zur Navigation zum Inhalt
 
Praxis 20. November 2015

In Ewigkeit vernetzt

Digitale Nachlassverwalter prüfen Datenbanken von Online-Firmen, um verwaiste Accounts von Verstorbenen aufzuspüren.

Wer heute stirbt, ist längst nicht tot. Im digitalen Zeitalter geistern immer häufiger verwaiste Facebook-Profile oder Kundenkonten durch die Netzlandschaft. Wenn Angehörige den Nachlass regeln wollen, stoßen sie in der virtuellen Welt vielfach an ihre Grenzen. Aber auch Firmen stellt der Tod im Netz vor Herausforderungen.

Für jede Plattform ein Account, für jede Mitgliedschaft ein Passwort. Neun von zehn Internetnutzern haben laut einer Studie des IT-Verbands Bitkom allerdings nicht festgelegt, was im Todesfall mit ihren Daten passieren soll. Diese aufzuspüren und zu löschen hat sich das Berliner Start-up Columba zur Aufgabe gemacht. Die digitalen Nachlassverwalter prüfen mithilfe eines patentierten Prozesses die Datenbanken diverser Online-Firmen. Knapp 250 Partnerschaften gebe es bislang, darunter eBay, Spotify und Amazon. Anschließend erhalten die Erben eine Liste mit Seiten, auf denen der Verstorbene aktiv war.

Bestatter als Bindeglied

Bindeglied zwischen Endkunde und der Berliner Firma sind die Bestattungsunternehmen, die den Dienst zum Pauschalpreis buchen. Seit dem Markteintritt 2013 hat Columba nach eigenen Angaben bereits über 1.000 Bestatter ins Boot geholt. Die Online-Anbieter profitieren davon, den Status der Kunden überprüfen zu lassen – denn wer will Newsletter an Verstorbene schicken oder mit verwaisten Datensätzen arbeiten?

Auch Birgit Aurelia Janetzky arbeitet an der Schnittstelle zwischen Leben und Tod. Vor fünf Jahren gründete die studierte Theologin die Firma Semno. Anfangs knackte sie selbst Passwörter von Verstorbenen und stöberte in deren Vergangenheit, doch diese Dienstleistung hat sie abgegeben. „Ich berate Unternehmen, die digitalen Nachlass in ihre Produktpalette integrieren wollen“, erklärt die Expertin aus Denzlingen in der Nähe von Freiburg. Denn auch Bestattungsunternehmen suchen im Netz den Kundenkontakt. Gerade in dieser Branche brauche es besondere Kommunikationsansätze, so Janetzky. „Menschen sind in dieser Situation sehr verletzlich. Der lockere Umgangston auf Facebook ist oft irritierend.“ Mit Vorträgen und Seminaren will sie die Verantwortlichen in puncto Social Media fit machen und Richtlinien im Umgang mit Twitter & Co. entwickeln. Zu ihren Kunden zählen auch freie Hospizdienste oder Angestellte aus dem Palliativbereich. „Immer mehr junge Menschen machen ihren Sterbeprozess im Internet öffentlich“, so Janetzky. Dabei meint sie einen Trend, der vor allem aus den USA kommt: Viele Betroffene nutzen Soziale Medien, um von ihrer Krebserkrankung zu berichten.

Der Bereich „digitaler Nachlass“ werde zukünftig mehr an Bedeutung gewinnen. Das verwundert nicht: Denn die Toten von morgen sind besser vernetzt als Oma und Opa vor 30 Jahren. Laut der ARD/ZDF-Onlinestudie waren 79 Prozent der Deutschen im vergangenen Jahr online – 1,4 Millionen mehr als 2013. Der Großteil shoppt regelmäßig im Netz, fast die Hälfte nutzt Online- Communities – natürlich immer mit Account.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben