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Bei Kindern konnte europaweit eine Verdopplung von Nahrungsmittelallergien festgestellt werden.
 
Immunologie 25. April 2013

Nahrungsmittel-Unverträglichkeit

Ein Problem in vieler Munde.

Die Bevölkerung achtet zwar zunehmend auf die Ernährung, dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – leiden viele Menschen an einer Unverträglichkeit gegen bestimmte Lebensmittel. Dazu werden Reaktionen auf Nahrungsmittel häufig falsch interpretiert oder fehl diagnostiziert. Besonders bei Kindern sind Nahrungsmittelallergien ein zunehmendes und ernstes Problem.

Gesunde Ernährung wurde in den letzten Jahren und aktuell aufgrund der gehäuften Lebensmittelskandale zu einem viel diskutierten Thema. Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten sind offenbar ein Preis unseres Lebensstils: „Die heutige erwachsene Bevölkerung achtet vermehrt auf die Ernährung und stellt deshalb fest, dass gewisse Lebensmittel schlechter vertragen werden. Dazu kommt, dass wir Zugang zu – durchwegs gesunden – Nahrungsmitteln wie exotische Früchte oder Sojaprodukte bekommen haben, die unserem Körper allerdings fremd sind. Auf der anderen Seite reagieren wir auf Lebensmittelzusatzstoffe wie Emulgatoren, Farb- und Konservierungsstoffe“, erklärt Prof. Dr. Reinhart Jarisch, Leiter des Komitees für klinische Allergologie der Österreichischen Gesellschaft für Allergologie und Immunologie (ÖGAI). „Abgesehen davon gibt es seit einigen Jahren eine deutlich verbesserte Diagnostik – und wenn man besser suchen kann, findet man auch mehr.“

Bei Kindern konnte europaweit jedoch tatsächlich eine Verdopplung an Nahrungsmittelallergien festgestellt werden und die Zahl an Kindern, die mit lebensbedrohlichen allergischen Reaktionen in Notaufnahmen eingeliefert wurden, hat sich sogar versiebenfacht (Food Allergy & Anaphylaxis Public Declaration, EAACI).

Allergie oder „nur“ Intoleranz?

„Grundsätzlich muss zwischen Allergien und Intoleranzen unterschieden werden“, betont Doz. Mag. Dr. Stefan Wöhrl, ebenfalls ÖGAI-Vorstandsmitglied. „Bei der Allergie wird das Immunsystem aktiv und richtet sich gegen ein bestimmtes Eiweißmolekül in einem Nahrungsmittel. Eine Intoleranz ist nicht durch das Immunsystem, sondern durch einen genetisch bedingten Enzymmangel verursacht.“

Diese Unterscheidung ist deshalb wesentlich, da eine Allergie lebensbedrohliche Ausmaße annehmen kann, eine Intoleranz hingegen nie derartig schwerwiegende Folgen hat. Die Anzeichen sind allerdings ähnlich und können deshalb leicht fehlinterpretiert werden. „Zahlen aus Amerika zeigen, dass etwa 13 Prozent der Bevölkerung glauben, eine Nahrungsmittelallergie zu haben. Durch Tests lassen sich nur drei Prozent bestätigen.“ Als Faustregel gilt: Lebensmittelallergien sind bei Kindern häufiger, Unverträglichkeiten eher bei Erwachsenen.

Allergie ist nicht gleich Allergie

Doch auch bei Allergien gibt es Unterschiede: „Es gibt echte Allergien auf ein bestimmtes Nahrungsmittel und die viel häufigeren und bei weitem harmloseren Lebensmittelallergien als Folge einer Pollenallergie“, betont Wöhrl. „Von der echten Nahrungsmittelallergie sind vor allem Kleinkinder bis zum Eintritt ins Schulalter betroffen. Dabei beträgt die Wahrscheinlichkeit, eine Allergie auf Milch, Ei, Weizen oder Soja bis zum Eintritt ins Schulalter zu verlieren, über 70 Prozent. Die zweite Gruppe echter Nahrungsmittelallergien, die sehr schwere Reaktionen hervorrufen kann, sind zum einen Nüsse und zum anderen Fisch und Meeresfrüchte. Hier ist die Wahrscheinlichkeit gering, aus diesen Allergien herauszuwachsen.“

Warnzeichen kennen …

Die schwerste Form der allergischen Reaktion ist die Anaphylaxie, die innerhalb weniger Minuten zum Kreislaufschock führen kann. Sie beginnt an der Haut mit Juckreiz und brennenden roten Flecken, gefolgt von Schwellungen in Gesicht und Hals, Übelkeit und Brechdurchfall bis hin zur Atemnot und dem lebensbedrohlichen Versagen des Herz-Kreislaufsystems. „Nahrungsmittelallergien sind dann gefährlich, wenn sie nicht vorhersehbar sind“, so Wöhrl. Um sich entsprechend wappnen zu können, müssen Betroffene ihre Allergie, deren Auslöser und erste Warnzeichen deshalb genau kennen. Bereits bei ersten allergischen Symptomen oder nach milden Zwischenfällen ist es ganz wesentlich, umgehend einen allergologisch versierten Arzt aufzusuchen.

… und fachärztlich abklären

„Für Nahrungsmittelallergien gibt es sehr gute Testverfahren. Diese bestehen einerseits aus dem Gespräch mit dem Patienten und andererseits aus Hauttests, die durch Blutbefunde, die IgE-Antikörper nachweisen, unterstützt werden können“, erklärt Wöhrl. Häufig werden auch Labortests angeboten, die IgG- oder IgG4-Antikörper im Blut bestimmen. Aufgrund der irreführenden Interpretation der Testergebnisse lehnt Wöhrl diese Form der Diagnose ab: „Die Bildung von IgG-Antikörpern ist eine normale und gesunde Reaktion und bedeutet, dass ein Patient dieses Nahrungsmittel schon einmal gegessen hat. Darum gibt es viele Stellungnahmen nationaler und internationaler Organisationen, dass diese Tests nicht durchgeführt werden sollen.“

Österreich ist anders

„Mit Diagnoseverfahren, die nicht die Allergie-Auslöser als Ganzes, sondern nur die relevanten Moleküle des Allergens nachweisen, haben wir neue Möglichkeiten, Hochrisikopatienten von Patienten mit harmlosen Sensibilisierungen besser unterscheiden zu können.“ Solche Hochrisikomarker sind zum Beispiel Lipid Transfer Proteine (LTP). Diese Patienten leiden unter besonders schweren Symptomen. LTPs sind zudem sehr widerstandsfähig gegenüber Hitze und Säure und lassen sich durch normale Maßnahmen bei der Zubereitung von Speisen nicht zerstören.

„In einer aktuellen, noch laufenden Studie haben wir festgestellt, dass die LTP-Sensibilisierungen in Österreich deutlich komplexer als in Südeuropa sein dürften“, zeigt Wöhrl regionale Unterschiede auf. „Wir haben mindestens fünf Gruppen von relevanten Auslösern festgestellt: Steinobst, Nüsse, Beeren/Trauben, Gurken/Spargel/Zucchini sowie Karotte/Salat/Gewürze.“

Die Empfehlung des Allergie-Experten: „Da bei so einem komplexen Muster eine konsequente Vermeidung der Auslöser nicht hundertprozentig erfolgreich sein kann und das Ausmaß der allergischen Reaktion nicht vorhersehbar ist, müssen sie mit Notfallsets bestehend aus Antihistaminikum, Kortison und Adrenalin-Autoinjektoren versorgt werden.“

Adrenalin ist das Mittel der Wahl im allergischen Notfall

Da es noch keine Möglichkeiten der Behandlung gibt, können sich Betroffene nur durch die Allergenvermeidung schützen. Zusätzlich sollen Nahrungsmittelallergiker mit einer Notfallausrüstung ausgestattet werden, die zumindest aus einem Kortisonpräparat und einem Antihistaminikum besteht. Diese Medikamente wirken entzündungshemmend und abschwellend, sind aber nicht ausreichend, eine schwere allergische Reaktion ordentlich zu bekämpfen. Es ist deshalb zusätzlich Adrenalin notwendig, das als Autoinjektor (ähnlich dem eines Diabetikers) zur Verfügung steht. Es stabilisiert in Minutenschnelle den Kreislauf, verbessert die Atmung und dämpft die allergische Reaktion.

Nahrungsmittel-Intoleranz: Jeder Zehnte betroffen

„Anders als bei einer Allergie kommt es bei Intoleranzen erst bis zu zwei Stunden nach dem Kontakt zu einer Reaktion, die zusätzlich auch dosisabhängig ist“, erklärt Reinhart Jarisch. „Die häufigste Form ist die Fruchtzucker-Unverträglichkeit, die im Grunde das Resultat einer gesunden, obstreichen Ernährung ist.“ Die Beschwerden sind vielfältig: Blähungen, Durchfälle, eventuell auch Verstopfungen, typischerweise Heißhunger auf Süßes und fallweise depressive Verstimmungen. Jarisch dazu: „Ich bin der Meinung, dass viele Personen, die Antidepressiva verschrieben bekommen, einfach unter einer Fruchtzucker-Unverträglichkeit leiden.“

An zweiter Stelle steht die Unverträglichkeit gegen Histamin, das im Grunde in jedem Nahrungsmittel enthalten ist. 80 Prozent der Betroffenen sind Frauen über 40 Jahre, was den Verdacht nahelegt, dass Veränderungen im Hormonhaushalt eine Rolle spielen. An dritter Stelle der Nahrungsmittel-Intoleranzen steht die Milchzucker-Unverträglichkeit.

Die Behandlung der Intoleranzen beschränkt sich im Wesentlichen auf die Diät, bei der unverträgliche Speisen bzw. Inhaltsstoffe vermieden werden.

Quelle:

Presseinformation der ÖGAI zur Welt Allergie Woche 8. – 14. April 2013

www.oegai.org

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