zur Navigation zum Inhalt
© Miredi / fotolia.com
 
Immunologie 30. Juni 2014

Aufwachsen im Grünen

Wohngebiete im Vergleich: Schützt eine grüne Umgebung vor Allergien oder erhöht sie gar das Allergierisiko?

Dass man epidemiologische Untersuchungen in einzelnen Gebieten mit höchster Vorsicht interpretieren muss, zeigt erneut eine deutsche Studie. Hier wurden allergische Erkrankungen bei Kindern in zwei verschiedenen Gegenden Deutschlands mit identischem Studiendesign untersucht. Das Ergebnis hätte gegensätzlicher nicht sein können.

Viel Grün rund ums Haus wird allgemein mit guter Luft und gesunden Bedingungen für ein unbelastetes Aufwachsen der Sprösslinge assoziiert. Über den Einfluss der Natur auf die Entwicklung von Allergien ist man sich allerdings bislang noch nicht einig.

Dieser Frage wollten Elaine Fuertes vom Institut für Epidemiologie I am Helmholtz Zentrum München und Kollegen näherkommen. Sie nutzten dazu die Daten von zwei prospektiven Geburtskohorten mit insgesamt 5.803 Kindern (GINIplus und LISAplus). Die auf ihre Allergiehäufigkeit hin untersuchten Gebiete umfassten zwei verschiedene Regionen Deutschlands: München und Umgebung (GINI/LISA South, 3.306 Kinder) sowie ländliche Gegenden nahe des Ruhrgebietes (GINI/LISA North, 2.497 Kinder).

Vom dritten bis zum zehnten Lebensjahr wurden die Kinder jährlich auf Symptome einer allergischen Rhinitis hin untersucht. Eine allergische Augen- und Nasensymptomatik wurden mit vier, sechs und zehn Jahren und die Sensibilisierung mit Aeroallergenen im Alter von sechs und zehn Jahren überprüft. Als Maßstab für die Dichte an Wiesen, Wäldern und sonstigem grünen Bewuchs diente der Normalized Difference Vegetation Index (NDVI), der auf der Basis von Satellitenbildern festgelegt wurde.

Leben im Grünen: gesund im Norden, riskant im Süden?

Die Analyse der Allergiehäufigkeit in Gegenden mit vergleichbarer Begrünungsdichte ergab für Nord und Süd ein uneinheitliches Bild: Während Kinder, die in und um München aufwuchsen, überdurchschnittlich häufig von allergischer Rhinitis sowie allergischen Augen- und Nasensymptomen geplagt wurden (Odds Ratio OR 1,16 bzw. 1,15), zeigte sich in entsprechenden Gegenden in der Nähe des Ruhrgebietes die umgekehrte Assoziation. Hier schien es, als spende die grüne Umgebung in den ersten zehn Lebensjahren einen gewissen Schutz vor allergischer Rhinitis, Augen- und Nasensymptomen und der Sensibilisierung mit Aeroallergenen (OR 0,75 bzw. 0,71 bzw. 0,78).

Auch wenn Faktoren wie Bevölkerungsdichte, sozialökonomischer Status oder Luftverschmutzung mitberücksichtigt wurden, ließ sich dieser Widerspruch nicht auflösen.

Die Autoren spekulieren, dass die Art der Bepflanzung eine Rolle spielen könnte. Möglicherweise seien die vielen künstlich angelegten Grünflächen in der südlichen Region höher allergen. Zudem zeigten sich die stärksten Zusammenhänge in Regionen mit hoher Luftverschmutzung, was die These stützt, dass diese das allergene Potenzial der Pollen steigert. Die eher ländlichen Gegenden im Norden dagegen, so die Autoren weiter, schützen möglicherweise durch frühen und umfangreichen Allergenkontakt, was sich wiederum am stärksten in Arealen mit der geringsten Luftverschmutzung zeigt.

Der Frage, welchen Einfluss das Leben im Grünen auf die Allergieentwicklung hat, sind die Autoren leider keinen Schritt näher gekommen. Aber sie haben eine andere wichtige Erkenntnis gewonnen: Sämtliche Studien zu Grünflächen und Begrünungsdichte sollten mit äußerster Vorsicht interpretiert werden, wenn nur eine einzige Region untersucht wurde.

Originalpublikation: Fuertes E et al.: Greenness and allergies: evidence of differential associations in two areas in Germany; J Epidemiol Community Health 2014; online 26. Mai

springermedizin.de, Ärzte Woche 27/2014

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben