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Allgemeinmedizin 28. November 2014

Kleine Schlafräuber

Heizung an, Luft weg. So geht es zurzeit Menschen, die an Hausstaubmilbenallergie leiden.

Obwohl die Milbe nach den Pollen der häufigste Auslöser einer Allergie ist, werden die Beschwerden oft ignoriert, mit einer Verkühlung verwechselt oder einfach nicht ernst genommen. Zu Unrecht, denn die Hausstaubmilbenallergie ist die häufigste Ursache für Asthma bronchiale.

Nur etwa jeder zweite Milbenallergiker geht mit seinen Beschwerden zum Arzt – und das meist erst nach Jahren. Warum diese Sorglosigkeit fatal sein kann und wie man die Milbenbelastung nachhaltig reduziert, erklärten Experten bei einem Pressegespräch am 13. November in Wien.

Atembeschwerden und Schlafstörungen

„Das Hauptsymptom der Milbenallergie sind Atembeschwerden“, erklärt Otto Spranger, Sprecher der Österreichischen Lungenunion. Da diese vor allem in der Nacht bestehen, wird der Schlaf gestört. Die Folgen sind Tagesmüdigkeit und Konzentrationsstörungen. Bei Kindern können die schulischen Leistungen nachlassen. „Eine britische Studie hat gezeigt, dass allergische Kinder bei Prüfungen im Schnitt um ein Grad schlechter abschneiden“, berichtet Spranger.

Vom epidemiologischen Aspekt her scheint westlicher Lebensstil mit der Hausstaubmilbenallergie in Zusammenhang zu stehen. „Unmittelbar nach dem Mauerfall war die Allergie gegen Hausstaubmilben im ehemaligen Ostdeutschland weitaus weniger häufig als in Westdeutschland. Heute ist sie in ganz Deutschland gleichermaßen verbreitet“, berichtet Prof. Dr. Reinhart Jarisch, stv. Leiter des Floridsdorfer Allergiezentrums FAZ. „Auffällig ist auch, dass etwa türkische Migranten viel seltener von Hausstaubmilbenallergie betroffen sind.“

In Österreich leidet bereits jeder Vierte an einer allergischen Erkrankung, mehr als ein Drittel (37 %) davon an einer Hausstaubmilbenallergie. Damit zählen Milben nach den Pollen zu den häufigsten Auslösern von Allergien. „Typische Beschwerden sind morgendliche Niesanfälle, eine verstopfte Nase sowie Husten bis zu Enge in der Brust. Von erholsamem Schlaf kann oft keine Rede sein, die Patienten sind den ganzen Tag lang müde und weniger leistungsfähig“, sagt Jarisch. Die beschwerlichen Symptome treten im Gegensatz zu einer Pollenallergie das ganze Jahr über auf und erreichen im Herbst ihren Höhepunkt. Bei vielen Patienten besteht gleichzeitig eine Unverträglichkeit gegen Muscheln, Schnecken, Krabben und Shrimps.

Asthma-Gefahr

Obwohl die Hausstaubmilbenallergie ständig präsent ist, wird sie häufig nicht als solche wahr- oder ernst genommen. Nur etwa die Hälfte der Erkrankten findet den Weg zum Facharzt und damit zu einer fundierten Diagnose. Spranger: „Viele Betroffene kommen gar nicht auf die Idee, dass eine Allergie hinter den Beschwerden stecken könnte. Acht von zehn haben resigniert und gelernt, mit den Einschränkungen zu leben.“

Fatale Sorglosigkeit, meinen die Experten, denn als weltweit häufigste Ursache von Asthma bronchiale dürfe eine Hausstaubmilbenallergie keinesfalls auf die leichte Schulter genommen werden. „Patienten mit allergischer Rhinitis haben ein erhöhtes Risiko, dass die chronische Entzündung von den oberen in die unteren Atemwege wandert. Asthma bronchiale ist die Folge“, warnt Doz. Dr. Felix Wantke, ärztlicher Leiter des FAZ. „Besonders diejenigen Allergene, denen man ganzjährig ausgesetzt ist – wie etwa Katzenhaare oder eben die Hausstaubmilbe – lösen weitaus häufiger Asthma aus als Pollen.“ Anzeichen, die über mehrere Wochen hindurch andauern, sollten daher unbedingt beim allergologisch geschulten Arzt abgeklärt werden.

Die spezifische Immuntherapie (SIT) ist sowohl zur Asthmaprävention geeignet, als auch zur besseren Kontrolle einer bereits bestehenden Asthmaerkrankung. Wantke empfiehlt vor allem bei Kindern, die SIT möglichst früh einzusetzen.

Was tun?

Parallel zu einer medikamentösen Behandlung müssen immer auch Sanierungsmaßnahmen im Lebensumfeld vorgenommen werden, betont Wantke. Wer aber meint, mit Staubsauger und Putztuch der Milbe Herr werden zu können, irrt: Beim Saugen eines Teppichs entfernt man nur fünf Prozent der dort ansässigen Milben. „Um sie zu hundert Prozent zu entfernen, müsste man jeden Quadratmeter eine Stunde lang saugen“, rechnet Jarisch vor. Besser ist es, auf Teppiche in der Wohnung ganz zu verzichten. Glatte Oberflächen bieten der Milbe wenig Lebensraum. Daher sind Jalousien besser als Vorhänge, Ledergarnituren besser als Polstermöbel aus Stoff, etc. Zu hohe Luftfeuchtigkeit sollte vermieden werden. Allergendichte Matratzen- und Polsterbezüge reduzieren die Belastung im Bett, es sind auch spezielle Mittel zum Abtöten der Milben erhältlich. „Wichtig ist, dass alle Maßnahmen regelmäßig durchgeführt werden“, rät Wantke.

Neuer Service: „MilbenCheck“

Mit der App und dem Online-Portal „MilbenCheck“ gibt es nun Hilfestellung, um die Erkrankung frühzeitig zu erkennen, zu verstehen und besser damit umzugehen. Die neue Applikation für iOS- und Android-Geräte steht zum kostenlosen Download in den Stores zur Verfügung, das Online-Portal ist unter www.milbencheck.at abrufbar. Tipps zur Allergenvermeidung gibt es auch auf www. allergenvermeidung.org.

Steckbrief Hausstaubmilbe

Name: Dermatophagoides pteronyssinus (Europäische Hausstaubmilbe); Dermatophagoides farinae (Amerikanische Hausstaubmilbe); griech. derma = Haut, phagein = essen

Verwandtschaft: Spinnentiere

Größe: 0,1 bis 0,5 mm

Gewicht: 16 Millionstel Gramm

Lebenserwartung: ca. 3 Monate

Nachwuchs: Bei warm-feuchtem Klima täglich 1 Ei (ca. 300 Nachkommen / Weibchen)

Das mag sie gar nicht: Licht, Kälte und weniger als 60% Luftfeuchte

Das liebt sie: Wärme (20–30°C), Dunkelheit und hohe Luftfeuchtigkeit (65–80%)

Das kann sie: Verträgt Temperaturen bis zu +50°C über 4 Stunden, bis zu +60°C über 1 Stunde und bis zu -25°C über mehrere Stunden

Hauptwohnsitz: Matratze, Kopfpolster, Bettdecke, Bettwäsche

Weitere Wohnorte: Hausstaub (pro Gramm Hausstaub tausende Milben), Polstermöbel, Teppiche, Vorhänge, Kuscheltiere, Liegeplätze von Haustieren etc.

Lieblingsgericht: Menschliche angeschimmelte Hautschuppen, ein Erwachsener stößt ca. 1,5 Gramm täglich ab – eine Tagesration für etwa 100.000 Milben

Sonstige Nahrungsquellen: Bestandteile des Hausstaubs, Teile abgestorbener Insekten, Hautschuppen von Tieren, Pflanzenfasern, Lebensmittelreste, Schimmelpilzsporen

Tipps zur Milbenvermeidung

• Ungemütliches Klima für Milben schaffen (kühl und vor allem trocken): Drei- bis viermal am Tag 5 bis 10 Minuten raumdiagonal lüften; relative Luftfeuchtigkeit bei 40-50% halten

• Matratzen und Bettzeug mit milbendichten Bezügen mit Reißverschlüssen (Encasings) beziehen (nur hochwertige Produkte verwenden, die ihre Wirksamkeit in klinischen Studien an Patienten bewiesen haben)

• Teppiche, Wandteppiche und andere Staubfänge entfernen. Statt Teppichen empfehlen sich fugendichte Fußböden

• Polstermöbel durch Holz-, Kunststoff- oder glatte Ledermöbel ersetzen

• Schwere Stoffvorhänge vermeiden. Stattdessen Jalousien oder leichte Gardinen, die häufig gewaschen werden können, verwenden

• Decken alle zwei Wochen bei mind. 60°C waschen

• Stofftiere mind. 48 Stunden in eine Tiefkühltruhe geben, danach wenn möglich mit 60°C waschen

• Alle Kleider in geschlossenen Schränken aufbewahren. Kleidung außerhalb des Schlaf- und Wohnzimmers wechseln.

• Für das Staubsaugen sollten spezielle milbendichte Staubsäcke und Filter (HEPA) verwendet werden. Allergiker sollten beim Staubsaugen eine Maske tragen. Noch besser ist feuchtes Aufwischen

• Polstermöbel und andere Staubfänger alle drei Monate mit milbenabtötenden Substanzen reinigen, da auf diese Weise das Nachwachsen der Milben gebremst wird. Derartige Substanzen stehen in der Regel als Sprühlösungen oder als Pulver zur Verfügung

• Keine pelztragenden Haustiere halten

• Tabakrauch in Innenräumen vermeiden

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