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© Maurizio Gambarini/picture alliance


Dr. Johannes Steinhart
Vizepräsident der Ärztekammer

(c) ÖAK/Bernhard Noll

 
Gesundheitspolitik 30. September 2016

Steinhart: „Die Probleme kommen schneller, als das manche glauben mögen“

Dr. Johannes Steinhart, oberster niedergelassener Arzt des Landes, funkt wegen „einer Fülle offener Baustellen“ SOS. Er fordert Bundeskanzler Christian Kern auf, einen Gesundheitsgipfel einzuberufen.

Die gesundheitspolitische Diskussion wird gerade vom Streit der Wiener Spitalsärzte gegen die Stadt und das KAV-Management in Atem gehalten. Warum schlagen Sie als Bundeskurienobmann der niedergelassenen Ärzte in diesem Moment Alarm?

Steinhart: Die Missstände in den Spitälern, die jüngst in Wien in einem Ärztestreik gipfelten, sind ja nur die Spitze des Eisberges. In Wahrheit bröckelt das heimische Gesundheitssystem an allen Ecken und Enden. Schuld sind die vielen, zum Teil seit Jahren offenen Baustellen, die nicht bearbeitet werden.

Welche Baustellen meinen Sie konkret?

Steinhart: Unterversorgung im niedergelassenen Bereich, Ärztemangel, Bürokratie, Mystery Shopping, mangelhafte Umsetzung der E-Medikation, Stillstand bei der Primärversorgung – um nur einige zu nennen.

Wie Sie selbst sagen, sind viele dieser Themen nicht erst seit heute auf dem Tisch. Warum kommt ihr SOS jetzt – und warum in dieser Vehemenz?

Steinhart: Weil die Gefahr wächst, dass sich all die genannten Baustellen durch die eingetretene Kumulierung verdichten. Aus meiner Sicht besteht inzwischen schwere Gefahr im Verzug – auch für den niedergelassenen Bereich. Die Probleme im Wiener KAV sind nur ein Symptom für ein generelles Systemversagen, wodurch auch der niedergelassene Bereich massiv bedroht wird, von zahllosen Problemen überflutet zu werden. Unsere Patienten spüren die Versorgungsengpässe am eigenen Leib. Aus meiner Sicht rutschen wir gerade in die spürbarste Krise seit Jahrzehnten. Darum mein Appell, endlich zu handeln.

Hat die Ärztekammer in der Vergangenheit gehandelt oder sich aufs Protestieren beschränkt?

Steinhart: Wir haben immer wieder die Probleme nicht nur angesprochen, sondern auch unzählige Verbesserungsvorschläge gemacht, leider ohne Erfolg. Eines der gravierendsten Probleme ist dabei, dass die Ärzteschaft bei Gesprächen und Verhandlungen auf ein sehr heterogenes Visavis trifft: mehrere Ministerien, neun Ländervertretungen, regionale Spitalserhalter, 22 Krankenkassen und nicht zuletzt den Hauptverband als Verwalter der Verwalter. Letztere bezeichnen sich zwar selbst immer gerne als die „Zahler“, aber das ist falsch, es zahlen die Bevölkerung und die Patienten, die anderen verwalten deren Geld nur. Wie sinnvoll sie das tun, darüber kann man diskutieren. Wenn sie zum Beispiel anregen, Spitalsärzten eine Nebenerwerbstätigkeit zu verbieten, dann muss man sich schon fragen, welcher Geist die Verwalter im Hauptverband da wohl geritten hat. Uns ist das unerklärlich. Die Wahlärzte tragen heute einen ganz wichtigen Teil zur flächendeckenden Patientenversorgung bei, ohne sie könnte diese in manchen Regionen und Fachdisziplinen schlicht und einfach nicht mehr aufrechterhalten werden. Da darf die kritische Frage schon erlaubt sein, ob Budget und Mitarbeiter im Hauptverband nicht sinnvoller eingesetzt werden könnten.

Diese Frage wollen Sie Bundeskanzler Christian Kern stellen, haben Sie doch vergangene Woche den Regierungschef aufgefordert, einen – ich zitiere – „Institutionen-übergreifenden Gesundheitsversorgungsgipfel mit allen Stakeholdern zu initiieren“. Ist es nicht ungewöhnlich, sich mit diesem Wunsch direkt an den Bundeskanzler zu wenden statt an die zuständige Ministerin?

Steinhart: Gesundheitsversorgung ist ein ebenso wichtiges wie umfassendes Thema, sodass es endlich zur Chefsache werden muss. Dabei sollte die Bevölkerung eingebunden werden, um mitzuentscheiden, wie sie ihr Geld eingesetzt haben will, ob sie zukünftig noch mehr Verwaltung oder lieber mehr Leistung will.

Welche Themen wollen Sie mit dem Kanzler besprechen?

Steinhart: Wir haben drei große Themenblöcke auf dem Tisch: Erstens, die Organisation der ärztlichen Arbeit in den Spitälern, zweitens, die Entwicklung des niedergelassenen Bereichs und drittens die Zukunft der Wahlärzte. Die ärztliche Arbeitszeit in den Spitälern wurde reduziert, gleichzeitig wurden Aufnahmestopps und Überstundenverbote ausgesprochen. Das bedeutet, dass Tätigkeiten in den niedergelassenen Bereich ausgelagert werden sollen. Aber wie soll das funktionieren, wenn gleichzeitig auch dort eine Rückführung passiert? Wir haben heute gleich viele Kassenverträge wie im Jahr 1999 (red. Anmerkung: aktuell 8.165), aber inzwischen um 700.000 Menschen mehr zu versorgen. Dazu kommen nicht an den Bedarf orientierte Deckelungen und Degressionen. Diese Diskrepanz spüren die Menschen immer stärker. Wir haben immer betont: Der niedergelassene Bereich ist sofort bereit, Leistungen aus dem Spitalsbereich zu übernehmen. Dafür brauchen wir aber ca. 1.400 Kassenverträge zusätzlich sowie das Ende von Deckelungen und Degressionen. Das wäre letztendlich trotzdem auch die kostengünstigere Lösung. Wir finden damit aber leider immer noch zu wenig Gehör. Drittens die Wahlärzte: Wir haben 9.790 praktizierende Wahlärzte in Österreich, die – wie schon erwähnt – manche Problemzonen verdienstvoll abfedern. Überlegungen wie zuletzt vom SPÖ-Gesundheitssprecher oder vom Hauptverband, über diese Wahlärzte de facto ein Berufsverbot zu verhängen, sind nicht nachvollziehbar und eher als abstrus einzuordnen. Solche Vorschläge können nur einer gewissen Orientierungslosigkeit und Ratlosigkeit der Politik geschuldet sein. Notwendig wäre viel mehr das Gegenteil, nämlich sowohl im spitals- als auch im niedergelassenen Bereich endlich Rahmenbedingungen zu schaffen, die diese Tätigkeiten für Jungärzte wieder attraktiv machen. Ich darf daran erinnern: Es steht uns ein Ärztemangel bevor, der ein dramatisches Ausmaß erreichen wird. Wenn sich nichts ändert, werden wir 2030 nur mehr die Hälfte der heute aktiven Ärzte zur Verfügung haben. Und schon jetzt sind 70 Kassenordinationen österreichweit nicht besetzt. Das Problem kommt viel, viel schneller auf uns zu, als das manche immer noch glauben mögen.

Ist der von Ihnen prognostizierte Ärztemangel systembedingt oder gibt es auch in der Ausbildung diesbezüglich bereits Defizite?

Steinhart:Wir spüren vor allem die zunehmende Ärztemigration. Zwischen 2003 auf 2015 ist die Gesamtzahl der Humanmedizin-Absolventen nicht gestiegen, der Anteil ausländischer Studierender daran hat sich im gleichen Zeitraum verfünffacht. Das heißt, dass ein wesentlicher Teil der Medizinstudenten später nicht als Arzt in Österreich arbeitet. Hier müssen unsere Bildungspolitiker rasch gegensteuern, und zwar gemeinsam mit der Gesundheitspolitik, die gleichzeitig für bessere Arbeitsbedingungen sorgen muss, damit möglichst viele Jungmediziner im Land bleiben.

Zurück zum Gesundheitsgipfel: Wann sollte ein solcher stattfinden und wie lange werden die Verhandlungen dauern, bis es in all den genannten Problemzonen zu einer Einigung kommen könnte?

Steinhart: Es wäre wichtig, den Gipfel noch im laufenden Jahr zu starten. Und dann muss man eben so lange zusammensitzen, bis ein Konsens in den wesentlichen Fragen gefunden wurde und entsprechende Lösungen ausverhandelt sind.

Volkmar Weilguni hat mit Johannes Steinhart gesprochen

, Ärzte Woche 40/2016

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