zur Navigation zum Inhalt
© Juan Gaertner
 
Allgemeinmedizin 22. Dezember 2015

Mit dabei statt nur daheim

Mobile Milben sind unsere ständigen Begleiter – kein Entkommen für Allergiker.

Die allergieauslösenden Hausstaubmilben gelangen als blinde Passagiere auf unserer Kleidung überall hin. In öffentlichen Verkehrsmitteln oder über Kinosessel finden sie den Weg zu Arbeitsplatz, Schule und Kindergarten. Für Allergiker gibt es kaum ein Entrinnen. Nur gezielte Sanierungs- und Vermeidungsmaßnahmen sowie ein möglichst früher Therapiestart können helfen, die lästigen Beschwerden loszuwerden und verhindern, dass Asthma entsteht.

Hausstaubmilben sind mikroskopisch kleine Spinnentiere, die vielen Österreichern das Leben schwer machen. Insgesamt leidet bereits jeder vierte Österreicher an einer allergischen Erkrankung, mehr als ein Drittel davon an einer Hausstaubmilben-Allergie.

Milben sind nahezu überall anzutreffen und ihnen aus dem Weg zu gehen ist fast unmöglich. Das feucht-warme Klima im Bett macht unsere Schlafstätte zum optimalen Lebensraum für Milben. Doch nicht nur im Schlafzimmer sind Hausstaubmilben zuhause. Auch die restliche Wohnung besiedeln die ungebetenen Gäste. Ihre Allergene sind in Teppichen, Pölstern, Vorhängen oder im Sofa zu finden. Doch Hausstaubmilben sind auch äußerst mobil: „Wir transportieren die Milbenallergene auf unserer Kleidung oder den geliebten Kuscheltieren unserer Kinder von Ort zu Ort“, beschreibt der Biologe Dr. Wolfgang Hemmer vom Floridsdorfer Allergiezentrum. „Studien fanden heraus, dass die Allergenbelastung nicht wie bisher vermutet im Bett am höchsten ist, sondern auch an anderen Orten wie in öffentlichen Verkehrsmitteln, in der Schule, in Kindergärten, am Arbeitsplatz, auf Kinositzen usw. sehr hoch sein kann.“

Achtung Stofftiere: Die Lieblinge der Kinder haben es meist in sich. Nach zwei Jahren Verwendung wurde eine Allergenkonzentration über dem 10-fachen Schwellenwert festgestellt.

Heizperiode = Allegieperiode

Allergieauslösend sind nicht die mikroskopisch kleinen Achtbeiner, sondern Eiweiße in ihrem Kot. Laut Hemmer legt jede Milbe ca. 20 Pellets pro Tag und produziert somit in ihrem etwa drei Monate langen Leben das rund das 200-fache ihres Eigengewichts an Kot. „Bislang sind 33 Hausstaubmilben-Allergene beschrieben“, sagt der Biologe. „Die Vermehrung der paarungswilligen Tiere findet vor allem von Mai bis Oktober statt. Dabei legt ein Weibchen zwei bis drei Eier pro Tag. In warmer, feuchter Umgebung – optimal sind 20 bis 25°C bei 70 bis 75 Prozent relativer Luftfeuchte – hat sie bis zu 300 Nachkommen in ihrem Leben.“

Mit der Heizperiode wird die Luft trockener und viele Milben sterben ab. Die Kotbällchen zerfallen, Allergene werden freigesetzt und mit der Heizungsluft aufgewirbelt. Dadurch gelangen sie auf die Schleimhäute von Nase und Augen und werden eingeatmet. Das ist der Grund, weshalb die kalte Jahreszeit für Allergiker am belastendsten ist. Zudem lüften wir weniger und verbringen mehr Zeit in Innenräumen.

In der kalten Jahreszeit ist die Nase häufig verstopft oder tropft, die Augen tränen, jucken oder sind rot und Niesattacken stehen auf der Tagesordnung. Das macht die Unterscheidung zwischen einem gewöhnlichen Schnupfen und einer allergischen Ursache schwer. „Die Symptomatik einer Hausstaubmilben-Allergie ist oft unspezifisch und die Beschwerden treten – anders als bei einer Pollenallergie – ganzjährig auf. Darum werden sie häufig falsch interpretiert oder man hat sich schon so an die Beschwerden gewöhnt, dass sie einfach zum Leben dazu gehören“, erläutert Dr. Gert Wurzinger, Leiter des Pulmologischen Zentrums, Landeskrankenhaus Hörgas-Enzenbach und der Pulmonologischen Tagesklinik am Landeskrankenhaus Graz Süd-West. Das führt dazu, dass nur etwa jeder zweite Milbenallergiker mit seinen Beschwerden zum Arzt geht.

Kann Asthma auslösen

Eine mitunter fatale Nachlässigkeit, warnt der Lungenfacharzt: „Milbenallergiker haben ein besonders hohes Risiko, dass sich die Symptome von Augen und Nase in die unteren Atemwege verlagern, denn die allergen wirkenden Eiweißkörper sind sehr klein und gelangen dadurch rascher als andere Allergene in die Lunge, wo sie eine Entzündung verursachen. Bleibt diese Entzündung unbehandelt, wird sie chronisch – Asthma ist die Folge.“ Die Hausstaubmilben-Allergie gilt als die häufigste Ursache für allergisches Asthma. Etwa 50 Prozent der Patienten mit allergischem Asthma sind Hausstaubmilbenallergiker.

Darum ist es besonders wichtig, die Symptome so früh wie möglich beim allergologisch geschulten Facharzt abklären zu lassen. Wurzinger: „Je früher eine allergische Atemwegserkrankung erkannt wird, desto eher kann sie therapiert und eine Verschlechterung oder auch Asthma bronchiale verhindert werden. Das gilt besonders für junge Allergiker, denn Asthma ist weltweit die häufigste chronische Erkrankung im Kindesalter.“

Die Allergie im Griff

Aber was tun, wo wir doch von Hausstaubmilben umzingelt sind? Die Allergie-Experten Hemmer und Wurzinger empfehlen: „Als erster Schritt sollte der Haushalt umfassend und sorgfältig so umgerüstet werden, dass sich die Lebensbedingungen für Hausstaubmilben verschlechtern. In weiterer Folge gilt es, durch konsequente Maßnahmen wie Kontrolle des Raumklimas darauf zu achten, die Allergenbelastung möglichst gering zu halten. Hemmer: „Die relative Luftfeuchtigkeit steht in Wechselwirkung zur Temperatur. Hohe Temperaturen – Milben mögen es warm – senken die Luftfeuchte auf milbenunfreundliches Niveau. Senkt man die Temperatur ab, nimmt die Luftfeuchte allerdings rasch wieder zu. Ideal sind eine Raumtemperatur von knapp unter 20°C und eine Luftfeuchte von etwa 45 Prozent. Diese optimale Balance lässt am besten durch ein Hygrometer kontrollieren.“

Eine weitere wichtige Maßnahme ist das Beziehen von Matratze und Bettzeug mit milbendichten Bezügen, sogenannte Encasings. Weitere hilfreiche Methoden, die Allergenbelastung gering zu halten: Milbenabtötende Substanzen verwenden, Staubfänger entfernen, Stofftiere regelmäßig in den Wäschetrockner stecken, da Lufttrockenheit ist der schlimmste „Feind“ der Hausstaubmilbe ist, oder Kleidung außerhalb des Schlafzimmers ausziehen.

Wichtig: Die Kombination verschiedener Methoden der Allergenvermeidung zeigt den größten Erfolg. Häufig funktionieren die empfohlenen Maßnahmen nicht, da sie nicht richtig oder ausreichend durchgeführt oder falsche Produkte verwendet wurden. Achten Sie beim Kauf auf klinisch geprüfte Produkte, sie sind im medizinischen Fachhandel erhältlich. Ein Qualitätssiegel alleine ist noch keine Garantie. Lassen Sie sich von Ihrem Arzt beraten.

Neue Milbentablette kommt

In der Therapie steht neben symptomlindernden Medikamenten wie Antihistaminika und Kortison als Nasenspray die Behandlung mit der spezifischen Immuntherapie (SIT) zur Verfügung. Die langsame Gewöhnung des Körpers an das Allergen ist die einzige Methode, die das Übel an der Wurzel packt. Bisher gab es für Hausstauballergiker die Möglichkeit der Spritze und der Tropfen.

Eine Besserung der Beschwerden kann bei 70 bis 90 Prozent der Patienten erreicht werden. Die Impfkur kann nachweislich die Entstehung von Asthma und auch weiterer Allergien verhindern. Wurzinger: „Dem Körper wird über drei Jahre hinweg das Allergen anfangs in steigender Konzentration zugeführt. Durch den wiederholten, kontrollierten Kontakt mit dem Allergen verliert der Körper langsam seine Überempfindlichkeit. Anstelle es zu bekämpfen, lernt er, dieses zu tolerieren.“ Nach zehn Jahren Forschung und Entwicklung kommt nun erstmals eine Tablette für Milbenallergiker. Sie erhielt im September die europäische Zulassung für die Behandlung von allergischer Rhinitis und allergischem Asthma.

Durch eine konsequente Allergenvermeidung und einen raschen Therapiebeginn können Hausstaubmilben-Allergiker ihre Lebensqualität wieder verbessern. Unbedingt notwendig für das Händeln der Allergie: nicht zuwarten, sondern Symptome rasch beim Facharzt abklären lassen.

Quelle:

Presseinformation der IGAV – Interessensgemeinschaft Allergenvermeidung

Literatur

1. Hemmer W et al., Sensibilisierungshäufigkeit auf Inhalationsallergene (Pricktest, n=13.719, FAZ 1997-2007)

2. Tovey E. et al.; Curr Allergy Asthma Rep. Published online 26. Juli 2012

3. Bauchau V, Durham SR. Eur Respir J. 2004 Nov; 24(5):758-64

4. Calderón M.A. et al.; J Allergy Clin Immunol 2015; 136:38

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben