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Foto: http://www.frauengesundheit-wien.at
Dr. Beate Wimmer-Puchinger, Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely und Prim. Prof. Dr. Maria Deutinger (v.l.n.r.) präsentierten die neue Leitlinie.
 
Chirurgie 9. März 2010

Schönheit unter der Gürtellinie

Erstmals Kriterien für weibliche Genitalkorrekturen definiert.

Die Nachfrage nach Korrekturen des weiblichen Genitales steigt, die Anbieter werden zahlreicher. Nach Einschätzung von Experten ist dieser Trend mehr als bedenklich. Daher wurde nun ein Konsensuspapier erarbeitet, das klarstellt, wann solche Eingriffe berechtigt sind und wann nicht.

 

Die Zahl der Frauen, die ihren Genitalbereich als abnorm empfinden, wächst. Fragwürdig dabei ist, dass Frauen nicht nur nicht wissen, wie individuell unterschiedlich der gesunde weibliche Genitalbereich aussehen kann, sondern dass das Ideal sich an der kindlichen Scheide orientiert.

„Genitalchirurgische Eingriffe können enorme körperliche und seelische Folgen nach sich ziehen. Um Frauen vor Risiken zu schützen und Ärzten vor Eingriffen eindeutige Leitlinien an die Hand zu geben, ist dieses Konsensuspapier entwickelt worden“, erklärte die Wiener Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely. Gemeinsam mit der Wiener Frauengesundheitsbeauftragten Prof. Dr. Beate Wimmer-Puchinger und Prim. Prof. Dr. Maria Deutinger, Vizepräsidentin der Österreichischen Gesellschaft für plastische, ästhetische und rekonstruktive Chirurgie, präsentierte sie es Anfang März in Wien.

Nicht leichtfertig durchführen

„Die ‚Leitlinien zur weiblichen Genitalchirurgie‘ wurden zur Qualitätssicherung und Regulierung von ästhetisch motivierten genitalchirurgischen Eingriffen entwickelt“, erklärte Wimmer-Puchinger. Damit soll verhindert werden, dass Frauen genitalchirurgische Operationen aus ästhetischen Gründen leichtfertig durchführen lassen. Deutinger ergänzte: „Als plastische Chirurgin stehe ich Korrekturen im Genitalbereich sehr kritisch gegenüber. Es kann zum Verlust des Hautempfindens, zu Narbenschmerzen und narbiger Verziehung der Urethralöffnung mit Beeinträchtigung des Harnflusses kommen. Aus diesen Gründen sind Korrekturen aus rein ästhetischen Bedürfnissen abzulehnen. Vereinzelt sind solche Operationen indiziert, wenn dementsprechende Beschwerden bestehen.“

Das Konsensuspapier entstand in Zusammenarbeit des Wiener Programms für Frauengesundheit, der Wiener Ärztekammer, der Wiener MA 57, der Österreichischen Gesellschaft für plastische, ästhetische und rekonstruktive Chirurgie (ÖGPÄRC), für Gynäkologie und Geburtshilfe (ÖGGG), und für Psychosomatik in Gynäkologie und Geburtshilfe sowie der Akademie für sexuelle Gesundheit und dem Berufsverband Österreichischer Psychologinnen und Psychologen (BÖP). Die Aussagen im Konsensuspapier sind im Folgenden zusammengefasst. Der genaue Wortlaut kann im Internet heruntergeladen werden.1

Unter weiblichen Genitalkorrekturen werden Eingriffe wie Verkleinerung und Angleichung der Labia minora, Verkleinerung oder Auffüllung der Labia majora, Verengung des Introitus vaginae, Klitoris-Repositionierung unter das Hautniveau, Entfernung der Klitoris-Vorhaut, G-Punkt-Intensivierung und Modellierung des Venushügels subsumiert. Chirurgische Eingriffe bei Intersexualität fallen nicht unter diese Definition.

Nicht alles pathologisieren

Eine gynäkologisch-sexualmedizinische Anamnese ist unbedingt erforderlich, nicht zuletzt um eine Body-Dysmorphic-Disorder-Problematik auszuschließen. Die Betonung von Vielfalt und Individualität sowie das Nicht-Schadensprinzip sollen die leitenden Werte der Beratung sein.

Anamnese und Indikation

Der Wunsch nach einer Genitalkorrektur muss ernsthaft analysiert werden. Neben einer psychologischen Diagnostik ist eine ausführliche gynäkologische und sexualmedizinische Anamnese unumgänglich. Folgende Punkte müssen geklärt werden:

  • Seit wann besteht der Wunsch nach einer Genitalkorrektur?
  • Histologische Untersuchung
  • Zyklusanamnese
  • Voroperationen
  • Schwangerschaften
  • Geburten, Geburtsverletzungen
  • Beschwerden im Genitalbereich, Ausschluss von chronischen Entzündungen
  • Ausführliche Sexualanamnese: Erhebung der Sexualfunktionen, Traumatisierungen, sexuelle Zufriedenheit, kulturelle Aspekte
  • Gynäkologische Anamnese unter Einbeziehung des eigenen Körperbildes der Patientin

Im Falle eines subjektiven und objektiven Beschwerdebildes ist die weibliche Genitalchirurgie ein Teil der Fächer „Gynäkologie und Geburtshilfe“ und „Plastische Chirurgie“. Zu diesen indizierten chirurgischen Eingriffen zählen z. B. ausgeprägte Labienhypertrophie mit rezidivierenden Irritationen im Vulvabereich. Eine Indikation liegt vor:

  • bei ausgeprägter Labienhypertrophie mit objektivierbaren organischen Beschwerden.
  • bei rezidivierenden Irritationen im Vulvabereich nach Ausschluss anderer Ursachen.
  • nach Ausschluss einer Body Dysmorphic Disorder.
  • nach Ausschöpfung des gynäkologischen Behandlungsrepertoire mit begleitender psychologischer Beratung und Diagnostik.
  • Eine Kontraindikation liegt vor, wenn der Arzt keine Gewissheit über die freie Willensbekundung der Patientin hat oder ernsthafter Druck von Dritten vermutet wird.
  • die Patientin ein gestörtes Selbst- und/oder Körperbild bzw. unrealistische Erwartungen hinsichtlich der Ergebnisse des Eingriffs hat.
  • die Patientin nicht in der Lage oder bereit ist, die Risiken und Konsequenzen des Eingriffs zu erfassen und zu akzeptieren, nachdem sie von geschultem Personal darüber aufgeklärt wurde.

Rechtliche Situation und Qualitätskriterien

Ästhetische chirurgische Eingriffe gelten als Körperverletzung im Sinne des Strafgesetzbuchs und bedürfen somit zu ihrer Rechtfertigung der Einwilligung der Patientin. Die Grenzen dieser Einwilligungsmöglichkeiten werden im § 90 StGB normiert. Obwohl § 90 Abs 3 StGB hauptsächlich auf das Verbot von weiblicher Genitalverstümmlung abzielt, ist dieser Paragraph auch auf ästhetische Korrekturen des weiblichen Genitale anwendbar.

Hinsichtlich Veränderungen im Genitalbereich stellt § 90 Abs 3 StGB eine Lex specialis dar und besagt, dass „in eine Verstümmelung oder sonstige Verletzung der Genitalien, die geeignet ist, eine nachhaltige Beeinträchtigung des sexuellen Empfindens herbeizuführen, nicht eingewilligt werden [kann].“ Unter Verstümmelung ist die Entfernung von Körperteilen im Genitalbereich zu verstehen. Unter sonstige Verletzung der Genitalien fallen Eingriffe, die eine Störung des Erregungsaufbaus bewirken können. Beide Tatmodalitäten müssen geeignet sein, eine nachhaltige Beeinträchtigung des sexuellen Empfindens herbeizuführen, wobei die potenzielle Gefahr einer solchen Störung ausreicht.

Für den Operateur gelten folgende Qualitätskriterien: Der Operateur soll Experte in Frauenheilkunde und/oder Plastischer Chirurgie sein. Er muss im Besitz einer sexualmedizinischen Basiskompetenz sein. Eine holistische Anamnese ist unabdingbare Voraussetzung, um die Patientin im Genitalbereich zu operieren. Der Operateur muss imstande sein, andere Faktoren auszuschließen, etwa Infektionen, Hauteffloreszenzen, Morbus Becet, Atrophisierungen der Scheide und der Vulva oder hormonelle Probleme, die zu Beschwerden (z. B. vulväre Irritationen oder Rötungen) führen können. Der Arzt für Frauenheilkunde bzw. der Plastischen Chirurgie muss eine psychologische Basiskompetenz mitbringen, mit der er zumindest erkennen kann, wann eine Überweisung zum Psychologen oder Sexualtherapeuten erforderlich ist.


1 Konsensuspapier zum Download: www.diesie.at/export/sites/fsw/diesie/downloads/dokumente/dieSie-Konsensuspapier-Web.pdf

Eine ausführliche Literaturliste zum Thema ist abrufbar unter: www.frauengesundheit-wien.at/publikationen/Genitalchirurgie/

 

Quelle: Wiener Programm für Frauengesundheit.

Die Konsensuskonferenz empfiehlt:
• Gynäkologische und sexualmedizinische Anamnese
• Gynäkologische Untersuchung
• Psychologische Diagnostik
• Sexualmedizinische und psychologische Grundkompetenzen des behandelnden Arztes
• Abklärung der Motive der Patientin für den gewünschten Eingriff
• Abklärung der sexuellen Zufriedenheit und der sexuellen Erfahrungen der Patientin
• Abklärung einer Body Dismorphic Disorder bei der Patientin
• Unbedingte Zuweisung der Patientin zum Psychologen oder Sexualtherapeuten bei Verdacht auf psychologische Risikofaktoren bzw. Störungen mit anschließender Beratung und weiterführender Empfehlung für Behandlung und Therapie
• Anwendung der Transgender-Diagnostik bei einer psychologischen Diagnose
• Verwendung eines Patientinnen-Aufklärungsbogens

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