zur Navigation zum Inhalt
 

Molekulare Allergiediagnostik bei Kindern

Gespräch mit Prof. Dr. Eva-Maria Varga, Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde Graz, Klinische Abteilung für Pädiatrische Pulmologie und Allergologie.

Welche Methoden der Allergie­diagnostik stehen uns in der Pädiatrie heute zur Verfügung?

Varga: Der Verdacht auf eine Allergie ergibt sich meist aus dem ausführlichen Anamnesegespräch und kann durch eine dem Alter des Kindes entsprechende Allergiediagnostik bestätigt oder ausgeschlossen werden. Dabei wird bei Säuglingen und Kleinkindern bevorzugt eine Messung der spezifischen Allergieantikörper aus dem Blut durchgeführt, während bei älteren Kindern vorwiegend der Haut- Pricktest eingesetzt wird. In jenen seltenen Fällen, in denen diese Testverfahren trotz berechtigten Verdachts auf eine Allergie, negativ sind, können Provokationstests (nasale, bronchiale oder orale) zur Diagnosestellung herangezogen werden.

Was verstehen wir unter „Molekularer Allergiediagnostik“, und ist sie bei Kindern anwendbar?

Varga: Während die gängigen Labortestverfahren zum Nachweis allergen-spezifischer IgE- Antikörper (RAST, ImmunoCAP) mit Allergenextrakten aus natürlichen Allergenquellen (z.B. Pflanzenpollen, Insektengiften) durchgeführt werden – also einer Mischung aus Proteinen, die nicht alle im gleichen Maß für die Allergie  relevant sind – werden bei der molekularen Allergiediagnostik nur jene Proteine, so genannte Allergenkomponenten, verwendet, die für die jeweilige IgE-Antwort ausschlaggebend sind. Dies ermöglicht eine verbesserte Aussagekraft des Testergebnisses im Hinblick auf die klinische Relevanz. Bei Kindern kann die molekulare Allergiediagnostik, in Abhängigkeit von der Beschwerde-symptomatik, durch die Abnahme einer kleinen Blutmenge weitest­gehend schmerzfrei und in jedem ­Lebensalter, zum Einsatz kommen.

Welche Ergebnisse bringt die ­Molekulare Allergiediagnostik?

Varga: Die molekulare Allergiediagnostik ermöglicht es, zwischen einer für das Kind oder den Jugendlichen relevanten Allergie oder einer so genannten Kreuzallergie zu unterscheiden, die meist harmlos ist. Beispielsweise erlaubt die molekulare Allergiediagnostik bei ­Insektengiftallergikern, zwischen einer echten Monosensibilisierung gegen Biene oder Wespe, oder einer kreuzreaktiven IgE-Antwort gegen jene ­Insektengiftallergene, die sowohl im Bienen- als auch im Wespengift vorkommen, zu unterscheiden.

Was bringt sie im Hinblick auf die spezifische Therapieentscheidung?

Varga: Wenn wir beim Beispiel Insektengiftallergie bleiben wollen, kann bei einer nachgewiesenen Allergensensibilisierung gegen Api m 1, das Hauptallergen der Biene, und fehlendem Nachweis einer Sensibilisierung gegen die Wespengiftkomponenten (Ves v 5, Ves v 1) davon ausgegangen werden, dass eine Spezifische Immuntherapie mit Bienengift der richtige Therapieschritt bei jenen Kindern ist, deren ursprüngliche anaphylaktische Stichreaktion keinem spezifischen Insekt zugeordnet werden konnte.
Auch kann beim Verdacht auf eine  Nahrungsmittelallergie gegen Nüsse, durch die molekulare Allergiediagnostik festgestellt werden, ob eine potentiell gefährliche Nussallergie mit einem erhöhten Risiko einer Anaphylaxie vorliegt,  oder ob es sich nur um eine Baumpollenassoziierte Allergensensibilisierung gegen Nüsse handelt, die klinisch als orales Allergiesyndrom zwar unangenehm ist, aber den Verzehr von Nüssen nicht gänzlich verbietet.

Würden Sie uns bitte folgende Termini erklären: Allergen-Chiptest, Immuno Solid-Phase Allergen Chip (ISAC). Was verstehen wir darunter, und wo finden diese Verfahren Anwendung?

Varga: Mittels Biochip Technologie ist es möglich geworden, Allergietestergebnisse von mehr als 100 Allergenkomponenten aus 30 µl Serum zu erhalten. Im Immuno Solid-Phase 
Allergen Chip (ISAC) werden spezies-spezifische Marker, die als Auslöser für die meisten Inhalations-, Nahrungsmittel- und Insektengiftallergien verantwortlich sind, aber auch kreuzallergene Marker auf dem Biochip, der einem Objektträger gleicht, immobilisiert. Allergieantikörper im Serum der Patienten binden an die aufgebrachten Allergenkomponenten am Chip. Die durch fluoreszierende Antikörper markierte Allergen-Antikörper Bindung wird mittels eines Laser-Scanners ausgewertet und liefert ein semi-quantitatives Testergebnis in ISAC Units (ISU).
In Österreich wird dieser in vitro ­Allergietest vorwiegend an Kliniken und Allergiezentren angewandt.
Die Interpretation der gewonnenen Testergebnisse setzt profunde allergologische Kenntnisse voraus, die durch eine, seit kurzem zum Test erhältliche, Interpretationshilfe nicht ersetzt, ­bestenfalls, ergänzt werden kann.
Besonders geeignet erscheint der ISAC als Allergiesuchtest nach schweren allergischen Reaktionen und unbekanntem Auslöser.
Weiters erlaubt er, wie schon erwähnt, durch Nachweis einer Spezies-spezifischen Allergensensibilisierung eine bessere Charakterisierung jener allergischen Patienten, die besonders nachhaltig von einer Spezifischen Immuntherapie profitieren können.
Im Hinblick auf den potentiell asthmapräventiven Effekt der Spezifischen Immuntherapie bei Kindern mit Heuschnupfen, kommt dieses innovative Tool in der Allergiediagnostik daher sehr gelegen.

Das Gespräch führte Dr. Renate Höhl.

Univ.-Prof. Dr. Eva-Maria Varga, Pädiatrie & Pädologie 2/2013

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben