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Allgemeinmedizin 29. Jänner 2014

Wenn die Pollen wieder fliegen

Die Saison wird länger – rechtzeitig handeln kann Belastungen vorbeugen.

Der bisher milde Winter und eine veränderte Flora in unseren Breiten haben zu einer Verlängerung der Pollenflugsaison geführt. Heuschnupfensymptome können bereits im Februar auftreten und bis in den späten Oktober andauern. Rasche Hilfe ist gefragt!

Schon im Februar fliegen einige Pollen wie Haselnuss und Erle wieder verstärkt, die Blühbereitschaft wurde vom österreichischen Pollenwarndienst für den Osten Österreichs mit dem 16. bis 18. Jänner angegeben. Bei anhaltend mildem Wetter können also speziell sensible Pollenallergiker schon die ersten Belastungen spüren. Zusätzlich können im Februar auch erste Pollen von Weide, Pappel, Birke, Esche und Ulme Allergikern bereits Probleme bereiten.

Tränende Augen, Juckreiz und Brennen sind typische Symptome der saisonalen allergischen Rhinitis und Konjunktivitis, genauso wie Niesanfälle, in deren Anschluss häufig dünnflüssiges Sekret aus der Nase fließt (Fließschnupfen). Sie setzen ein, wenn das Allergen, zum Beispiel Bestandteile von Pollen, mit der Bindehaut des Auges oder der Nasenschleimhaut in Kontakt kommt. Daher ist das Meiden der auslösenden Allergene die sicherste Methode zur Therapie. Das ist jedoch nicht immer möglich. Dann kommen Medikamente ins Spiel. Sie können die Beschwerden lindern und vielfach auch ihr Auftreten verhindern.

Über das Ziel hinaus

Typisch für eine Blüten- oder Gräserpollenallergie: Beim Erstkontakt mit dem Allergen wird der dafür Empfängliche (Prädisponierte) sensibilisiert, es bilden sich verstärkt Antikörper vom Typ IgE. Diese Immunglobuline besetzen bevorzugt die Oberflächen von Entzündungszellen, zum Beispiel von Mastzellen. Bei späteren Kontakten mit dem gleichen Allergen bindet dieses an die zellständigen IgE-Antikörper. Das ist der Startschuss für eine Reihe von Reaktionen, mit denen der Körper versucht, den vermeintlichen Eindringling unschädlich zu machen. Entzündungsmediatoren wie Histamin, Leukotriene und Prostaglandine werden bereits wenige Minuten nach dem Allergenkontakt ausgeschüttet (Sofortreaktion). Bis zur Freisetzung von Zytokinen können mehrere Stunden vergehen (verzögerte Sofortreaktion). Diese über das normale Maß der Immunabwehr hinausgehenden Reaktionen bewirken, dass sich die Blutgefäße weitstellen, die Schleimhäute durchlässiger werden für Plasma- und Gewebeflüssigkeit und die freien Nervenendigungen von Schmerzfasern des Trigeminusnervs gereizt werden. Rötung, Juckreiz, Niesattacken, Tränenfluss oder allergisches Asthma bronchiale sind einige der unangenehmen Folgen.

Medikamentöses

Mittels spezifischer Immuntherapie (Hyposensibilisierung) lässt sich die Ursache einer saisonalen allergischen Rhinitis und Konjunktivitis bekämpfen. Dabei wird der Arzt dem Allergiker das jeweilige Pollenallergen in allmählich steigender Dosierung zuführen. Das soll den Betroffenen unempfindlich gegen die Pollen machen. Je früher mit einer Hyposensibilisierung begonnen wird, desto größer sind die Aussichten auf Erfolg. In der Selbstmedikation werden zur Linderung der Symptome häufig H1-Antihistaminika als Tabletten, Augentropfen und/oder Nasensprays sowie Kortikoide in Form von Nasensprays eingesetzt. Als homöopathische Alternative gibt es für Heuschnupfengeplagte verschiedene Präparate in Form von Globuli, Tropfen und Tabletten.

H1-Antihistaminika

Histamin ist ein Abbauprodukt der Aminosäure Histidin. Es greift an vier verschiedenen Rezeptoren an, wobei der H1-Rezeptor im Zusammenhang mit IgE-vermittelten Überempfindlichkeitsreaktionen wie dem Heuschnupfen die größte Rolle spielt. H1-Rezeptoren befinden sich zum Beispiel an Schleimhautzellen, Blutgefäßen und der Bronchialmuskulatur. Werden diese durch Histamin stimuliert, setzen die oben genannten Prozesse ein. H1-Histaminika verdrängen Histamin vom Rezeptor und heben dadurch dessen Wirkung auf. Heute kommen hauptsächlich H1-Antihistaminika wie Azelastin, Cetirizin, Dimetinden, Levocabastin und Loratadin in der Selbstmedikation von Heuschnupfen zum Einsatz. Einige Azelastinpräparate sind verschreibungspflichtig.

In aller Regel genügt die lokale oder orale Anwendung von H1-Antihistaminika. Für schwere Fälle, zum Beispiel den allergisch bedingten Schock, stehen auch injizierbare Darreichungsformen zur Verfügung. Prinzipiell können H1-Antihistaminika sowohl bedarfsorientiert bei Auftreten der Beschwerden als auch prophylaktisch eingesetzt werden. Empfehlenswert ist jedoch die kontinuierliche Anwendung/Einnahme bis zum Ende des Pollenflugs.

Kortikoide

Sie hemmen lokal Entzündungen und verringern so Schwellungen der Schleimhaut. Gleichzeitig dämpfen sie die Immunreaktion. Die meisten topischen Kortikoide, wie Budesonid, Flunisolid oder Triamcinolonacetonid, sind rezeptpflichtig. Bis zum Wirkeintritt kann es ein paar Tage dauern, sodass zunächst eventuell die Kombination mit einem alpha-Sympathomimetikum (z. B. Oxymetazolin, Xylometazolin) sinnvoll ist.

Cromone

Die beiden apothekenpflichtigen Substanzen Cromoglicinsäure und Nedocromil verhindern die übermäßige Ausschüttung von Histamin, indem sie die Membran der Mastzellen stabilisieren. Dazu benötigen sie ein paar Tage bis zu zwei Wochen Vorlauf und müssen unbedingt regelmäßig eingenommen werden.

Arzneimittel besonderer Therapierichtungen

Es gibt homöopathische Einzel- und Kombinationspräparate, die Heuschnupfengeplagten helfen können. Sie haben Inhaltsstoffe wie Adhatoda vasica oder Luffa operculata. Entscheidend für die Auswahl sind die Symptome, die im Mittelpunkt der Beschwerden stehen. Adhatoda vasica soll zum Beispiel bevorzugt wirken gegen Fließschnupfen, Tränenfluss und brennende Augen, Luffa operculata bei zähem Sekret und erschwerter Nasenatmung. Das Phytotherapeutikum Astragalus membranaceus (Traganthwurzel) reguliert das Immunsystem und lässt Allergiesymptome wie rote, tränende Augen, Juckreiz und Rötung der Nase, trockenen Reizhusten und erschwerte Atmung gar nicht erst entstehen. Linderung versprechen Schüßler-Salze wie Nr. 8 Natrium chloratum. Augentrost (Euphrasia officinalis) lindert Beschwerden bei gereizten Augenschleimhäuten.

Beratung ist wichtig

Nehmen Sie sich vor der Abgabe „irgendeines“ Antiallergikums ein paar Minuten Zeit, den Kunden genau zu seinen Beschwerden zu befragen. So können Sie besser entscheiden, ob Sie antiallergische Augentropfen, Nasentropfen, eine Kombipackung Augen-/Nasenspray, Tabletten oder zusätzlich, zum Beispiel bei stark ausgeprägtem Symptom „verstopfte Nase“, noch ein Spray empfehlen.

Liegt eine stark ausgeprägte Bindehautentzündung vor oder ergibt sich der Verdacht auf eine Infektion am Auge, ist ärztlicher Rat angesagt. Das gilt genauso für einen Verdacht auf Asthma bronchiale oder allergische Reaktionen, die den ganzen Körper betreffen.

Zusatztipps: Therapiebegleitend sollten von Heuschupfen Geplagte regelmäßig zur Nacht hin die Nase mit einer isotonen Salzlösung spülen. Künstliche Tränenflüssigkeit lindert Augenbeschwerden. Ein kühlendes Augengel lässt die Augenlider abschwellen. Für Heuschnupfengeplagte, die stark unter dem Symptom „verstopfte Nase“ leiden, ist die orale Einnahme von Calcium eine Option. Untersuchungen zeigen, dass der Mineralstoff die Nasenschleimhaut abschwellen lässt. Vermutet wird, dass er der gefäßerweiternden Wirkung des Histamins entgegenwirkt.

Leichter leben mit der Allergie

Wer unter einer Pollenallergie leidet, sollte abends duschen und sich die Haare waschen. Die Straßenkleidung sollte immer außerhalb des Schlafzimmers abgelegt werden. Staubsauger mit einem speziellen Filtersystem halten Feinstaub und allergene Partikel zurück. In ländlichen Gebieten ist die Pollenkonzentration in den Morgenstunden am höchsten. Daher sollte hier lieber in den Abendstunden gelüftet werden. Stadtbewohner sollten das genau umgekehrt praktizieren. Wer seinen Urlaub frei planen kann, fährt am besten dann in eine pollenarme Region (z. B. Insel, Meer, Hochgebirge), wenn in der Heimat der Pollenflug am stärksten ist. Beim Autofahren sollten die Fenster geschlossen bleiben, regelmäßig auszuwechselnde Pollenfilter für die Lüftungsanlage sind empfehlenswert.

Pollen und Lebensmittel

Mehr als die Hälfte der Pollenallergiker reagiert auch auf den Verzehr von bestimmten Lebensmitteln mit Kribbeln, Juckreiz und/oder Schwellungen der Mund- und Rachenschleimhäute. Wer zum Beispiel auf Frühblüher wie Birke, Erle und Hasel allergisch ist, verträgt oftmals keine Haselnüsse, Mandeln und/oder frisches Stein- und Kernobst. Auch das Schälen von Kartoffeln und Karotten kann die Symptome hervorrufen. Gräserpollenallergiker sollten zum Beispiel vorsichtig sein mit Sellerie, Soja und Erdnuss. Die pollenassoziierte Lebensmittelallergie, auch Kreuzallergie genannt, kommt dadurch zustande, dass die allergieauslösenden Bestandteile der Pollen und der Lebensmittel eine ähnliche Proteinstruktur besitzen. Es handelt sich daher bei der Kreuzallergie nicht um eine neue Allergie, sondern um eine weitere überschießende Reaktion des Immunsystems auf ein bereits bekanntes Allergen

Quelle: springer-gup.de, Apotheker Plus 1/2014

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