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Bei Erwachsenen dominieren Allergien auf Fisch und Meeresfrüchte; Kleinkinder sind häufig auf Hühnerei und Kuhmilch allergisch.
 
Allgemeinmedizin 22. Mai 2014

Die Gefahr aus dem Kochtopf

Wenn Essen krank macht.

Immer mehr Menschen bemerken, dass sie bestimmte Lebensmittel schlecht vertragen, und befürchten eine Nahrungsmittelallergie zu haben. Eine echte Allergie steckt jedoch in den wenigsten Fällen hinter den Beschwerden.

„17 Prozent der Menschen berichteten über nahrungsmittelbedingte Beschwerden. Tatsächlich konnte die Allergie in nur ein bis drei Prozent der Fälle bestätigt werden“, zitiert Prof. Dr. Anita Rieder, Leiterin des Instituts für Sozialmedizin und des Zentrums für Public Health der Medizinischen Universität Wien, eine Analyse von über 50 europäischen Studien (Nwaru et al.: Allergy 2013). Weitaus häufiger sind es Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder pollenassoziierte Kreuzreaktionen, die die Symptome verursachen. Die Abgrenzung und exakte Diagnose ist schwierig, aber äußerst wichtig, denn echte Nahrungsmittelallergien bergen die Gefahr eines allergischen Schocks.

Falsche Zwillinge

Allergien können leicht mit den deutlich häufigeren Intoleranzen gegen z.B. Histamin, Frucht- oder Milchzucker verwechselt werden. „Eine Intoleranz wird meist durch einen Enzymmangel verursacht, wodurch Nahrungsmittelbestandteile nicht abgebaut werden können. Sie sind zwar unangenehm, werden aber in der Regel nicht zu einer ernsten Bedrohung wie eine Allergie“, erklärt die Wiener Hautärztin Dr. Nadine Mothes-Luksch. „Bei einer Nahrungsmittelallergie hingegen kommt es zu einer Überreaktion des Immunsystems auf Eiweißmoleküle in Lebensmitteln – meist innerhalb von 30 Minuten nach dem Verzehr. Bereits kleinste Mengen reichen, um Reaktionen wie starken Juckreiz, Rötungen und Nesselausschlag am ganzen Körper, Übelkeit und Erbrechen, Bauchschmerzen und Durchfall auszulösen.“

Im Extremfall kommt es zu einem allergischen Schock. Dabei können innerhalb weniger Minuten aufgrund des plötzlichen Blutdruckabfalls lebenswichtige Organe wie Herz, Lunge und Gehirn nicht mehr ausreichend versorgt werden – der Kreislauf bricht zusammen. Ohne sofortige Notfallbehandlung kann der Allergieschock sogar zum Tod führen. Mothes-Luksch empfiehlt daher eindringlich: „Betroffene sollten immer Notfallmedikamente inklusive Adrenalin, das als handliche Autoinjektoren zur einfachen Selbstinjektion zur Verfügung steht, bei sich tragen.“

Hühnerei, Kuhmilch, Nüsse, Samen und Fisch

Bei den echten Nahrungsmittelallergien sind Allergien auf Hühnerei und Kuhmilch bei Kindern bis sechs Jahren am häufigsten. Bis zum Schulalter werden diese Nahrungsmittel meist wieder vertragen. Schulkinder reagieren vorwiegend auf Nüsse, Jugendliche und Erwachsene auf Samen, Fisch und Meeresfrüchte. Diese Allergien bleiben meist ein Leben lang bestehen.

Eine andere Form der allergischen Reaktion auf Lebensmittel ist die pollenassoziierte Kreuzallergie. Sie ist nur selten Auslöser dramatischer Überreaktionen des Körpers. Die Symptome sind meist lokal auf den Mund- und Kehlkopfbereich beschränkt. Beispielsweise verträgt rund die Hälfte der Birkenpollenallergiker auch kein frisches, rohes Obst (besonders Äpfel), Gemüse oder Nüsse. Der Grund: Die Eiweißstrukturen der Pollen sind denen der Nahrungsmittel so ähnlich, dass sie von den Abwehrkräften unseres Körpers verwechselt werden.

Intoleranz ist keine Allergie

Jeder dritte Österreicher klagt über eine Nahrungsmittelunverträglichkeit, die nicht immunologisch bedingt ist, sondern meist durch einen Enzymmangel verursacht wird. Fruktose-, Laktose- und Histaminunverträglichkeit sind am häufigsten. Allergieähnliche Reaktionen können aber auch durch Zusatzstoffe (Azofarbstoffe, Konservierungsstoffe, Farbstoffe), natürliche Lebensmittelinhaltsstoffe (Salicyl- und Benzoesäure und Aromastoffe) und Geschmacksverstärker ausgelöst werden.

Neue Diagnosemöglichkeiten

Am Beginn der Allergiediagnostik steht immer das ausführliche Gespräch, das Aufschluss über die genaue Krankengeschichte, Symptome, Lebensumstände und Ernährungsgewohnheiten des Patienten gibt. Hier kann ein Beschwerdetagebuch sehr hilfreich sein. Danach folgt meist ein Hauttest, bei dem Allergenextrakte oder das verdächtige Nahrungsmittel selbst oberflächlich in die Haut geritzt werden.

Der nächster Schritt ist ein Bluttest – bei Kindern startet man häufig gleich damit. Mit der Entwicklung der molekularen Allergiediagnostik wurden diese Tests in den letzten Jahren sehr genau. Es ist nun z.B. schon möglich, nicht nur der Allergieauslöser als Ganzes, sondern auch dessen einzelne Eiweißbestandteile zu identifizieren.

Passen nun Symptome und Testergebnis zusammen, kann eine Diagnose gestellt werden. Bei einer Typ-I-Allergie gegen ein Nahrungsmittel werden strikte Meidung, das Ausstellen eines Allergiepasses und die Verschreibung von Notfall-Medikamenten empfohlen. Bestehen noch Zweifel, schafft ein Provokationstest letzte Gewissheit. Dafür nimmt der Patient den vermeintlichen Allergie-Auslöser unter kontrollierten Bedingungen im spezialisierten Zentrum zu sich.

Mehr Sicherheit durch neue Lebensmittelkennzeichnung

Auch der Gesetzgeber reagiert auf das hohe Gefahrenpotenzial. Mit neuen Kennzeichnungsvorschriften von Lebensmitteln will er Allergiker noch besser schützen. Schon vor ein paar Jahren wurde die Kennzeichnungspflicht bestimmter Zutaten auf verpackten Lebensmitteln eingeführt. „Die 14 wichtigsten Produktgruppen, die für den Großteil aller Allergien verantwortlich sind, müssen auf verpackten Lebensmitteln angegeben sein“, informiert Doz. Dr. Ingrid Kiefer von der AGES, der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit GmbH.

Die neue EU-Vorschrift will nun die Zusammensetzung eines Lebensmittels für Konsumenten noch transparenter machen. Kiefer: „Sie besagt unter anderem, dass Stoffe, die Allergien auslösen können, besonders hervorgehoben werden müssen. Das gilt ab Dezember des heurigen Jahres auch für lose Waren, da bis dato ein Einkauf beispielsweise beim Bäcker für Allergiker nach wie vor schwierig war.“ In Begutachtung ist derzeit noch, wie Restaurants ihre Gäste über allergieauslösende Stoffe informieren müssen.

Neue Leitlinie

Die europäische Allergie-Fachgesellschaft EAACI (European Academy of Allergy and Clinical Immunology) hat sich in den letzten Jahren verstärkt des Themas Nahrungsmittel angenommen. Brandneu und topaktuell sind Guidelines, die für Ärzte und alle sonstigen Berufsgruppen, die zu diesem Thema arbeiten und Patienten betreuen, eine wertvolle Hilfestellung und Richtschnur in der täglichen Praxis darstellen werden: „Im Rahmen des EAACI-Kongresses im Juni wird diese erste Leitlinie für die Diagnose, das Management und die Vorbeugung von Nahrungsmittelallergien sowie Anaphylaxien präsentiert“, sagt Prof. Dr. Karin Hoffmann-Sommergruber vom Institut für Pathophysiologie und Allergieforschung der Medizinischen Universität Wien. „Die Empfehlungen stellen einen Konsens der führenden Experten in Europa dar und basieren auf einer Analyse aus 109 wissenschaftlichen Artikeln sowie 75 Studien – beinhalten also das derzeitige Wissen und Verständnis zu dieser komplexen Thematik.“

Aktuelle Empfehlungen

für Schwangere

  •  Das strikte Vermeiden potenzieller Allergie-Auslöser ist nicht nötig, um das ungeborene Kind zu schützen.
  • Fischöl hat möglicherweise das Potenzial, eine spätere Sensibilisierung des Kindes zu verhindern.
  • Probiotika: Hier ist die Datenlage zu gering, sodass eine Empfehlung für einen protektiven Effekt nicht ausgesprochen werden kann.

für Stillende

  • Eine spezielle Diät der Mutter hat keinen Einfluss auf das Allergie-Risiko des Kindes.
  • Für eine Empfehlung von Probiotika ist die Datenlage ebenfalls zu gering.
  • Fischöl hat zu diesem Zeitpunkt vermutlich keinen schützenden Effekt mehr.

für Babys

  • Babys mit hohem Risiko sollten in den ersten vier Lebensmonaten keine Kuhmilch bekommen – statt dessen ausschließliches Stillen oder Säuglingsmilchnahrung (keine Esels- oder Stutenmilch!).
  • Feste Nahrung kann ab dem vierten Lebensmonat schrittweise gegeben werden. Ein weiteres Hinauszögern von fester Nahrung hat keinen schützenden Effekt.
  • Lebensmittel mit erhöhtem Allergenrisiko (z.B. Fisch, Kuhmilch, Gluten) im ersten Jahr gänzlich zu vermeiden, gilt als überholt. Ebenfalls nach vier Monaten schrittweise zufüttern.
  • Nahrungsergänzungsmittel haben keinen schützenden Effekt.

Quelle: de Silva et al.: Allergy 2014; 69(5): 581–89

Quelle: Pressegespräch „Nahrungsmittel-Allergie: Gefahr aus dem Kochtopf“, Wien, 6. Mai 2014

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