen 60 Jahren das Krankheitsspektrum von Infektionen hin zu chronisch-entzündlichen Erkrankungen, insbesondere Allergien verschoben. Diese Entwicklung zeichnete sich anfänglich in industrialisierten Ländern ab. Die zur Millenniumswende in Industriestaaten durchgeführte Untersuchung zur Inzidenz chronisch-entzündlicher Erkrankungen belegte eine stetige Zunahme dieses Krankheitsbildes seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Die weltweit vorgenommenen Erhebungen zur Prävalenz allergischer Erkrankungen im Rahmen der „International Allergy and Asthma in Childhood“(ISAAC)-Studie belegen einen ähnlichen, wenn auch verzögerten Trend in den „developing countries“, also Schwellenländern wie Mexiko, Brasilien, Indien, China und in einigen osteuropäischen Staaten.

Strachan-Hypothese

Parallel ist ein gegenläufiger Trend für Infektionserkrankungen zu registrieren, denn in den Industrienationen erkranken immer seltener Menschen an Infektionen mit hochpathogenen Erregern viraler und bakterieller Art. Die zeitgleiche Beobachtung der gegenläufigen Trends legt die Vermutung nahe, dass beide Entwicklungen ursächlich miteinander verbunden sein könnten. Diese Hypothese wurde erstmals Ende der 80er-Jahre durch Strachan postuliert. Er verglich die Infektionshäufigkeit mit dem Auftreten allergischer Erkrankungen bei englischen Kindern und belegte, dass sich die Infektionsprävalenz reziprok zur Allergiehäufigkeit verhielt. In der von ihm erstmals formulierten Hygienehypothese postulierte Strachan, dass Infektionen im frühen Kindesalter das Immunsystem schulen und Entgleisungen verhindern können.

Der Fall des „Eisernen Vorhangs“ und die Wiedervereinigung Deutschlands boten die Möglichkeit, eine Population, die sich über 40 Jahre sozioökonomisch voneinander getrennt entwickelt hatte, vergleichend zu untersuchen. Zu Beginn der Untersuchungen galten Umweltbelastungen durch Industrie und Verkehr als treibende Kraft der Allergieepidemie. Die Ergebnisse des über ein Zeitintervall von zehn Jahren angelegten Ost-West-Vergleich deuteten jedoch darauf hin, dass die postmoderne Lebensweise westlicher Industriegesellschaften für den Anstieg der Allergieinzidenz ursächlich sein könnte. Die Daten des im Jahr 1994 bei Schulkindern durchgeführten Surveys belegten eine signifikant niedrigere Allergieprävalenz in Ostdeutschland. Zehn Jahre nach der Wiedervereinigung hatte sich die Allergieprävalenz im Osten an das Westniveau angeglichen.

Die im Ost-West-Vergleich gemachten Beobachtungen führten dazu, dass die bis dahin im Wesentlichen auf die Infektionshäufigkeit in der frühen Kindheit fokussierte Hygienehypothese erweitert wurde. Erika von Mutius, Leiterin der Asthma- und Allergieambulanz am Klinikum der Universität München, die die Untersuchungen am Studienstandort durchführte, erkannte in dem Verlust der frühen ontogenetischen Konfrontation mit Umwelt-keimen den zentralen Faktor, der die postmoderne Lebensweise charakterisiert.

Zur Prüfung dieser Hypothese eignen sich Umwelten, die im Gegensatz zur urbanen Lebensweise eine vielfältige mikrobielle Exposition bieten. Traditionell wirtschaftende Bauernfamilien im bayrischen Vor-alpenland bieten hierfür prototypische Charakteristika, denn sie leben in engem nachbarlichem Kontakt mit Nichtbauernfamilien, deren Lebensweise überwiegend modern geprägt ist. Die erste epidemiologische Querschnittsstudie, die in dieser Population vorgenommen worden ist, belegte, dass Kinder, die auf traditionell geführten Bauernhöfen aufwachsen, seltener eine allergische Erkrankung entwickeln als ihre nichtbäuerlichen nachbarlichen Altersgenossen.

Bauernhof-Millieu

Die „Allergy and Endotoxin“ (ALEX)-Studie, die in ländlichen Regionen der Schweiz, Österreichs und Bayerns durchgeführt wurde, gab Hinweise darauf, dass sowohl der enge Kontakt zu Nutztieren als auch der Konsum von bauernhofeigener Rohmilch zur Allergieprotektion bei Bauernhofkindern beiträgt.

Der Endotoxingehalt in Hausstaubproben, der ein Maß für die mikrobielle Last der häuslichen Umgebung darstellt, lag bei Bauernhoffamilien signifikant höher als in Proben aus Nichtbauernhäusern. Mit steigendem Endotoxingehalt der Staubproben sank die Allergiehäufigkeit bei den dazugehörigen Kindern.

Der Artikel basiert auf der Veröffentlichung „Allergien und Umwelt“ von Dörthe Andrea Kesper, Esma Kilic-Niebergall und Petra Ina Pfefferle in der Zeitschrift „Allergo Journal“ 22/2013, © Urban & Vogel.

Martin Burger, Ärzte Woche 5/2016

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben