zur Navigation zum Inhalt
 
Orthopädie 28. Februar 2008

Perverses Schönheitsideal (Narrenturm 132)

Die Lotosfüße der Frauen waren tausend Jahre lang der Inbegriff der Erotik und Schönheit in China. Trotz des romantischen Namens handelt es sich hier um eines der perversesten Schönheitsideale, die man – Mann? – sich jemals ausgedacht hatte. Eine Vitrine in der Schausammlung des Pathologisch-anatomischen Bundesmuseums erinnert an diese qualvolle Verstümmelung, die Generationen von – selbst mit künstlichen Klumpfüßen gestraften – Müttern ihren Töchtern angetan haben. Erst 1949 wurde dieser grausame Brauch durch Mao Zedong endgültig geächtet und verboten.

 Füße einer Chinesin
Füße einer Chinesin mit der typisch künstlichen Verkrüppelung.

 Klumpfuß
Inbegriff der Schönheit – und der Grau­samkeit: der künstliche Klumpfuß.

Fotos: Nanut/Regal

Drei chinesische „Cun“ – rund zehn Zentimeter – war das Idealmaß, das nach der bis zu 15 Jahre dauernden Tortur erreicht werden sollte. Diesen „Goldenen Lotos“ – Schuhgröße 17 – erreichten aber nur wenige Frauen. 13 bis 14 Zentimeter maß ein durchschnittlicher Frauenfuß am Ende des brutalen Bandagierens, mit dem im Alter von fünf bis acht Jahren begonnen wurde.
Die Prozedur, bei der vier Zehen – die große blieb frei – mit straffen Bandagen so unter die Fußsohle geschnürt wurden, dass die Fußnägel am Boden auflagen, war äußerst schmerzhaft: „Für jedes Paar gebundener Füße ein Eimer voller Tränen“ hieß es in einem chinesischen Sprichwort. Zudem drohte Lebensgefahr. Da die meterlangen Bandagen jeden Tag erneuert und täglich enger gezogen wurden, bis die Knochen brachen, kam es auch zu Durchblutungsstörungen der Zehen, die dann langsam verfaulten, vereiterten und im besten Fall – weil sie dann keine Schmerzen mehr verursachten – komplett abstarben. Manche Mütter förderten diesen Fäulnisprozess auch noch, indem sie Schmutz unter die Binden wickelten. Eine tödlich verlaufende Sepsis war deshalb durchaus im Bereich des Möglichen.
Im Idealfall sollte der Fuß, nachdem die Zehen verrottet waren, unter den Bandagen zierlich und klein erscheinen und an eine Mondsichel erinnern. Normal gehen, geschweige denn weite Strecken zurücklegen konnten die Frauen mit diesen Lotos- oder Lilienfüßen aber nicht mehr. Das schwankende, hilflose Trippeln – der Lotosschritt – galt chinesischen Männern angeblich als der Inbegriff der Erotik. Doch ohne fremde Hilfe konnten diese Frauen praktisch nicht mehr das Haus verlassen. Wahrscheinlich auch ein Grund für die Deformierung der Füße. Gemäß den Moralvorstellungen der Zeit war es für wohlhabende verheiratete Frauen ja unschicklich, sich außerhalb des Hauses aufzuhalten. Nur die Töchter der ärmsten Bauern hatten in diesem Fall Glück. Da sie als Arbeitskräfte mit intakten Füßen am Feld benötigt wurden, verzichteten ihre Mütter manchmal auf diese qualvolle verkrüppelnde Prozedur.

Gefangene auf Lilienfüßen

Wie kam es, dass verkrüppelte, faulende und eitrig stinkende Füße zu einem Schönheitsideal und die Männer Chinas scheinbar allesamt zu Fußfetischisten wurden? Angeblich zählte bei den heiratswilligen Männern Chinas weder die Schönheit noch die Ausstrahlung einer Frau, sondern nur die Größe der Füße. Einer Legende nach litt im zehnten Jahrhundert eine Kaiserin an einem Klumpfuß. Damit ihre Missbildung nicht so auffiel, soll der Kaiser allen Hofdamen eine der Kaiserin ähnliche Verstümmelung der Füße befohlen haben.
Wahrscheinlicher ist jedoch die Geschichte der Geliebten des Kaisers Li Yu, der im Jahr 975 regierte. Er soll seiner Lieblingskonkubine, einer Tänzerin, eine Bühne aus Gold in Form einer mit kostbaren Edelsteinen geschmückten Lotosblüte gebaut haben. Damit sie in dieser winzigen Blüte tanzen konnte, musste sie sich ihre Füße mit weißen Seidenbandagen schnüren. Damit begann angeblich der Irrsinn mit den gebundenen Füßen in China.
In dieser liberalen Dynastie waren die Bandagen – ähnlich den stabilisierenden Bandagen der Balletttänzerinnen von heute – aber nur locker geschnürt. Aus der höfischen Mode, die bald auch die Frauen der Oberschicht übernahmen, wurde so nach und nach ein, von höfischen Poeten überschwänglich gepriesenes und besungenes, in fast allen Schichten der chinesischen Gesellschaft anerkanntes Schönheitsideal. Später – in weniger liberalen Zeiten – hatte es auch noch den Vorteil, die Frauen zu disziplinieren und ihre Rolle auf den häuslichen Bereich zu konzentrieren. „Gefangene auf Lilienfüßen“ nannte man damals die Chinesinnen.

Setzt die Füße frei

Die Beendigung des Füßebindens war letztlich ein langwieriger Prozess. Eine annähernd tausend Jahre alte „Kultur“ konnte naturgemäß nicht von heute auf morgen abgeschafft werden. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts gab es immer wieder Frauenbewegungen, die das Binden der Füße ablehnten. Aber erst mit dem Sturz des letzten Kaisers und der Ausrufung der Republik 1911 wurde das Binden der Füße offiziell verboten, geheim aber weiter durchgeführt. Auch Mao Zedong verlangte, dass die Füße „freigesetzt“ werden. Er erreichte dies letztlich aber erst 1949 nach der Gründung der Volksrepublik China. Heute ist dieser Brauch in China verboten und auch unüblich geworden. Die letzte Fabrik, die diese speziellen chinesischen Damenschuhe herstellte, schloss 1988 für immer ihre Pforten.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 9/2008

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben