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Mit Verwaltungsarbeit belasten sich Ennser Ärzte nicht mehr .
© Peter Christian Mayr, BSc

Wolfgang Hockl: „Der Anteil der nichtärztlichen Arbeit ist von 50 auf 10 Prozent gesunken.“

© Sivlia Desanti

Ärzte im GHZ Enns lassen sich gern über die Schulter schauen.

 
Gesundheitspolitik 17. Mai 2017

Ärzte werken Tür an Tür

Gesundheitszentren. Vier Primary Health Care Center bestehen hierzulande – allesamt Pilotprojekte. Zwei davon stehen in Oberösterreich. Ein Lokalaugenschein in Enns zeigt: die Chemie zwischen den Beteiligten stimmt.

PVE und PHC sind keine neuen Kunststoffe. PVE bedeutet Primärversorgungseinheit und das ist der neue, eingedeutschte Name für Primary Healthcare Center – besser bekannt unter dem Kürzel PHC. Schon lange vor dem derzeit in Begutachtung befindlichen Gesetz begann die Debatte über eine Reform, die die engere Zusammenarbeit der niedergelassenen Allgemeinmediziner miteinander und mit anderen Gesundheitsberufen zum Ziel hatte. Damit sollten nicht zuletzt verlängerte Öffnungszeiten, eine bessere Synergie etwa bei Geräten oder Personal und eine Verlagerung der Primärversorgung von den Spitalsambulanzen hin zum niedergelassenen Bereich erzielt werden.

Echte PHC sind eine absolute Ausnahme in Österreich. Zwar finden sich Kooperationen wie etwa das Netzwerk Styriamed, Gruppenpraxen oder Ärztehäuser, in denen verschiedene Ordinationen versammelt sind, aber eine koordinierte Zusammenarbeit mehrerer niedergelassener Allgemeinmediziner in einem Haus inklusive anderer Gesundheitsberufe mit gemeinsamer Abrechnung gegenüber der Krankenkasse ist Mangelware. Derzeit sind es neben zwei Projekten in Wien – Mariahilf ist in Betrieb, Donaustadt ist in Planung – zwei weitere in Oberösterreich: Das Gesundheitszentrum Enns (GHZ Enns) und das PHC in Haslach an der Mühl, das 2018 in Betrieb gehen wird.

Gute Lebensqualität

MR Dr. Wolfgang Hockl, Initiator des GHZ Enns, hat enorme Freude mit seinem Projekt: „Ich schätze, der Anteil der nichtärztlichen Arbeit in meinem Beruf ist von 40 auf 10 Prozent gesunken.“ Nicht nur, dass die Verwaltungsarbeit im GHZ an einen – mit Werkvertrag beschäftigten – Geschäftsführer ausgelagert wurde, durch die Zusammenarbeit mit einem Sozialarbeiter und anderen Gesundheitsberufen wird viel von dem, was niedergelassene Allgemeinmediziner sonst außerhalb ihrer eigentlichen Aufgabe der Diagnose und Therapie für ihre Patienten erledigen, an jeweils geeignetere Mitglieder des Teams, das diplomierte Pflegepersonal, die Hebamme, Physio- oder Psychotherapeuten bzw. den Sozialarbeiter, abgetreten. Die Ordinationshilfen wurden alle übernommen, außer einer, die in Pension ging. „Die Zusammenarbeit klappt ausgesprochen gut“, meint Hockl. „Auch sie sind froh, dass die Arbeit nun aufgeteilt werden kann.“

Man müsse sich jedoch bei der Arbeit über die Schulter schauen lassen, „und damit haben manche Kollegen, mit denen ich mich über unsere Zusammenarbeitsform unterhalte, ein Problem“, sagt Hockl. Der Vorteil: Ein zweiter Blick kann eine neue Sichtweise bringen. Eine gemeinsame Patientendatei mit unterschiedlichen Zugriffsrechten, aber Schreibrechten aller Berufsgruppen sorgt für einen optimalen Informationsfluss. Großen Wert legt Hockl auf die präventiven Maßnahmen, von Diabetikerschulungen über Raucherentwöhnung bis zur Wirbelsäulengymnastik.

Das PHC in Haslach ist derzeit noch in Bau. Hier stellt die Gemeinde das Gebäude zur Verfügung, in diesem Fall das ehemalige Webereimuseum, während das Gesundheitszentrum Enns im ehemaligen Schwimmbad logiert. Die Finanzierung der Gebäude ist unterschiedlich. In Haslach vermietet die Gemeinde an die Ärzte, während in Enns eine eigene Gesellschaft gegründet wurde, die etwas mehr als die Hälfte des Baus an Fachärzte und Gesundheitsbetriebe vermietet, um die Kosten zu tragen. Gesellschaftsrechtlich ist Enns eine ÄrzteGmbH, Haslach hingegen eine Offene Gesellschaft.

Strenge Abrechnung

Die abrechnungstechnische Organisation ist in beiden Fällen eine „Gruppenpraxis 1“, wobei ausnahmsweise eben auch andere Gesundheitsberufe angestellt werden können. Die Kosten für diese Anstellungen tragen die OÖGKK und das Land Oberösterreich. Die Ärzte erhalten in diesen Pilotprojekten eine Pauschale entsprechend ihren früheren Umsätzen. Die vermehrten Leistungen werden durch die Synergieeffekte der Gemeinschaftspraxis ausgeglichen. „Normalerweise enthalten die Honorare ja auch die Kosten für die Ordination wie Miete, Personalkosten und Gerätschaften“, erklärt Hockl. Außerdem hat das GHZ Enns einen verbindlichen Leistungskatalog.

Das Interesse an Zusammenarbeit ist besonders bei Jungärzten sehr hoch. Was muss nun jemand tun, der so ein PHC gründen will? Hockl: „Junge interessieren sich genug, aber es braucht auch die Erfahrenen. Die Chemie zwischen den Menschen muss stimmen. Dann muss man die juristischen und finanztechnischen Feinheiten ausdiskutieren. Etwa, wie die Honorare aufgegliedert werden oder die Urlaubsregelung. Und es muss ein Ausstiegsszenario geben.“ Wichtig sei auch langsames Wachstum, um die Mitarbeiter nicht zu überfordern. Natürlich könne die Teamarbeit bei guter Vernetzung auch in getrennten Ordinationen funktionieren, aber im selben Haus sind die Partner doch viel schneller zur Hand.

Für Dr. Erwin Rebhandl, Initiator des PHC Haslach und von 1994 bis 2010 Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (ÖGAM), sind die Rahmenbedingungen entscheidend. Daran seien auch die bisherigen politischen Vorstöße in Richtung ärztlicher Gemeinschaften aller Art wie Gruppenpraxis, Ärzte GmbH und andere gescheitert. „Es wird nicht funktionieren, wenn etwa ein Netzwerk sofort eine gemeinsame Rechtspersönlichkeit sein muss, weil die Voraussetzungen der Teilnehmer zu unterschiedlich sind“, erklärt er. „Wenn man aber einen Verein darüber setzen kann, der die Vernetzung macht, dann kann das Ganze zusammenwachsen und geht vielleicht irgendwann einmal in eine Gruppenpraxis oder ein PHC über.“ Er weist – wie auch Hockl - auf den langen Weg und die schwierigen Verhandlungen mit Sozialversicherungsträgern, Ärztekammer, Gemeinde und Land hin, bis der Weg zum PHC geebnet ist.

Die OÖGKK ist von der neuen Form der Zusammenarbeit überzeugt und will bis 2020 mindestens ein Dutzend Standorte verwirklicht sehen. „Neben Enns und Haslach sind einige weitere Projekte schon sehr konkret in Vorbereitung“, erklärt OÖGKK-Obmann Albert Maringer. „Unsere Versicherten erhalten eine Versorgung aus einem Guss. Wir können unseren zukünftigen Vertragsärzten neben der klassischen Einzelordination und Gruppenpraxis ein sehr attraktives neues Arbeitsmodell anbieten, ein wichtiger Hebel bei der Nachbesetzung von Stellen. Vor allem bei chronisch Kranken erhoffen wir uns eine deutlich bessere, effektivere Versorgung und dadurch einen Wegfall von Drehtüreffekten, belastenden Weiterüberweisungen.“ Warum nur Wien und Oberösterreich PVE zustande bringen? Maringer verweist auf die gute Zusammenarbeit aller Akteure. Patentrezepte gebe es keine. Jeder Standort müsste geprüft werden.

2012: Das Spital in Enns wird geschlossen, die Idee zu einer PHC-Gründung wird geboren.

2013: Erste Entwürfe werden vorgelegt

2014: Grundsatzvertrag für das PHC Enns von OÖGKK, Land Oberösterreich und Ärztekammer

2015: Konkrete Planung

3. April 2016: Spatenstich

Dezember Übergabe und Übersiedelung

Seit Jänner 2017 ist das PHC Enns in Betrieb

 

Silvia Desanti

, Ärzte Woche 19/2017

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