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Foto: Getty Images
Bei Kindern mit atopischem Ekzem können auch verhaltensmedizinische Interventionen für Linderung sorgen, was Entzündung, Juckreiz und Kratzen betrifft.
 
Dermatologie 27. April 2012

Atopie bei Kindern in Schach halten

Juckreizlinderung ist ein wichtiges Behandlungsprinzip bei Neurodermitis.

Die keimarme Lebensweise der urbanen Gesellschaft hat ihre Schattenseiten. Die Zunahme von Allergien gehört dazu. Sinnvoll bei Kindern mit erhöhtem Allergierisiko ist ein multimoda-ler Ansatz, der Pharmakotherapie und Phytotherapie mit physikalischen und verhaltensmedizinischen Ansätzen kombiniert. Ärzte warnen zudem vor dem florierenden Markt zweifelhafter „Therapien“.

Die Prävalenz von Allergien hat in Europa seit den 1960er-Jahren stetig zugenommen. Wie PD Dr. Andreas Schapowal, HNO-Arzt im schweizerischen Landquart, berichtet, treten im frühen Kindesalter überwiegend passagere Nahrungsmittelallergien und atopische Dermatitis in Erscheinung, bei Schulkindern und Jugendliche dominieren allergische Rhinitis und Asthma bronchiale.

Die Ursachen der Allergiezunahme, die mittlerweile 20 Prozent der Bevölkerung betreffen, seien, so Schapowal, noch weitgehend ungeklärt. Es gäbe aber immer mehr Hinweise darauf, dass die Abnahme von Infektionskrankheiten, das Leben in immer kleineren Familien, ein zunehmend steriler Lebensraum und die häufigere Anwendung von Antibiotika dazu beitragen, diese Erkrankung zu entwickeln.

Man wisse, dass Kinder, die auf einem Bauernhof aufwachsen, auf endotoxinreichen Matratzen schlafen, mit vielen Geschwistern und Haustieren zusammenleben und deren Mütter nicht rauchen, weniger zu Allergien neigen als andere. „Wurminfektionen hingegen erhöhen das Asthmarisiko“, ergänzt Dr. Ulrich Enzel, Pädiater in Schwaigern, Württemberg. Entscheidend für den Aufbau des natürlichen Allergieschut-zes seien, so Enzel, bereits die ersten Lebenstage. Unmittelbar nach dem Abstillen ließen sich die entscheidenden Unterschiede in der Zahl der T-Killerzellen nachweisen; diese Unterschiede blieben dann lebenslang bestehen.

Zur Prophylaxe von obstruktiver Bronchitis und Infektasthma tra- gen, so Prof. Dr. Walter Dorsch, Pädiater in München, Impfungen gegen Pneumokokken und HIB bei sowie Kneippsches Immuntraining und eine frühzeitige gezielte Pharmakotherapie. Phytotherapeutisch hätten sich beispielsweise zur Behandlung mäßig obstruktiver Bronchitiden Fertigpräparate mit Efeu und Thymian bewährt, gegebenenfalls auch in Kombination mit synthetischen Betamimetika.

Für Asthmatiker seien unter anderem Atemtherapie, Akupunktur, Entspannungsverfahren, Kneippanwendungen, Physio- und Psychotherapie hilfreich. Auch angepasste Ernährung könne unterstützend wirken; vor einer Diätetik nach unseriöser „Allergiediagnostik“ wie etwa IgG-Messungen, Bioresonanz oder Pendeln sei jedoch entschieden zu warnen.

Hau(p)tproblem Compliance

Zu den komplementär-alternativmedizinischen Verfahren, für die es bislang Wirksamkeitsbelege in der Behandlung atopischer Hauterkrankungen gäbe, zählt PD Dr. Staubach-Renz, Universitäts-Hautklinik Mainz, unter anderem die Akupunktur. In Doppelblindstudien konnte damit der Juckreiz bei atopischen Ekzempatienten so gut wie mit Antihistaminika und besser als unter Placebo gelindert werden. Juckreizlinderung sei, so Staubach-Renz, ein wichtiges Behandlungsprinzip bei dieser Erkrankung, die durch einen Teufelskreis aus Entzündung, Juckreiz und Kratzen gekennzeichnet sei. Hier setzten auch verhaltensmedizinische Interventionen an, beispielsweise indem man die betroffenen Kinder dazu anleite, sich Kratzalternativen anzugewöhnen wie etwa Eincremen oder Entspannungsübungen.

Neurodermitispatienten schulen

Der Stellenwert von Schulungen werde dadurch unterstrichen, dass Therapieversagen bei atopischer Dermatitis meistens auf Complianceprobleme – etwa bei der topischen Therapie und Prophylaxe – zurückzuführen sei. Die Arbeitsgemeinschaft Neurodermitisschulung (www.neurodermitisschulung.de) empfiehlt bei Kindern unter acht Jahren Elternschulungen, bei Kindern von acht bis zwölf Kind-Elternschulungen und ab 13 Jahren werden Jugendli-che in eigenen Kursen geschult.

Phytotherapeutisch haben sich Staubach-Renz zufolge eine Reihe von Lokaltherapeutika in kontrollierten Studien als wirksam erwiesen, darunter Mahonia aquifolium, Johanniskraut, Süßholzextrakt und das aus Birkenkork gewonnene Betulin.

„Probiotika? Sparen Sie sich das Geld!“

Die natürliche probiotische Prophylaxe im Säuglingsalter ist Muttermilch. Sie stabilisiere, so Enzel, die Bifidusflora im kindlichen Darm und senke dadurch das Risiko für Allergien, sogar bei Kindern mit familiärer Belastung. Die randomisierten Studien, die bisher zur Allergieprophylaxe mit unterschiedlichen probiotischen Präparaten durchgeführt wurden, hätten dagegen widersprüchliche Ergebnisse gezeigt.

Enzel rät dringend davon ab, Probiotika in solchen wissenschaftlich ungesicherten Indikationsbereichen einzusetzen. „Sparen Sie sich das Geld!“, legt er den Eltern seiner kleinen Patienten ans Herz.

 

Quelle: Symposien „Naturheilverfahren in der Kinder- und Jugendmedizin“, 122. Kongress des Zentralverbandes der Ärzte für Naturheilverfahren und Regulationsmedizin, 25. März 2012, Freudenstadt, Deutschland.

Springermedizin.de
, Ärzte Woche 17 /2012

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