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Dermatologie 15. März 2006

Mehr Qualität für das oberflächlichste Gebiet der Medizin

Die Nachfrage nach ästhetischen Eingriffen boomt. Dem Wildwuchs unter den Anbietern soll ein neues Zertifikat einen Riegel vorschieben

Laut einer aktuellen Umfrage des Linzer market-Instituts in Kooperation mit der Arbeitsgemeinschaft Operative Dermatologie (AOD) geben 15 Prozent der Österreicher an, auf professionelle Hilfe zurückgreifen zu wollen, um ihr Äußeres zu verbessern. Wie viele es tatsächlich schon tun, ist kaum abzuschätzen. „Die Patienten fragen jedenfalls couragierter nach“, weiß Prof. Dr. Eva-Maria Kokoschka, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Ästhetische Dermatologie und Kosmetologie der Österreichischen Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie (ÖGDV), „und kommen gezielt zu einem Aufklärungsgespräch.“ Über mangelnde Nachfrage können sich Ärzte, die ästhetische Eingriffe in ihrem Angebot haben, nicht beklagen.

Solide Ausbildung notwendig

„Das ist ein künstlich geschaffener Markt“, meint Medizinalrat Dr. Hans-Jörg Rauch, Präsident der ÖGDV, der es auch als schwierig ansieht, „wenn ein Arzt beides machen will – Krankheiten behandeln und Befindlichkeitsstörungen“, als die er unliebsame Runzeln oder Fettpolster einstuft. Es werde zudem „viel Schindluder getrieben“: Etliche Doktoren verschiedenster Fachrichtungen bieten vom Faltenfüllen bis zum Fettabsaugen jedwede Verschönerungsmaßnahme an, die sie zuweilen nur in Schnellsieder-Wochenendkursen gelernt haben. Das sieht Kokoschka ähnlich, und auch Dr. Michael Palatin, Hautarzt mit ästhetischer Schwerpunktpraxis in der Wiener Innenstadt, findet es „befremdlich, wenn Ärzte, ohne es wirklich gelernt zu haben, im Gesicht herumlasern. Ich denke, die Gynäkologen wären z.B. auch erstaunt, wenn ich einen Kaiserschnitt mache.“ Eine solide, breite dermatologische Ausbildung ist laut Palatin die Grundvoraussetzung für ästhetische Eingriffe. Kokoschka empfiehlt zudem, ehe man Kanüle und Laser schwingt, die intensive Beschäftigung mit der Physiologie des Alterns und einen Anatomie-Auffrischungskurs. Um den „schlimmen Wildwuchs“ (Kokoschka) einzudämmen, soll jetzt die fundierte Ausbildung vorangetrieben werden. Zwar sind Methoden wie Dermabrasion, Liposuktion oder Peeling bereits im Lehr- und Lernzielkatalog zum Facharzt für Dermatologie und Venerologie enthalten. Doch wie intensiv sich ein angehender Hautarzt damit auseinander setzt, ist bisher nicht nur eine Frage der Neigung, sondern hauptsächlich der Eigeninitiative. Mit der Spezialausbildung „Dermatologische Kosmetologie und Alterungsprävention der Haut“, die es wahrscheinlich noch in diesem Jahr geben wird, soll in vier Modulen im Verlauf der vierjährigen Ausbildungszeit zum Hautfacharzt das theoretische und praktische Rüstzeug für ästhetische Eingriffe geliefert werden. Das erworbene Zertifikat muss bei der Facharztprüfung vorgelegt werden. Freilich ist vorgesehen, dass die Möglichkeit, dieses Diplom zu erwerben, „auch anderen Fachrichtungen offen steht“, so Kokoschka, eine der Hauptinitiatoren. Abgesehen von den gediegenen Kenntnissen sind etliche andere Aspekte zu berücksichtigen, wenn man sich der ästhetischen Medizin widmen will. „Viele meinen, sie spritzen ein bissl Botulinumtoxin, und der Laden rennt“, wundert sich Palatin, der sich auf dem „überspannten Gebiet der ästhetischen Medizin als ein Mahner zur Bodenständigkeit“ sieht und empfiehlt: „Wenn man damit anfängt, dann sollte man sich ganz darauf einlassen.“ Geld sollte jedenfalls nicht das einzige Motiv sein.

Nicht jeden Wunsch erfüllen

Besonders ungünstig sei es, Versprechungen zu machen, die nicht gehalten werden können. Zumal bei medizinisch nicht notwendigen Eingriffen die Aufklärungspflicht besonders umfangreich ist. Mit gutem Grund. „In der kurativen Medizin werden Nebenwirkungen von den Patienten in Kauf genommen, bei ästhetischen Eingriffen nicht“, weiß Palatin. Unerwünschte Effekte – etwa von bestimmten Füllsubstanzen – können sich noch Jahre nach Behandlung zeigen, und mitunter sind die Erwartungen der Klienten auch so überzogen, dass es besser ist, die oft krausen Wünsche nicht zu erfüllen. „Ich lehne zwei von drei Patienten ab“, ist Kokoschka kategorisch. Dazu kommt, dass unzufriedene Kunden zwar nicht unbedingt zum Kadi laufen, aber doch für Negativpropaganda sorgen können und zumindest selbst nicht wiederkommen. „Nein sagen ist eine große Tugend“, da sind sich Kokoschka, Palatin und Rauch einig. Der Ästhetik-Trend geht jedenfalls weg von der Reparatur in Richtung Prävention. Der „kalifornische Stil“, wie Palatin es nennt, bei dem die Furchen, die eine der Gesundheit und damit dem Aussehen nicht gerade förderliche Lebensweise ins Gesicht gezogen hat, operativ weggestrafft werden, sei out. Heute „tut man in der ästhetischen Medizin eher Dinge, die wenige Spuren hinterlassen“, aber dennoch einen gewissen Effekt haben. Sehen die Frauen danach wieder frischer aus, hat Palatin noch eine andere Nebenwirkung festgestellt: Sie fangen an, insgesamt gesünder zu leben.

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