zur Navigation zum Inhalt
Foto: Sergiy Bykhunenko / photos.com
Falls die Patienten sich nicht vom Tier trennen können, sollte die Katze zumindest vom Schlafzimmer und vom Wohnbereich ferngehalten werden.
Foto: privat

PD Dr. Oliver Pfaar
Wissenschaftlicher Leiter am Zentrum für Rhinologie und Allergologie, Wiesbaden, Deutschland

 
Allgemeinmedizin 24. Februar 2012

Klare Konzepte bei Katzenallergie gesucht

Etwa fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung sind sensibilisiert auf Katzenallergene.

Eigenwillig und unzuverlässig soll sie sein, die Katze. Diese Attribute lassen sich auch auf die Prävention und Therapie von Katzenallergien übertragen, denn die Datenlage ist seit Jahren uneinheitlich und unübersichtlich. Springer Medizin bat Dr. Oliver Pfaar, Wiesbaden, um ein Update.

 

Herr Dr. Pfaar, welche therapeutischen Maßnahmen sind bei Katzenallergie angezeigt?

Pfaar: Die beste und sicherste Erstmaßnahme ist natürlich die Expositionsvermeidung. Die Entfernung der Katze aus dem Haushalt ist sicherlich eine suffiziente Maßnahme, sofern diese realisiert werden kann. Aber auch andere Maßnahmen zur Allergen-Expositionsminderung wie häufiges Wischen der Wohnung, Lüften und regelmäßiges Waschen der Kleidung – die Kleidung ist ein Haupttransportvektor von Fel d 1! – sind sinnvoll.

In diesem Zusammenhang ist aber auch zu betonen, dass derzeit in Deutschland in rund 16 Prozent der Haushalte Katzen gehalten werden, dementsprechend die Katzenallergene großflächig verteilt werden und eigentlich ubiquitär vorkommen, etwa in Schulen, Büros, dem öffentlichen Nahverkehr, Restaurants etc. Daher ist es besonders wichtig, dass die Patienten auch pharmako-medikamentös optimal eingestellt werden. Und natürlich stellt die allergenspezifische Immuntherapie eine wichtige, zentrale – weil „kausale“ – Therapieoption bei unseren Patienten mit einer manifesten Katzenallergie dar.

 

Wie häufig sind denn eigentlich Katzenallergien?

Pfaar: Etwa fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung sind allergisch sensibilisiert auf Katzenallergene. In einer in Deutschland durchgeführten, großen prospektiven Studie um Prof. Schäfer, Lübeck, mit 1.207 Kindern fand sich bei 7,9 Prozent eine solche Sensibilisierung. Interessanterweise war die Sensibilisierung auf Katzenallergene assoziiert mit einem signifikant höheren Risiko für ein allergisches Asthma in den nächsten Jahren. So bildete sich bei 22 Prozent der Studienteilnehmer, bei denen im Alter von elf Jahren eine allergische Sensibilisierung auf Katzenallergene vorgelegen hatte, binnen neun Jahren ein Asthma und bei 47 Prozent eine allergische Rhinokonjunktivitis aus. Auch in schwedischen Kohortenstudien mit mehr als 2.000 Kindern fanden sich ähnliche Ergebnisse.

 

Gibt es Kreuzallergien zur Katze?

Pfaar: Ja, es gibt beispielsweise eine allergische Kreuzreaktivität zwischen dem Serumalbumin Fel d 2 der Katze und dem Hundeallergen Can f 3. Kürzlich konnte auch ein Fel-d-1-ähnliches Allergen in Hundeschuppenextrakten verschiedener Hunderassen detektiert werden.

Was bedeutet dies praktisch für die Betroffenen? Lieber keinen Hund anschaffen?

Pfaar: Diese Ergebnisse der oben genannten In-vitro-Untersuchungen stimmen mit unserer täglichen Erfahrung überein, dass häufig eine gewisse Assoziation zwischen einer Hunde- und einer Katzenallergie besteht. Die generelle Empfehlung, sich bei einer Katzenallergie einfach einen Hund anzuschaffen, kann daher nicht gegeben werden. Allerdings kann das Serum der Patienten auf Hundeallergen-spezifisches IgE gescreent werden, und es können durch den Reibtest mit Nativmaterial des jeweiligen Hundes weitere Schlüsse bezüglich einer möglichen klinisch relevanten Sensibilisierung gezogen werden.

 

Wie hoch ist die Erfolgsquote der SIT bei der Katzenallergie?

Pfaar: Aus der täglichen Praxis wissen wir, dass diese Therapie auch bei Katzenallergikern wirksam ist und zur Anwendung kommen sollte, sofern sie fachgerecht in einer allergologischen Schwerpunktpraxis durchgeführt wird. Dies gilt insbesondere, weil Patienten mit Asthma bronchiale Risikokandidaten für systemische Reaktionen in Form von schweren Asthmaanfällen darstellen können! Die Wirksamkeit ist allerdings nicht so hoch wie beispielsweise bei der Hyposensibilisierung mit Pollenextrakten, sodass den Patienten weiterhin eine suffiziente Expositionsprophylaxe anzuraten sowie bei ihnen eine individuelle Pharmakotherapie anzuwenden ist.

Zur Evidenz aus Studien: Generell ist die Wirksamkeit der SIT bei Tierepithelallergien bislang nur in wenigen klinischen Studien mit Katzenallergenextrakten untersucht worden, für andere Tierallergenextrakte wie Hunde- oder Pferdehaarextrakte existieren bislang nur vereinzelt Fallberichte. Auch die acht publizierten plazebokontrollierten, doppelblinden Studien mit Katzenallergenextrakten weisen teilweise nur eine geringe Fallzahl sowie divergente Studiendesigns auf. Auch wurden sehr heterogene Allergendosen angewendet und es fehlen Daten über Langzeitbehandlungen und Langzeitbeobachtungen dieser Therapie. Daher wird es in Zukunft elementar wichtig sein, den Einsatz der SIT auch bei Katzenallergikern in großen, multizentrischen EMA-konformen Studien nach aktuellen methodischen Standards zu untersuchen.

 

Immer wieder ist im Zusammenhang mit der Hygienehypothese zu hören, der frühe Kontakt mit Tieren senke das Allergierisiko von Kindern. Funktioniert das bei Katzen?

Pfaar: Ob und wie die Katzenallergenexposition in früher Kindheit sich auf die Sensibilisierung im weiteren Verlauf des Lebens auswirkt, ist Gegenstand teilweise sehr kontroverser Diskussionen. Ergebnisse der amerikanischen Arbeitsgruppe um Platts-Mills ließen darauf schließen, dass eine hohe Exposition von Kindern gegenüber Katzenallergenen in den ersten Lebensjahren eher einen präventiven Effekt bezüglich einer allergischen Sensibilisierung aufweist, wogegen z. B. in der deutschen „Multicenter Allergy Study“ um Prof. Dr. Susanne Lau in Berlin eine gewisse Korrelation zwischen einem Katzenallergenkontakt in den ersten zwei Lebensjahren und einer erhöhten allergischen Sensibilisierung auf Katzenallergene im fünften bis siebten Lebensjahr herausgestellt wurde.

Nach den aktuellen Empfehlungen der deutschen S3-Leitlinie zur Allergieprävention aus dem Jahr 2009 ist bei Risikokindern die „Auswirkung der Haustierhaltung auf die Allergieentwicklung derzeit nicht eindeutig abzuschätzen“. Die Anschaffung eines Tieres als Präventionsmaßnahme wird allerdings ausdrücklich nicht empfohlen. Da die Studien, welche bei Risikokindern in der Haltung einer Katze eher ein allergieinduzierendes Potenzial beschreiben, überwiegen, sollte bei Risikokindern die Katzenhaltung vermieden werden.

 

Besteht eine Allergie gegen Tierepithelien, sollte das Tier aus dem Haus. Viele Tierfreunde bringen das aber nicht übers Herz. Wie kann man ihnen helfen?

Pfaar: Das ist keine einfache Frage! Gerade bei betroffenen Kindern können erhebliche psychosoziale Spannungen resultieren. Der behandelnde Allergologe sollte die betroffenen Familien ausführlich darüber aufklären, dass nur durch die strikte Trennung vom Tier eine relevante Allergenreduktion im Wohnraum zu erreichen ist. Im Vergleich zu Wohnungen ohne Katzen konnten einige Studien in Wohnungen mit Katzen eine ca. 600-fach höhere Allergenbelastung im Hausstaub messen. Allerdings verbleiben die Katzenallergene relativ lange in der Raumluft.

Einige Studien konnten im longitudinalen Verlauf zeigen, dass die Konzentration des Majorallergens Fel d 1 in der Innenraumluft erst mehrere Monaten nachdem das Tier abgeschafft wurde, abfällt. Also: Der Erfolg dieser für die Patienten nie einfachen Maßnahme wird nicht in wenigen Wochen zu verzeichnen sein. Falls die Patienten sich nicht vom Tier trennen können, sollte die Katze zumindest vom Schlafzimmer und vom Wohnbereich ferngehalten werden.

 

Das Gespräch führte Springer Medizin-Redakteur Dr. Robert Bublak

Hyposensibilisierung bei Katzenallergie – kommt da noch was?
Die spezifische Immuntherapie als kausale Behandlungsform ist bei vielen Allergien ein Erfolgsmodell – allein bei der Katzenallergie sieht die Lage mau aus: Die Wirksamkeit könnte besser sein und die Rate unerwünschter Ereignisse ist hoch: In manchen Studien lag der Anteil der Patienten, die von Nebenwirkungen betroffen waren, bei über 90 Prozent.
Die Suche nach wirksameren und sichereren Alternativen ist allerdings in vollem Gang (Raap U et al. Hautarzt 2011; 62: 657–62): So gibt es Versuche mit Immuntherapien, die auf allergenspezifische T-Zellen abzielen. Verwendet werden hierfür subkutan zu spritzende synthetische Peptide, generiert aus dem dominanten Epitop für Fel d 1. Ganz frei von Risiken sind sie freilich nicht. In einer Testreihe mit 133 Katzenallergikern mussten nach Applikation des T-Zell-Peptid-Extraktes drei Probanden mit Adrenalin behandelt werden. Neuere Peptide haben bisher nur Phase-IIa-Studien durchlaufen, die dazu dienen, das Therapiekonzept zu überprüfen. Zwar induzierten sie keine Histaminfreisetzung aus basophilen Granulozyten, ob sie aber klinisch wirksam sind, muss sich erst noch zeigen.
Zudem gibt es Versuche, einschlägige Impfstoffe zu entwickeln. Dafür wird Fel d 1 an virusähnliche Partikel gekoppelt. Ein weiterer Ansatz beschäftigt sich mit dem Einsatz von Fel-d-1-beladenen Agarosepartikeln, die nach Phagozytose immunmodulatorische Effekte auslösen sollen. Von diesen Formen der Kur haben bisher jedoch nur Labormäuse profitiert, denen der Schutz vor allergischem Katarrh vermutlich nicht das dringendste ihrer Anliegen im Umgang mit Katzen ist.
Daten zur Anwendung beim Menschen liegen nicht vor. Dies gilt ebenso für die Versuche mit rekombinanten Allergenen.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben